Ulrich: mächtiger Bischof und barmherziger Samariter
Liebe Mitbrüder im Bischofsamt, liebe Priester und Diakone, liebe Schwestern und Brüder! Es geht los. Endlich ist er da: der Tag, auf den wir uns seit zwei Jahren vorbereitet haben. Danke dem Ulrichskomitee unter Leitung von Domkapitular Dr. Thomas Groll und den kreativen Köpfen und Herzen, die das Jubiläumsjahr auf die Beine stellen. Heute geht’s los: Wir begehen den 1.050. Todestag des hl. Bischofs Ulrich, seinen Geburtstag für den Himmel. Das ist ein Grund zum Feiern, und ich übertreibe nicht, wenn ich sage: für ganz Europa!
Ulrich von Wittislingen, aus dem alemannischen Geschlecht der Hupaldinger, stammte nicht nur aus schwäbischem Hochadel und verkehrte als Reichsfürst mit den Mächtigen seiner Zeit; er hat durch sein konsequentes Leben in der Nachfolge Christi auch Maßstäbe gesetzt, die bis heute weit über die Grenzen Bayerns hinaus nachwirken. So wird der Sieg des christlichen Heeres unter König Otto I. bei der Schlacht auf dem Lechfeld im August 955 traditionell seinen umsichtigen Vorbereitungen und vor allem seinem unerschütterlichen Gottvertrauen zugeschrieben, ganz ähnlich wie wir es gerade in der Lesung aus dem 2. Makkabäerbuch gehört haben (2 Makk 13,12.14). Das Ende eines jahrzehntelangen kriegerischen Konfliktes eröffnete die Möglichkeit, dass Deutsche und Ungarn auf einem gemeinsamen christlichen Fundament friedlich als Nachbarn in Europa leben konnten. Verbunden durch verwandtschaftliche Beziehungen, brachte dies sogar Heilige hervor – wie die hl. Elisabeth, die als ungarische Prinzessin mit familiären Wurzeln in Andechs-Meranien Landgräfin von Thüringen wurde und bis heute zu den franziskanischen Lichtgestalten des Hochmittelalters zählt.
Zudem ging Bischof Ulrich auch als Friedensstifter in die Geschichte ein: Zusammen mit dem Churer Bischof Hardpert setzte er sich 954, im Familienzwist zwischen König Otto und seinem Sohn Luidolf, für eine gütliche Einigung ein; so erreichte er im Frieden von Tussa/Illertissen, dass unter das sinnlose Blutvergießen zwischen Verwandten und deren Parteigängern endlich ein Schlussstrich gezogen wurde.
Der Friedenssicherung dienten auch die zahlreichen Reisen des hl. Ulrich. Als Kind der nordschwäbischen Provinz hatte er seine „Grundausbildung“ in der Abtei St. Gallen erhalten; er lernte, wie wichtig ein tragfähiges Netzwerk mit geistlichen und politischen Verantwortungsträgern war. Um für Augsburg Reliquien heiliger Märtyrer zu erwerben, besuchte er u.a. die älteste Abtei Europas, Saint Maurice im Unterwallis, und begründete damit die Verehrung des hl. Mauritius und der Märtyrer der Thebäischen Legion (3. Jh.) im ganzen süddeutschen Raum. So freue ich mich, zur Eröffnung des Ulrichsjubiläums auch Gäste aus Leuk-Stadt im Wallis, Herrn Pfarrer Noti, Herrn Burgermeister (!) Grand mit Gattin und eine Abordnung des Päpstlichen Zuavenregiments begrüßen zu dürfen. Die traditionellen Uniformen, die aus dem Kampf des Kirchenstaates gegen die italienischen Revolutionäre stammen, tragen sie zur Erinnerung an Oberst Eugen Allet (1814-1878), ihren Leuker Mitbürger.
Der Rückweg von der Abtei des hl. Mauritius führte Ulrich auch über Rottenburg, wo er der Legende nach von zwei Engeln den Befehl erhielt, einen Teil der Reliquien dort zu lassen. Die heute noch bestehende Morizkirche (!) besitzt tatsächlich auch eine Ulrichskapelle und so gibt es eine historisch-geistliche Verbindung zwischen der Diözese Rottenburg-Stuttgart und unserer Augsburger Moritzkirche, in der seit nunmehr über tausend Jahren (1019) die kostbaren Reliquien verwahrt sind.
Heute fassen wir eine solche Kontaktpflege unter den Begriff der Völkerverständigung – ein Anliegen, das mit dem Krieg des russischen Präsidenten gegen die Ukraine wieder brennende Aktualität gewonnen hat: ganz gleich, ob wir an den Kniefall des Bundeskanzlers Willi Brandt 1970 am Denkmal des Warschauer Ghettoaufstandes oder an den ehemaligen französischen Außenminister Robert Schuman (1886-1963), den Promotor der deutsch-französischen Freundschaft, denken, deren 60jähriges Bestehen wir in diesem Jahr gefeiert haben.
