Seien wir Boten der Liebe Gottes!
Liebe priesterliche Mitbrüder in der Ulrichsbruderschaft! Liebe Schwestern und Brüder in Christus! Deutliche Worte, die da der Autor des Petrusbriefes für die Leitungsfiguren der Ältesten findet. Gerade uns Priester treffen sie wohl „mitten ins Mark“ und hinterfragen uns in der Ausübung unseres Amtes.
Wir befinden uns um das Jahr 100 n. Chr., in einer Übergangszeit, in einer kritischen Phase in der Entwicklung des Christentums. Die Zeit der charismatischen Führungspersönlichkeiten der Apostel ist vorbei. Die erwartete Wiederkunft Christi bleibt aus. Die Christen beginnen sich „in dieser Welt einzurichten“. Der in Autorität des Apostel Petrus schreibende Briefverfasser weiß: Es bedarf auch einer klugen Führung der Gemeinden – und das ist weitaus mehr als eine bloße „Leitung“. Er greift auf das traditionelle Bild des Hirten zurück um auszudrücken, wie christliche Führungskultur auszusehen hat. Dreifach betont er, wie das Weiden der Herde Gottes nicht sein soll: nicht aus Zwang, nicht aus Gewinnsucht und nicht als Beherrscher der Gemeinden! Darin klingt ebenso eine Problemanzeige durch, dass einige mehr daran interessiert waren, „ihre eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen“ als sich um das Seelenheil der ihnen anvertrauten Mitglieder der Gemeinde zu kümmern.
Die Hirten der Herde sollen vielmehr Vorbilder (vgl. 1 Petr 5,3) sein. In unseren Ohren heute klingt eine solche Aussage wie ein Ratschlag aus einem modernen Managementseminar. Derjenige leitet erfolgreich, der selber das tut, was er sagt. Als das Vorbild schlechthin wird uns der „oberste Hirte“ (1 Petr 5,4) Jesus Christus vorgestellt, die menschgewordene Liebe Gottes. Auf ihn sollen wir schauen, der durch sein Leiden und Auferstehen die ganze Welt mit sich versöhnt hat. Wenn wir, liebe geweihten Mitbrüder, „mit Hingabe“ (1 Petr 5,2) die Nachfolge Christi leben und authentische „Zeugen der Leiden Christi“ (1 Petr 5,1) sind, stellen wir glaubwürdige Führungspersönlichkeiten dar. Nicht im „Lippenbekenntnis“, sondern aus dem „Lebenszeugnis“ erwächst „wahre Autorität“. Das mag nach „Binsenweisheit“ klingen, daraus entspringt aber, davon bin ich überzeugt, neue Glaubwürdigkeit für die Kirche insgesamt, die in den letzten Jahren viel Vertrauen verspielt hat. Was aber heißt das weitergehend? Welche Konsequenzen erwachsen daraus?
Das mit den „Hirten und Schäfchen“ ist heutzutage ja so eine Sache… In den aktuellen Diskussionen um Machtbeschränkung, mehr Mitsprache und Mitentscheidung hat sich gezeigt: Die in der frühen Kirche sich ausbildende Ämtertrias sehen viele als nicht mehr zeitgemäß und überholt an. Zusammen mit dem katholischen Amtsverständnis wollen zahlreiche innerkirchlichen Kritiker am liebsten sogleich die gesamte sakramentale Struktur „über Bord werfen“. Reformdebatten haben ihre Berechtigung und sind meines Erachtens wichtig, damit Kirche nicht bei sich stehen bleibt. Wenn sie aber an den innersten Kern von Kirche gehen, wird sie „geistlich hohl“ und kann ihren von Jesus Christus anvertrauten Heilsauftrag nicht mehr erfüllen.
Der südkoreanische Kardinal Lazarus You Heung-sik hob vor kurzem in einem Interview die Bedeutung einer glaubwürdigen Verkörperung des Evangeliums hervor (vgl. Vatican News vom 19.04.2023). Seit August 2021 ist er Präfekt des vatikanischen Dikasteriums für den Klerus und somit hauptverantwortlich für die spirituelle, intellektuelle und pastorale Bildung des Klerus weltweit. Nach ihm gebe es je nach Kulturkreis „sehr unterschiedliche Sensibilitäten und Interpretationen“ der Rolle des Priesters, fester Kern sei allerdings die „Sakramentalität des Amtes“. Er betont, dass damit kein „Status der Exklusivität“ gemeint sei. „Das Paradigma des guten Priesters – wo immer er in der Welt lebt und wirkt – ist das Gesetz der Liebe, das jede andere moralische oder kanonische Norm übertrifft. Der Priester ist berufen, zur Liebe zu führen, und er kann dies nur dann wirksam tun, wenn er selbst in der Liebe lebt.“ Dazu empfiehlt er den Priestern neben der glaubhaften Verinnerlichung des Evangeliums den Kontakt zu Laien und Familien, „um die Dimension des Realen nicht zu verlieren“, so der Kardinal, und nicht „selbstreferentiell“ zu werden.
