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Predigt im Rahmen des Festgottesdienstes zum Friedberger Stadtfest in der Pfarrkirche St. Jakob am 16.07.2023

Das Wort nährt die Seele wie das Brot den Leib

16.07.2023 12:00

Liebe Schwestern und Brüder! Scheinbar planlos verteilt der Sämann im Evangelium seine Körner. Rechnen wir einmal hoch: Ein Teil fällt auf den Weg und wird von Vögeln aufgefressen; ein anderer Teil trifft auf felsigen Boden, kann aber keine tiefen Wurzeln schlagen und verdorrt.

Ein dritter Teil der Samenkörner fällt in die Dornen und wird von ihnen erstickt. Ein vierter und letzter Teil fällt immerhin auf guten Boden und bringt reiche Frucht – teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach. Summa summarum: Drei Viertel der Samenkörner gehen verloren und die damit verbundene Arbeit des Sämanns ist umsonst.

Zum besseren Verständnis des Gleichnisses hilft es, sich bewusst zu machen, dass die Felder damals in Israel ganz anders aussahen wie unsere sauber abgrenzten Äcker heute. Zwischen Steinen und Geröll gab es erdige Stellen, die aber erst bei Regen sichtbar wurden. Da zur Zeit der Aussaat alles ausgetrocknet ist und damit gleich aussieht, muss der Sämann nach dem „Gießkannen-Prinzip“ vorgehen: Verschwenderisch verteilt er den Samen, um überhaupt etwas ernten zu können. Erst mit der Ernte wird er feststellen, in welchen Bereichen die Erde ausgereicht hat, damit Ähren sich ausbilden konnten.

Ein faszinierendes Gleichnis, das gut in unsere Zeit hineinspricht und so manche menschliche Kategorie umkehrt, in der wir verhaftet sind: Eine Kategorie, in der Gott nicht denkt, ist Erfolg. Bereits Jesus selbst hat in seiner Verkündigung vom Reich Gottes erlebt, dass viele zwar seine Botschaft hörten, aber seine Worte nicht glauben wollten. Jesu Lebensgeschichte ist keine Erfolgsgeschichte. Seine Worte und Taten fielen nicht immer auf fruchtbaren Boden. Das entlastet, es tröstet.

In unserem seelsorglichen Handeln in der Diözese sind wir es gewohnt, genaue Planungen aufzustellen, wie viel an personellen und finanziellen Mitteln uns in den kommenden Jahren zur Verfügung stehen und wie und wozu wir diese bestmöglich einsetzen wollen. Eine solide Planung ist nötig, um nicht blauäugig in eine unsichere Zukunft zu gehen. Wir wollen „keine blauen Wunder“ erleben! Dabei aber die Zukunft allein auf unsere Bedingungen festlegen zu wollen, greift zu kurz. Wir sollten offen und sensibel bleiben für die „Zufälle des Hl. Geistes“. Das gilt ebenso im persönlichen Bereich. Wenn wir alles im Leben bis ins letzte Detail planen und absichern wollen, sind wir fixiert; es entgeht uns womöglich „Größeres“. Denn es gibt sie noch: die Überraschungen Gottes!

Am Beispiel des Sämanns sehen wir: Um die Ernte einfahren zu können, muss der Sämann es wagen, seine Saat breit auszustreuen; das schließt das Risiko eines Misserfolges mit ein. Umgekehrt kann er an Stellen ernten, wo er es vielleicht nicht erwartet hat und wo er überhaupt nichts geerntet hätte, wenn er nicht so verschwenderisch ausgesät hätte. Noch etwas lehren uns die heutigen Texte: Gott ist derjenige, der wachsen und gedeihen lässt. Für uns Christen ergibt sich daraus eine Grundhaltung des Vertrauens, der Gelassenheit und Geduld – bei allen Widersprüchlichkeiten des Lebens (vgl. Deutsche Bischöfe: Zeit der Aussaat – Missionarisch Kirche sein, 2000, S. 14).