Schuman, einer der profiliertesten Gründungsväter der Europäischen Union, war übrigens 1955 in der Ulrichswoche Gast von Bischof Dr. Joseph Freundorfer. Damals hielt er im längst abgerissenen Ludwigsbau eine flammende Rede für den Frieden und die europäische Einigung und schlug einen Bogen von den Zeiten des hl. Ulrich zur Gegenwart. Als Brückenbauer und Vermittler nach dem Zweiten Weltkrieg trat er entgegen aller Vorbehalte offen für die Notwendigkeit der deutschen Wiedervereinigung ein, weil er darin den „Auftakt (…) für die Einigung und Befriedigung Europas“[1] sah. In seiner Lauterkeit und Versöhnlichkeit ist und bleibt Robert Schuman als Politiker und Staatsmann ein Vorbild für heute. Daher können wir den tiefgläubigen lothringischen Katholiken, dem Papst Franziskus vor kurzem (am 19. Juni 2021) den heroischen Tugendgrad als Vorstufe zur Seligsprechung zuerkannte, getrost in die Nähe des hl. Ulrich stellen. – Möge sein Engagement auch heute Menschen inspirieren, zu Friedensstiftern und Brückenbauern zu werden, ihre Kraft und Phantasie in den Dienst der Versöhnung zu stellen, die wir Christen vom Evangelium her ableiten. Unsere Zeit braucht Brückenbauer!
Gleichzeitig zeigt jedoch die europäische Geschichte, wie sehr wir hinter diesem Auftrag zurückgeblieben sind. Kaum eine Religionsgemeinschaft hat so viele kriegerische Auseinandersetzungen unter ihresgleichen zu verzeichnen wie wir Christen! Das ist beschämend und muss uns nachdenklich stimmen – gerade angesichts der klaren Ansage, die Jesus im Evangelium des heutigen Festes macht:
„Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Großen ihre Vollmacht gegen sie gebrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Wie der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt 20,25-28).
Macht, Vollmacht und freiwillige Dienstbereitschaft, ja Ohnmacht sind die Aspekte, die Jesus hier reflektiert, und wir müssen ehrlich zugeben: Wie oft bleiben wir, jeder einzelne von uns, dahinter zurück! Denn dass wirklich jede und jeder Macht hat und sie im Guten wie im Schlechten gebrauchen kann, das erleben schon Schulkinder, die, aktiv oder erleidend, erste Erfahrungen mit Mobbing machen. Kaum eine Gruppe, eine Gemeinschaft, in der nicht bald ein unterschwelliger Kampf um die Vormachtstellung beginnt. Schade, wenn aus der Rangordnung eine Hackordnung entsteht!
Es ist traurige Realität: Den sozial verträglichen, lebensfördernden Umgang mit Macht, der Gestaltungswillen mit Verantwortungsübernahme verbindet, müssen wir Menschen mühsam erlernen! Er ist mit Selbstdisziplin, Geduld und dem unbedingten Vertrauen in den guten Kern jedes Menschen verbunden. Macht darf für Christinnen und Christen nie ein Wert, ein Ziel an sich sein. Denn dann wird sie zur Gegen-Macht, wie es Jesu Vergleich mit den „Großen“ dieser Welt unmissverständlich aufzeigt.
„Bei Euch aber soll es nicht so sein“ – dies ist mehr als eine Einladung, es ist Gebot und Erkennungszeichen für die Zugehörigkeit zu Christus, der sich selbst all seiner Macht entkleidet hat, und „wie ein Sklave wurde und den Menschen gleich. / Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich / und war gehorsam bis zum Tod, / bis zum Tod am Kreuz“, wie es im Hymnus des Philipperbriefes (Phil 2, 7-8) heißt. Jesu Lebensweg hat gezeigt, wohin eine solche Haltung führt und kein Mensch, der sich auf ihn einlässt, der sich ihn zum Vor-Bild nimmt, kann hoffen, ungeschoren durchs Leben zu kommen.
Das musste auch der hl. Ulrich erfahren, als er glaubte, seine Nachfolge auf den Augsburger Bischofsstuhl selbst regeln zu können. Der Autor der Heiligenvita, Dompropst Gerhard, verschweigt diesen Irrtum seines einstigen Vorgesetzten nicht; ausführlich schildert er die Gewissensbisse, die Ulrich angesichts des plötzlichen Todes seines Neffen befielen. Dies mag uns Trost und Ermutigung sein: Wir haben einen Bistumspatron, der - darin ganz Kind seiner Zeit – als alter Mann zwar der Versuchung erlag, die Freiheit des kirchlichen Amtes der Hausmacht seines Familienclans zu unterwerfen, der jedoch seinen Fehler einsah und bereute.