Damit wird deutlich: Wie alle Getauften sind umso entschiedener die Geweihten zu einem Leben in „Demut und Dienst“ angehalten. Deswegen ist selbstkritisch zu fragen, wie ich mein Priestertum verstehe und ausübe: Abgehoben fern aller Gläubigen, „das Heilige vollziehend“ oder bodenständig „das Heilige“ den Menschen nahebringend? Entspringen Entscheidungen dem eigenen Machtkalkül oder aus der Vollmacht im Dienst am Volk Gottes? Sind die moralischen Gesetze und Paragrafen des kirchlichen Gesetzbuches oder die unendliche, barmherzige Liebe Gottes Maßstab kirchlichen Handelns?
Vertiefen wir die vorgebrachten Gedanken mit einem Blick auf den hl. Ulrich, jenem Patron der 1515 hier in Wangen gegründeten Priesterbruderschaft. Letzte Woche eröffneten wir im Bistum Augsburg das Ulrichsjubiläum, das wir ein Jahr lang begehen wollen. Anlass für dieses „Freudenjahr“ ist der 1.100. Jahrestag seiner Bischofsweihe und sein 1.050. Todestag. Es steht unter dem Motto „Mit dem Ohr des Herzen hören“ (vgl. Vita I,9: „auribus cordis aute perspicere“), das einer zeitgenössischen Lebensbeschreibung über den hl. Ulrich entnommen ist. Das Leitwort kann quasi als Überschrift über das gesamte Wirken des hl. Ulrich gestellt werden. Als Vorbild lehrt er uns, was es heißt, „Boten der Liebe Gottes“ zu sein.
In Wittislingen aufgewachsen, erhielt der junge Ulrich seine Ausbildung bei den Benediktinern in St. Gallen und wurde im Alter von 33 Jahren Bischof von Augsburg. Wir sind gewohnt, in ihm den „Streiter in der Not“ zu sehen, der entschlossen und gebieterisch, glaubensstark und mutig den Ungarn in der Lechfeldschlacht 955 entgegenreitet. Unbenommen ist sein Anteil am Sieg über die Ungarn, aber es ist doch ein recht verkürztes und einseitiges, glorifizierendes Bild, das uns insbesondere durch die Darstellungen in der Kunst vermittelt wird. Zweifellos hat er diese Charakterzüge in seiner 50jährigen Amtszeit gezeigt, aber eben nicht nur diese. Die älteste Biografie legt Wert darauf, gerade auch seine empathische, fürsorgliche Seite herauszustellen.
Unermüdlich kümmerte sich der hl. Ulrich nämlich um die materielle wie auch seelische Versorgung der Bevölkerung seines Bistums, die weithin von schwerer körperlicher Arbeit in der Landwirtschaft und im Handwerk geprägt war sowie bedroht von Krankheit und Krieg. Er sorgte für eine solide Ausbildung der Kleriker und für den Schutz der Bevölkerung, indem er u. a. in Augsburg die Stadtmauer befestigen ließ. Er selbst pflegte einen asketischen Lebensstil und war gleichzeitig äußerst freigiebig gegenüber den Bedürftigen. Wie Jesus im heutigen Evangelium Gastfreundschaft von den Pharisäern gegenüber Armen und Krüppeln, Lahmen und Blinden (vgl. Lk 14,13) verlangt, so wird von Ulrich berichtet: „Bei den täglichen Mahlzeiten wurde das erste Gedeck mit Broten und Speisen (…) zum größten Teil unter die Armen verteilt, die Verstümmelten und Gebrechlichen ausgenommen, die auf Ruhe- und Tragebahren lagen, auf Schemeln liefen und in Rollbetten ihren täglichen Unterhalt in seiner Gegenwart empfingen, von den besten Speisen und Getränken.“ (Vita I,3)
Der Augsburger Bistumspatron betrieb keine „Kirchturmpolitik“; er wusste sich auf der politischen Bühne der damaligen Zeit zu bewegen. Herausgegriffen sei bespielhaft sein Engagement als Friedensstifter. Im Familienstreit zwischen König Otto und seinem Sohn Luidolf vermittelte er zusammen mit dem Churer Bischof Hardpert. Im „Frieden von Tussa“ erreichte er 954 eine gütliche Einigung und verhinderte so sinnloses Blutvergießen. Er wusste um ein starkes und tragfähiges Netz aus politischen und geistlichen Verantwortungsträgern; dem dienten auch die vielen Reisen, die er im Laufe seines Lebens unternahm. Auf dem Rückweg von der Abtei Saint Maurice im Unterwallis, wo er Reliquien des hl. Mauritius erwarb, machte er Station in Rottenburg. Der Legende nach erhielt er von zwei Engeln den Befehl, einen Teil der Reliquien dort zu lassen. In der bis heute existierenden Moritzkirche gibt es auch eine Ulrichskapelle. So besteht eine historisch-geistliche Verbindung zwischen dem Bistum Rottenburg-Stuttgart und der Augsburger Moritzkirche, die seit ihrer Gründung vor mehr als tausend Jahren (1019) die kostbaren Reliquien verwahrt.