Das Wort Gottes aussäen, die freudige Botschaft vom Reich Gottes allen anbieten, das ist die Mission der Kirche, die uns alle angeht. Das Wort Gottes nährt den Glauben. Es ist Inspiration und Richtschnur unseres Handelns, Trost und Hilfe für alle! Von daher die Ermunterung an Sie: Beschäftigen Sie sich mit Gottes Wort, spüren Sie ihm in ihrem Alltag nach. Lernen wir sprachfähiger zu werden und kommen wir miteinander ins Gespräch, tauschen wir uns aus über Erfahrungen und Erlebnisse mit Gottes Wort in der Familie, in der Pfarrei, mit Gleichgesinnten. Üben wir uns ein in das Umgehen mit Gottes Wort durch ein aufmerksames Zuhören und bewusstes Sich-Einlassen in der Eucharistiefeier, im Gebet und in der Stille. Legen wir Zeugnis ab für das fleischgewordene „Wort Gottes“, das in Jesus Christus Mensch geworden ist. Suchen wir die Begegnung mit ihm, der das Wort und Brot zugleich ist: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern“ (Joh 6,35), sagt Jesus über sich. Jesus Christus sorgt für uns mit seinem Wort und seinem Leib. Insofern stellt sich die Frage: Sind wir auch Brot für andere? Geht von uns etwas „Nährendes“ aus, können wir andere stärken?

Wenn ich Sie, liebe Friedberger, in der Gewandung des 18. Jahrhunderts vor mir sitzen sehe, so war jene Epoche hinsichtlich der kirchlichen Entwicklungen sicherlich eine genauso bewegte Zeit wie die Unsrige heute. Beispielhaft dafür stehen die religiösen Abbrüche und Umbrüche ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit ihren Verschiebungen vom Jenseits zum Diesseits. Mit der sogenannten Aufklärung und der einhergehenden massiven Kirchenkritik wurde die Religion auf ihren bloßen Tauglichkeitscharakter für eine sittliche Erziehung der Gesellschaft reduziert. Religion muss nützlich sein! Damit gingen Prozesse der religiösen Subjektivierung und einer Abnahme an kirchlichem Leben einher.

Ähnlich weht der Kirche von heute ein kräftiger Wind entgegen. Viele denken bei Kirche nur mehr an Krise. Ich bin mir durchaus bewusst: Kirche hat in den letzten Jahren viel Vertrauen verspielt. Die Aufarbeitung und Prävention in Sachen Missbrauch wird dauerhaft als bleibende Anforderung bestehen; die Schwere der Schuld und das verursachte Leid sitzt tief und schmerzt als mahnender Stachel im Leib Christi. Wir leben in einer spannenden Zeit, von einer großen Ambivalenz gezeichnet: gesellschaftlich wie innerkirchlich herrscht eine Ungleichzeitigkeit, bisweilen gar Verunsicherung: Den Einen können Veränderungen gar nicht schnell und weit genug gehen, andere würden lieber das „Rad der Zeit“ zurückdrehen. Über die Frage „des richtigen Weges“ bei den Struktur- und Reformdebatten haben sich die Gräben innerkirchlich eher vertieft als dass sie zugeschüttet worden wären.

Ist also die Kirche „dem Untergang geweiht“, wie die Augsburger Allgemeine mit Blick auf die Austrittszahlen in großer Schlagzeile in ihrer Samstagsausgabe am vergangenen Wochenende titelte? Dass so viele – aus welchen Gründen auch immer – der Kirche den Rücken kehren und sie verlassen, schmerzt. Da gibt es nichts zu beschönigen. Das darf uns nicht gleichgültig lassen! Die Charismen der Passiven und Ausgetretenen fehlen am Leib Christi. Sie fehlen uns! Unabhängig davon scheint es mir insgesamt gerade „en vogue“, also im Trend und modern zu sein, auf die Kirche „draufzuhauen“ und sich in der Kritik zu aalen – „Kirchen-Bashing“ nennt sich das auf Neudeutsch. Die Kirche ist wie Freiwild, stets zum Abschuss freigegeben. Da gibt es nur noch Schwarz-Weiß-Malerei, die „böse Kirche“ auf der einen und all‘ „die Guten“ auf der anderen Seite. Selbst wenn die Fakten eine andere Sprache sprechen, egal, Kirchenkritik kommt immer gut an und trifft ja doch irgendwie ins Schwarze, weil sein muss, was sein kann.