Gerade in seiner Fehlbarkeit tritt uns der Mensch Ulrich entgegen, kein griechischer Halbgott oder literarisch überhöhter Held: Nein, im Dienst am Nächsten und in seiner Friedensliebe, aber auch in seiner „Hingabe“ an das 50 Jahre lang ausgeübte Bischofsamt entspricht der hl. Ulrich dem christlichen Verantwortungsträger, den uns der 1. Petrusbrief in der 2. Lesung vor Augen gestellt hat: „Weidet die euch anvertraute Herde Gottes, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie Gott es will; auch nicht aus Gewinnsucht, sondern mit Hingabe; seid nicht Beherrscher der Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde!“ (1Petr 5,2f)
Nicht so sehr im Wort, sondern im Tun, im Dienen wird der Jünger Jesu sichtbar. Dienst kann zwar wortreich beschworen werden, er wird aber nur im Handeln - wenn man so will, im Körpereinsatz - wirklich bezeugt. Deshalb hat der Evangelist Johannes als Ergänzung zur Einsetzung der Eucharistie die Szene der Fußwaschung überliefert. Schon für Bischof Ulrich ist sie ein wesentliches Element des österlichen Triduums. In seiner Gastfreundschaft, die er ausdrücklich den Ärmsten und Unansehnlichen, weil nicht angesehenen Menschen schenkte, zeigt sich, dass er es nicht beim alljährlichen liturgischen Ritual bewenden ließ, sondern täglich neu den Fußspuren Jesu folgen wollte. Ulrich entdeckte in den Armen das Gesicht Jesu Christi selbst. Er dachte, um es modern zu sagen, die Liebe strukturell, denn er meinte damit Gerechtigkeit. Von benediktinischer Askese geprägt, fand er sich nicht mit dem Zustand der Gesellschaft ab, sondern hielt in sich und allen, die Augen- und Ohrenzeugen seines Lebenswandels wurden, die Sehnsucht nach dem Reich Gottes lebendig.
Was heißt das nun für uns, die wir allzu oft unsere Machtlosigkeit, unseren mangelnden Einfluss beklagen und es uns damit recht leichtmachen?
Wir alle sind als Ebenbilder Gottes auch Cooperatores Dei, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Gottes an seiner Schöpfung.[2] Gott ist ein Gott des Lebens und hat uns das „Leben in Fülle“ verheißen (Joh 10,10). Damit ist der Auftrag verbunden, unser Christsein, unseren Glauben in der Tat zu be-glaubigen. Ungerechte gesellschaftliche Zustände und Verhältnisse sind nicht einfach mit einem Achselzucken hinzunehmen; wir müssen sie hinterfragen und zum Besseren wenden. Oft begnügen wir uns mit Worten, wo wir Verbündete suchen sollten, um aktiv und konstruktiv zu intervenieren. Macht kommt von machen und nicht von machen lassen! Helfen wir an unserem Platz, in unserem persönlichen Einflussbereich mit, dass Macht transparent ausgeübt und wieder stärker an Verantwortung gebunden wird. Als aktuelles Beispiel nenne ich den assistierten Suizid. Wir reden uns die Köpfe heiß über Heizungsgesetze, Verbrennungsmotoren bei Autos und Klimaneutralität, aber eine viel wichtigere Frage lässt uns scheinbar kalt: Welches Klima herrscht im Blick auf das menschliche Leben vom Anfang bis zum Ende, zwischen Zeugung und natürlichem Tod? Wem ist aufgefallen, dass unter der Hand – wenig beachtet von den Medien – die gesetzlichen Regelungen um den assistierten Suizid im Bundestag aufgeweicht werden sollen? Wo sind die christlichen Politikerinnen und Politiker? Und was tun wir? Wir lassen es geschehen. Damit gerät eine Gesellschaft auf eine schiefe Bahn. Der Mensch will sich selbst das Leben geben und nehmen: verkehrte Verhältnisse. Damit schwingt der Mensch sich zum Schöpfer auf. Umso mehr bräuchten wir die Ökumene des Zeugnisses.
„Was zum Leben selbst in Gegensatz steht, wie jede Art Mord, Völkermord, Abtreibung, Euthanasie und auch der freiwillige Selbstmord; was immer die Unantastbarkeit der menschlichen Person verletzt, (…) was immer die menschliche Würde angreift: (…) all diese und andere ähnliche Taten sind an sich schon eine Schande; sie sind eine Zersetzung der menschlichen Kultur, entwürdigen weit mehr jene, die das Unrecht tun, als jene, die es erleiden. Zugleich sind sie in höchstem Maße ein Widerspruch gegen die Ehre des Schöpfers.“[3]
Der hl. Ulrich hat seinem Schöpfer die Ehre gegeben: 50 Jahre lang als unser Bischof. Gerade den Armen und Kleinen, den Schwachen und Kranken hat er sein Herz gezeigt. Für mich war der hl. Ulrich ein barmherziger Samariter in seiner Zeit. Schauen wir von ihm ab, was es heißt: Deus caritas est. Gott ist die Liebe.
[1] Ansprache von Präsident Staatsminister Robert Schuman, Frankreich in der öffentlichen Versammlung im Ludwigsbau. In: Crux Victorialis. Ein Erinnerungsbuch an die St. Ulrichs-Festwoche und die Tage Abendländischen Bekenntnisses vom 2. bis 11. Juli 1955 in Augsburg. Hg. v. Lokalkomitee. Winfried-Verlag Augsburg 1955, S. 258-265, hier: 264.
[2] Vgl. den bischöflichen Wahlspruch von Papst Benedikt XVI: cooperatores veritatis.
[3] II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 27.