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Predigt von Bischof Bertram beim Ersten Grünsinker Wallfahrtsfest in Weßling

Wunder der Verwandlung

30.07.2023 11:00

Liebe Schwestern und Brüder in Christus! Stellen wir uns einmal die drohende Blamage ganz bildlich vor, von der im heutigen Evangelium die Rede ist: Da wird das rauschende Fest einer Hochzeit gefeiert. Es wird ausgelassen gegessen und getrunken, gelacht und getanzt. Dann der Eklat: Der Wein geht zu Ende. Die Party droht zu platzen.

Was für ein Schlamassel für die Neuvermählten! Doch wie erklärt sich das Eingreifen Marias? Nach jüdischen Brauch war es damals durchaus üblich, dass die Gäste nicht nur zum Mitfeiern eingeladen sind, sondern an der Gestaltung der Feierlichkeiten mitwirken und einzelne organisatorische Aufgaben übernehmen. Wenn Maria ihren Sohn darauf hinweist, dass sie keinen Wein mehr haben (vgl. Joh 2,3), dann können wir davon ausgehen, dass die Familie um Jesus sich verpflichtet hat, für ausreichend Wein zu sorgen. Und jetzt das: Die Familie Jesu hatte sich vollkommen verschätzt und das auf Kosten der Eheleute – wie peinlich!

Situationen, in denen uns förmlich der Wein ausgeht, in denen wir nichts mehr bieten können, kennt wohl jede und jeder von uns. Situationen, in denen wir keine Geduld mehr haben, in denen wir uns gegenseitig nur noch auf die Nerven gehen. Situationen, in denen wir uns völlig verschätzt haben, die denen wir vor lauer „Schmach und Schande“ am liebsten „im Boden versinken“ wollen. Situationen, in denen uns die Freude und Energie fehlt, weil wir erschöpft sind und uns verbraucht fühlen – wie die leeren Weinkrüge auf der Hochzeit zu Kana. Gerade jetzt, so kurz vor der Ferien- und Urlaubszeit, kann jede und jeder ein derartiges Gefühl gut nachempfinden…

Woher bekommen wir neue Kraft? Wie werden die eigenen Krüge wieder voll? Der weitere Blick auf das Evangelium zeigt uns den Weg. Maria ist hierbei unser Kompass, unsere Pfadfinderin. Sie weist zunächst auf die leeren Krüge hin. Für diesen Wink handelt sie sich von ihrem Sohn eine schroffe Abfuhr ein: „Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen?“ (Joh 2,4) Jesus ist demnach kein „Wunderdoktor auf Knopfdruck“, kein „Wünsch-Dir-Was-Automat“ und schon gar nicht der „hauseigene Lückenbüßer“ für unsere Fehler und Versäumnisse. Das bedeutet: Mit Jesus fängt kein leichtfüßiges, sorgenfreies Leben an. Er nimmt uns die Lasten nicht einfach ab, aber er hilft sie uns tragen. Sind unsere Möglichkeiten ausgeschöpft, steht Jesus parat. Maria ist uns dabei eine Hilfe, sie gibt uns den guten Rat: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5)

Hören wir hin auf Jesu Worte, die uns in der Krise Hoffnung geben, wenn wir nichts mehr haben, woraus wir schöpfen können: „Füllt die Krüge mit Wasser!“ (Joh 2,7) Es ist die Aufforderung an uns, die steinernen Krüge mit „unserem Wasser“ zu füllen: mit dem Wasser unserer Erstarrung, Mittelmäßigkeit und Engherzigkeit. In die Krüge der Liebe Gottes dürfen wir wirklich alles hineinschütten, was uns belastet: unsere Enttäuschungen und Schwierigkeiten, unser vergebliches Mühen und Misslingen, unsere Ängste und unseren Ärger, unsere Verzweiflung und Trauer. Wir dürfen die Krüge füllen, sei es laut weinend, sei es stumm klagend – bis zum Rand, wie es hieß (vgl. Joh 2,7). Wie das Wasser sich in den Wein verwandelte, so dürfen wir auf Gottes Wort vertrauen, dass sich unsere „wässrigen Halbheiten“ verwandeln in den „Wein der Freude“.