Ich vermisse oft eine differenzierte Betrachtung der Dinge, eine ehrliche und offene Diskussionskultur, die nicht schon ideologisch von fertigen Ergebnissen und Zielvorgaben geprägt ist. Wir brauchen ein Klima des Gesprächs und der ehrlichen Begegnungen, das nicht von Vorurteilen und Ressentiments, sondern von Geduld und Respekt, von Fakten und Argumenten beherrscht wird – gesellschaftlich und insbesondere auch innerkirchlich!

Wie hartnäckig wird doch von vielen verkannt, wo Kirche überall präsent ist und wie viel an Gutem nach wie vor von den vielen Ehrenamtlichen und den hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Pfarreien vor Ort, in den kirchlichen Verbänden und sozial-karitativen Einrichtungen geleistet wird. Für mich war dahingehend das Auftaktfest zum Ulrichjubiläum 2023/24 am letzten Wochenende auf dem Augsburger Rathausplatz ein geglücktes Lehrstück. Manch eine oder einer von Ihnen war vielleicht sogar mit dabei – obwohl ich weiß, dass ein Friedberger, zumal am Wochenende des Stadtfestes, sich schwerlich auf den Weg nach Augsburg hinein aufmacht... Über 40 diözesane und sozial-karitative Einrichtungen, Fachbereiche und kirchliche Verbände präsentierten ihre Arbeit. Sie berichteten den interessierten Leuten von all‘ dem Guten, was Kirche oft im Verborgenen leistet, was sie zum seelischen wie auch materiellen Wohl für Kinder, Jugendliche und Erwachsene tut – sei es in der Beratung und Seelsorge, sei es aber auch im Bereich der Prävention. Es scheint symptomatisch zu sein: Gute Nachrichten schaffen es nur schwer auf die Titelseiten! Immerhin hat die Augsburger Allgemeine unserem Fest einen Artikel auf der Bayernseite gewidmet. Danke, wenn die Aichacher Zeitung als Ableger der AZ immer wieder kirchliche Themen bringt und wohlwollendes Interesse zeigt!

Wir brauchen uns als Kirche weder zu verstecken noch uns selbst aufzugeben, nur weil einige jetzt schon der Kirche am liebsten die Sterbeglocke läuten wollen. Verfallen wir als Kirche nicht in Selbstmitleid – zeigen wir nach wie vor Gesicht! Schauen wir in unserer Pfarrei, was an gegenwärtigen Herausforderungen auf uns wartet und wo wir von der Liebe Gottes, die uns in seinem Sohn Jesus Christus entgegenkam, Zeugnis ablegen können – in der Pfarrei, im Bekanntenkreis, in der Schule, am Arbeitsplatz. Zeigen wir Präsenz und säen wir aus – das ist uns aufgetragen. Wir leben mehr denn je in einer „Zeit der Aussaat“! Raus aus der „Komfortzone“ hinein „in die Welt“. Ich habe den Eindruck, dass wir als Christen es schon gar nicht mehr wagen, das Gute und Befreiende des Evangeliums an- und auszusprechen. Das ist eine Aufgabe nicht nur für „die Profis“, also die Geweihten und Hauptamtlichen, wenn man so will, sondern eine aller Getauften! Papst Franziskus hat es in seinem Schreiben „Evangelii Gaudium“ deutlich mit den Worten zum Ausdruck gebracht: „Ich bin eine Mission auf dieser Erde, und ihretwegen bin ich auf dieser Welt.“ (EG 273) Bleiben wir als Kirche – und das sind wir alle, die wir hier als Getaufte sitzen – nah vor Ort, nah bei den Mitmenschen. Als Kirche sind wir nicht um unseres selbst hier, Kirche hat keinen Selbstzweck! Von daher werte ich den Bittgang nach Herrgottsruh am heutigen Nachmittag als ein deutliches Statement. Kompliment, dass der erstmalig 1758 angeordnete Bitt- und Kreuzgang ins Stadtfest integriert werden konnte und Sie hier ein klares Zeichen mit ihrer heutigen Bitte um den Frieden in der Welt setzen werden!