Der hl. Ulrich hielt nicht Hof wie für damalige Adelige üblich, sondern war nah bei den Gläubigen. Mit Pferd oder Ochsenkarren unternahm er regelmäßig beschwerliche Reisen durch die Diözese, um Pfarreien zu visitieren, Gottesdienst zu feiern und die Sakramente zu spenden, um der Bevölkerung Trost und praktische Hilfe zukommen zu lassen. Mit gewinnender Heiterkeit (dulcedo hilaritatis) und beeindruckender Frömmigkeit (religio sanctitatis) baute er in den Herzen das wieder auf, so sein Biograf, was durch feindliche Überfälle zerstört worden war (vgl. Vita I,15).
Seine „Actio“ ist vor dem Hintergrund seiner „Contemplatio“ zu sehen: Das sozial-karitative Wirken speiste sich aus dem innerlichen Hören auf Gottes Wort; es erschloss sich aus seiner tiefen Gottesbeziehung im und durch das Gebet. Wer wie der hl. Ulrich „mit dem Ohr des Herzens“ hören will, muss in die Stille gehen und sich nach Innen wenden, um wie Elija am Berg Horeb Gottes Willen im „sanften, leichten Säuseln“ (vgl. 1 Köln 19,12) wahrzunehmen. Wer „mit dem Ohr des Herzens“ hören will, schenkt den Marktschreiern unserer Tage bewusst kein Ohr, die einem sagen wollen, was „in“ ist und einem vorschreiben wollen, was „man“ zu tun oder zu lassen hat…
Das mag in den Ohren von uns Priestern wie für eine jede und einen jeden Gläubigen wie eine Selbstverständlichkeit klingen; nichtsdestotrotz tut es gut, uns dessen immer wieder bewusst zu werden, damit die Gewohnheit nicht zur Gewöhnlichkeit wird. Eine Berufung als Geweihter wie auch als Getaufter muss sich im Alltag täglich neu bewähren und da müssen wir uns auch eingestehen, dass es da Grenzen und Rückschläge gibt. Lassen wir uns stets neu vom Wort Gottes durchdringen und formen, das uns jeden Tag Trost und Zuspruch, Korrektur und Richtschnur sein soll.
Einen letzten, abschließenden Gedanken möchte ich mit Blick auf das „Hören mit dem Herzen“ anfügen: Kein Geringerer als Papst Franziskus selbst hat mit seinem Anstoß eines weltweiten „synodalen Prozesses“ Bewegung in die Kirche gebracht. So sind alle Getauften als Volk Gottes aus Laien und Klerikern, Haupt- und Nebenberuflichen in einer „Weggemeinschaft“ unterwegs. Das bedeutet, in Achtung und in gegenseitigem Respekt voranzuschreiten. Das schließt mit ein, ehrlich und offenherzig das zu sagen, was einen umtreibt. Das heißt aber auch, sich in Geduld im Miteinander wie „in der Sache“ zu üben – eben einander mit einem „hörenden Herzen“ zu begegnen. In der vergangenen Zeit wurde da in der Kirche in Deutschland leider mit lautem Poltern viel Porzellan zerschlagen; das wird nur mehr schwerlich zu kitten sein. Vergewissern wir uns als Kirche unseres Auftrages! Wir sind als Kirche nicht um unseres Selbstwillens da, sondern gemeinsam in der Gleichwertigkeit als Getaufte, aber in der Verschiedenheit der Dienste haben wir die Aufgabe, wie es in der vielzitierten Stelle aus dem 1. Petrusbrief heißt, der Welt Rechenschaft zu geben über die Hoffnung, die uns – hoffentlich – erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15). Seien wir „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“!
Liebe Mitbrüder im Geistlichen Dienst, liebe Gläubige, nehmen wir uns den hl. Ulrich als Vorbild und „hören wir mit dem Herzen“. Ahmen wir ihn in unserem Leben nach und erbitten wir seine Fürsprache, um mit Gottes Hilfe glaubwürdige und aufrichtige „Boten der Liebe Gottes“ zu sein. So werden wir dereinst „den nie verwelkenden Kranz der Herrlichkeit empfangen“ (1 Petr 5,4).