Wandlung vollzieht sich in der Begegnung mit Gott – in den Sakramenten, allen voran im Mitfeiern der Eucharistie, im Lesen der hl. Schrift und im Gebet. Dabei helfen uns besondere Zeiten und Orte. Kirchenräume und Wallfahrtsorte sind solche geprägten Orte, an denen wir dem Alltag „enthoben“ sind, an denen wir unsere Antennen bewusst(er) ausrichten können, um die Signale Gottes zu empfangen. Viele wünschten sich, dass Gott mit „Pauken und Trompeten“ in das Leben einbricht, dass er sich „mit Donner und Blitz“, mit „gewaltiger Stimme“ bemerkbar macht. Die Erfahrung lehrt uns: Laute Worte werden zwar nicht überhört und beeindrucken uns, sie dringen aber nicht tief in unser Herz und flössen uns doch eher Angst ein. Der Prophet Elija zeigt uns auf, dass Gott eben nicht beeindrucken, sondern im Menschen ankommen und verstanden werden will. Er erfährt Gott gerade nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer, sondern in einem sanften, leisen Säuseln (vgl. 1 Kön 19,11f.).

Ein solcher „heiliger Ort“ also, an dem wir die helfende Fürsprache der Heiligen und die heilende Gegenwart Gottes erfahren, ist Grünsink – ein verkanntes Kleinod des bayerischen Spätbarocks, eine wahre Perle neben den „berühmten“ Heiltümern am heiligen Berg in Andechs und in Grafrath. Gerade die Intimität des Ortes macht seit 260 Jahren die lokale Anziehungskraft dieser Wallfahrt aus. Ihren Ursprung hat sie in einem verirrten und verwirrten Seefelder Jäger, der in seiner Not um Mariens Hilfe rief. Als Dank für seine Gebetserhörung stellte er ein Marienbildnis in der „grünen Senke“ in einen hohlen Birnbaum zur Verehrung auf. In der Folge erlebte das Gnadenbild „Maria Hilf“ einen großen Zustrom, vor allem nachdem die Nachricht von weiteren Gebetserhörungen die Runde machte. Aber wem sage ich das? Sie, liebe Gläubige aus nah und fern, schätzen diesen Ort und kennen gewiss alle die nähere Geschichte dieser Wallfahrt. Die Kirche ist eingerahmt von Wiesen und Bäumen, ihre Lage mutet paradiesisch an, was mich mit Blick auf die heutige erste Lesung (vgl. Gen 3,1-6.13-15) zu einem weiteren Gedankengang bringt.

Wenn wir uns die Erzählung vom Sündenfall genauer anschauen, so werden in bildlicher Sprache tiefe Einsichten über das Verhältnis von Gott zu den Menschen und der Menschen zueinander dargelegt. Es handelt sich also weder um einen historischen Bericht noch eine naturwissenschaftliche Abhandlung. Die Erzählung ist aber auch keine bloße Geschichte oder irgendein Märchen, in dem keine Wahrheit liegen würde. Letztlich ist sie der Versuch zu erklären, wie der Mensch aus der innigen und vertrauensvollen Beziehung zu Gott herausfällt. Es ist die Erzählung darüber, wie sich der Mensch immer mehr von Gott entfernt, wie er Gott immer weniger traut und nur mehr auf sich selbst baut.

Das spielt hinein in unsere heutige Zeit. Ich sage es Ihnen ehrlich: Viele aktuelle Entwicklungen betrachte ich mit großer Sorge und nehme sie ins Gebet. Der Mensch mandelt sich auf als „Macher“, der alles kann. Im Namen „der Humanität“ spielt er sich auf als Herr über Leben und Tod – so insbesondere am Anfang und Ende menschlichen Lebens. Mir ist bang mit Blick auf die rasante Digitalisierung und Technisierung. Mit der „Künstlichen Intelligenz“ (KI) stehen wir am Anfang einer revolutionären Entwicklung. Sie wird eine der massivsten und nachhaltigsten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen in der Menschheitsgeschichte seit der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert mit sich bringen.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich bin weder ein Fortschrittsverweigerer noch will ich die Zukunft völlig schwarzmalen oder gar einer bevorstehenden Apokalypse „das Wort reden“. Es gibt, wie so oft, zwei Seiten einer Medaille. Der Mensch sollte sich die Möglichkeit geben, die Auswirkungen seines Handelns auf die Umwelt abzuschätzen und die Folgen für das Mensch-Sein zu reflektieren – gerade beim Thema KI. Je nach Ergebnis gilt es entgegenzusteuern und die notwendigen gesetzlichen Rahmenbedingungen zu setzen.