„Wer Ohren hat, der höre“ (Mt 13,9), mahnt Jesus. Uns ins Hören einüben, das wollen wir in diesem Jahr neu versuchen. Unser Bistumspatron, der hl. Ulrich, bietet uns dafür die Steilvorlage. Sie haben es sicherlich schon mitbekommen: Mit dem in der letzten Woche eröffneten Ulrichsjubiläum 2023/24 wollen wir unter dem Motto „Mit dem Ohr des Herzens“ hinhören auf das, was uns der hl. Ulrich heute noch zu sagen hat, worin er uns mit seinem Leben und Wirken zum Vorbild gereichen kann. Anlass dafür sind sein 1.050. Todestag und der 1.100. Jahrestag seiner Bischofsweihe. Der hl. Ulrich hat sich in seinem 50-jährigen Wirken als Bischof von Augsburg unermüdlich für seine Gläubigen eingesetzt. Er kümmerte sich um das seelische Wohl der Gläubigen wie auch die materielle Versorgung der Bevölkerung in seinem Bistum. Selbst asketisch lebend war er gegenüber Bedürftigen äußerst freigiebig. Wie die zeitgenössische Biographie uns berichtet, wurde bei den täglichen Mahlzeiten das erste Gedeck mit Broten und Speisen zum großen Teil unter den Armen verteilt (vgl. Vita I,3). Der hl. Ulrich lebte aus dem Evangelium und lebte das Evangelium! Darin kann er uns Vorbild und Fürsprecher sein.

An ihm sehen wir: Der Mensch lebt nicht nur vom Wort allein. Was nützt es, wenn ich seine Bedeutung nicht erfassen kann, weil einem der Magen knurrt oder einem kalt ist, weil ich nichts zum Anziehen habe? Das verweist uns am heutigen Tag auf ein weiteres Friedberger Ereignis, die sogenannte „Reiche Spende“. Herzog Georg der Reiche von Bayern-Landshut veranlasste im Jahr 1495 die alljährliche Spende von Lodentüchern zur Anfertigung von Mantelröcken für bedürftige und gottesfürchtige Bürger. Darüber hinaus sollten jeweils am Montag nach dem dritten Fastensonntag in der Kirche „halb Semmeln“ (Brötchen aus Weizenmehl), „halb Rockhen“ (Brötchen aus Weizenmehl mit Beimischung von Roggenmehl) an die Friedberger Bürger verteilt werden. Im Gegenzug sollten sie für das Seelenheil von Herzog Georg beten, wie es zu jener Zeit üblich war. Wenn wir uns heute daran erinnern und am Ende des Festgottesdienstes Semmeln an alle Kirchenbesucher verteilt werden, so drücken wir damit aus: Wir sind eine Gemeinschaft und wollen in unserm Handeln solidarisch miteinander sein. Indem wir miteinander das Brot teilen und essen, schaffen wir Beziehung untereinander. Mein herzlicher Dank gilt den Friedberger Bäckern Knoll, Scharold und Schwab, die in Nachfolge des Herzogs die Semmeln spendeten!

Liebe Gläubige, liebe Friedberger und Gäste aus nah und fern, wir leben in einer Zeit der Aussaat. So möchte ich jede und jeden dazu ermuntern, wie der Sämann seinen Beitrag zur Aussaat zu leisten. Dabei dürfen wir auf die Zusage Gottes aus dem Mund des Propheten Jesaja vertrauen: Das „Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe.“ (Jes 55,11)