Gottes Friedensgruß gilt allen Menschen
Als Bischof, dem die Weltkirche besonders am Herzen liegt, sehe ich im Gottesdienst der Nationen einen Höhepunkt der Ulrichswoche. Welch ein wunderbares Fest, bei dem wir alle, versammelt um den einen Herrn, Gott in verschiedenen Sprachen loben und ihm die Ehre geben.
Die verschiedenen Missionen und muttersprachlichen Gemeinden verbindet dabei der Gedanke aus Psalm 33: „Selig die Nation, deren Gott der HERR ist […]“ (Ps 33,12). Was aber ist das eigentlich für ein HERR, dessen Ruhm bis an die Enden der Erde reicht und an den wir Christen auf der ganzen Welt glauben? Die Schrifttexte des heutigen Tages geben darüber Aufschluss. Sie zeichnen das Bild eines Herrschers, der so ganz anders ist, als diejenigen, die wir aus der Geschichte kennen oder denen wir täglich in den Medien begegnen.
1. Advent im Hochsommer
Da ist der König, von dem wir in der ersten Lesung des Propheten Sacharja hörten. Vielleicht waren Sie auch ein wenig irritiert von dem Text, der eigentlich in den Advent gehört: „Tochter Zion, freue dich.“ (Sach 9,9) Ein Adventslied mitten im Hochsommer? Warum kommt heute diese Lesung? Die Antwort werden wir später beim Blick auf das Evangelium finden. Zunächst soll die Stadt Jerusalem jubeln, denn es kommt ein König, der eine starke Gegenfigur darstellt zu all den Herrschern, welche die Menschen der damaligen Zeit kennengelernt haben. Er ist kein Kriegsheld, der an der Spitze eines siegreichen Heeres auf einem Schlachtross in die Stadt einmarschiert. Auch ist er kein Herrscher, der seine Macht mit Gewalt durchsetzt und jeden bestraft, der ihm nicht folgt. Stattdessen zeichnen ihn drei Dinge aus: Gerechtigkeit, Rettung und Demut. Ein König, dessen Königskron Heiligkeit und dessen Zepter Barmherzigkeit ist. Seien wir ehrlich, sehnen wir uns gerade in unseren Zeiten nicht auch nach solchen Lenkern, wenn wir uns die immer größer werdende Zahl autokratisch regierender Staatschefs in vielen Ländern der Welt anschauen? Diktatoren, die ihr Volk unterdrücken und keinerlei Opposition zulassen, die Meinungs- und Pressefreiheit zensieren, die in Waffen statt in Bildung und Gesundheit investieren. Schließlich jene Präsidenten, die anderen Völkern die Unabhängigkeit absprechen und blutige Kriege vom Zaun brechen. Denken wir an die furchtbaren Kämpfe in der Ukraine und beten wir für ein schnelles Ende dieses grauenvollen Konflikts. Der Grund, warum aus Politikern – meist sind es ja Männer – gewissenlose Despoten werden, liegt dabei oft in ihrem unersättlichen Streben nach Macht. Einmal zur Herrschaft gekommen, vergessen sie schnell Anstand und Moral. Sie haben sich jeglicher Kontrolle entzogen. Ein Sprichwort sagt: Gib einem Menschen Macht und du erkennst seinen wahren Charakter. Wie anders ist da die Vorstellung jenes Königs, der dem Volk Israel, am Ende aber der ganzen Welt von Sacharja verheißen wird: Ein Messias, der - trotz aller göttlichen Vollmachten – demütig, auf einer Eselin reitend, allen Nationen den Frieden verkündet.
Wie dieser Frieden jedoch verwirklicht werden kann, davon berichtet der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer.
2. Christus ist unser Friede
Darin beschreibt er den Gegensatz zwischen dem irdischen, der Sünde verfallenen Fleisch des Menschen und der ewigen, göttlichen Geistkraft, die in uns wirkt. Die Herausforderung des Menschen besteht demnach im Widerstehen ständiger Versuchungen, die mehr oder weniger gravierende Folgen nach sich ziehen. Allen gemeinsam ist, dass sie nicht Gott und sein Wort zum letzten Maßstab erheben, sondern andere Dinge. Hier setzt Paulus an: Wahrer Frieden auf Erden beginnt mit dem inneren Frieden des einzelnen. Die mannigfaltigen Begierden des Menschen, welche ihn oft in Schuld verstricken, werden überwunden, wenn wir uns ganz vom Geist Gottes leiten lassen. Dieser Heilige Geist weist uns den Weg, lässt uns ruhig werden und schon jetzt etwas vom ewigen Leben erfahren, das Gott für uns bereitet hat. Paulus betont dabei, dass dieser Geist jener ist, der „Christus Jesus von den Toten auferweckt hat“ (Röm 8,11). Gottes Geistkraft in uns ist also untrennbar verbunden mit Kreuz und Auferstehung. An diesem entscheidenden Punkt der Geschichte hat Jesus Himmel und Erde miteinander verzahnt; Gottes Friedensgruß gilt allen Völkern. Viele Krisen, die wir derzeit erleben, könnten demzufolge gelöst werden, wenn wir nur die Türen unserer Herzen weit aufmachten für jenen Geist Christi, der in uns wohnen und wirken will.
Der hl. Ulrich, dessen großes Jubiläum wir feiern, sah darin seine Berufung. „Mit dem Ohr des Herzens“ wollte er all die „Seligkeiten“ Gottes „umsichtig aufnehmen und fest in die innersten Gedanken einsenken, damit in der Zeit der Versuchung den bösen Geistern keine Kraft zur Verfügung stünde, sie auszureißen“[1]. So lesen wir es in der ältesten Lebensbeschreibung des hl. Ulrich, die Dompropst Gerhard von Augsburg uns hinterlassen hat. Doch wurde der von Gott auserwählte Bischof diesem Anliegen eigentlich selbst gerecht?
3. Der hl. Ulrich – Gotteskrieger oder „Vater so mild“?
„Streiter in Not“: Diesen mächtigen Hymnus werden wir nachher wieder aus voller Kehle anstimmen und den Helden der Schlacht vom Lechfeld besingen, der die Ungarn besiegt und die Stadt Augsburg vor der Zerstörung gewahrt hat. Eine heroische Tat, die jedoch die Frage aufwirft: War Ulrich auch nur ein solcher Kriegsheld und Herrscher, von denen am Anfang die Rede war und dessen größte Leistung auf dem Schlachtfeld liegt? Peter Rummel und andere Historiker gehen davon aus, dass der hl. Ulrich bisweilen tatsächlich aktiv an kämpferischen Auseinandersetzungen teilgenommen hat. Als Landesfürst und Verteidiger des Reichs fiel ihm diese Aufgabe zu. Wir dürfen uns also keine Illusionen machen. Das Bild des priesterlichen Fürsprechers, der inmitten der Kämpfer friedlich betete, scheint – das müssen wir ehrlich zugeben - eher idealisiert. Nun wäre es aber genauso falsch zu glauben, Ulrich hätte Gefallen daran gehabt, in den Krieg zu ziehen. Die Vita des Gerhard von Augsburg belegt es eindeutig: Ulrich wollte Frieden! Unermüdlich predigte er Nächstenliebe und rief seine Landsleute in dieser schwierigen Zeit der Not und Bedrängnis zu Feindesliebe und Vergebung auf. Trotz seines Einsatzes zur Verteidigung des Landes forderte er Gerechtigkeit; die Gläubigen lehrte er, dass der Vater im Himmel alle Menschen nach ihren Taten richtet. Mit großem Einsatz kümmerte er sich persönlich um die vielen Armen und Notleidenden in dem von den Ungarn in weiten Teilen verwüsteten Bistum. Darum ist es mehr als berechtigt, in ihm nicht nur den mutigen Verteidiger der Stadt Augsburg zu sehen, sondern einen fürsorglichen Bischof und „Vater so mild“, wie es im Ulrichslied heißt.
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Der hl. Ulrich hat erkannt: Die Weisheit Gottes ist in der Person Jesu Christi erschienen, um allen Menschen den Willen Gottes zu lehren und sie zum Heil zu führen. Die Machthaber jener Zeit aber wollten es nicht verstehen; sie störten sich daran, dass im Sohn eines einfachen Zimmermanns wirklich der Messias geboren sein sollte, dem Gott alle Vollmacht übertrug und der sich dann entschieden auf die Seite der Armen und Unterdrückten stellte. In IHM erfüllten sich die Worte des Propheten Sacharja: Der wahre König aller Völker offenbart sich als „gütig und von Herzen demütig“ (Mt 11,29). Sein Angebot, das er bis heute allen Menschen macht, ist „Ruhe für die Seele“ (vgl. Mt 11,29). Darum rufe ich am Ende, in Anlehnung an die berühmten Worte des ehemaligen Oberbürgermeisters von West-Berlin, Ernst Reuter, Euch allen zu: Ihr Völker der Erde! Schaut auf diesen Mann aus Nazareth und erkennt, dass in Jesus Christus der Weg zum Frieden in der Welt liegt.
[1] Gerhard von Augsburg: Vita Sancti Uodalrici. Die älteste Lebensbeschreibung des heiligen Ulrich, hg. von Berschin, Walter/Licht, Tino, Heidelberg 2020², 161f.