Es sind also aktuell zahlreiche Themen und gesellschaftliche Herausforderungen gegeben, bei denen wir als Kirche gerade auf Basis und als Verpflichtung gegenüber unserem christlichen Menschenbild „pro-aktiv(er)“ sein müssen. Tun wir das – jede und jeder von Ihnen! Wovor graut uns? Ich bin mir durchaus bewusst: Als Kirche haben wir in den letzten Jahren viel Vertrauen verspielt, die Schuld an den Opfern geistlichen und sexuellen Missbrauchs wiegt schwer und die Aufarbeitung und Prävention wird als steter Auftrag bleiben. Deswegen können wir der Welt aber doch zugleich die frohmachende Botschaft von Jesus Christus anbieten.

Ich habe den Eindruck, das viele Gute, das Kirche nach wie vor bewirkt, wird klein geredet – leider gar in den eigenen Reihen. Wir sind innerkirchlich teils so in Struktur- und Reformdebatten verstrickt, dass wir uns als Kirche scheinbar selbst überflüssig machen (wollen). Seien wir, wie Jesus es uns aufgetragen hat, das „Salz der Erde“ (vgl. Mt 5,13). Schauen wir über den „Kirchturm unser Pfarrei“ hinaus. Seien wir bei denen, die unsere materielle Unterstützung und menschliche Nähe brauchen. Erheben wir unsere Stimme gegen jede Form der Ausbeutung von Mensch und Natur und tragen wir unseren Beitrag bei zu einem Wandel hin zu einer gerechten und friedvolle(re)n Welt, zu einem guten Leben für alle.

Wenn wir hier in Grünsink mitten „im Grünen“ Eucharistie feiern, erinnert uns das an unsere besondere Verantwortung als Christen gegenüber der Natur. Denn der Mensch versündigt sich in seinem Tun nicht nur gegenüber Gott und dem Nächsten, sondern auch an der Schöpfung Gottes. Der Mensch ist für „Mutter Erde“ soweit zum beeinflussenden Faktor geworden, dass Wissenschaftler sogar von einem neuen Zeitalter sprechen, dem sogenannten „Anthropozän“, dem „Zeitalter des Menschen“. Gerade uns Christen ist es aufgetragen, unseren Beitrag gegen eine weitere Zerstörung von Gottes Schöpfung zu leisten. Da gibt es viele verschiedene Möglichkeiten und alle noch so kleinen Maßnahmen zusammen bewirken in der Summe viel. Ich plädiere dafür, sich der altbewährten katholischen Traditionen wieder mehr bewusst zu werden, wie der Verzicht von Fleisch am Freitag, die Einhaltung der Fastenzeit auch im Advent, die Erteilung des Wettersegens oder die Abhaltung der Flurumgänge. Eine soziale und ökologische Transformation im Sinne eines fundamentalen und dauerhaften Wandels wird nur mit Gottes Hilfe gelingen.

Kehren wir zum Abschluss noch einmal zur Geschichte vom Sündenfall zurück. Im weiteren Erzählverlauf wird überdeutlich: Je mehr das Verhältnis zwischen Mensch und Gott gestört ist, umso mehr ist auch das zwischenmenschliche Verhältnis gestört. Da wird die Schuld hin und her geschoben, aber letztlich will es keiner gewesen sein, obwohl doch alle irgendwie beteiligt waren. Hand aufs Herz: Jede und jeder von Ihnen weiß um solche Vorgänge, vom eigenen Versagen abzulenken und viel lieber auf die „böse Tat“ seines Nächsten zu verweisen. Gegenüber uns selbst sind wir meist milde in unserem Urteil, gegenüber dem Partner, der Nachbarin oder Mitschülern sind wir schnell darin, „den Stab zu brechen“. Wie voreilig sind wir zumal im Zusammenschluss mit Gleichgesinnten in unserem Reden, in unseren Schlüssen und Urteilen über „die Anderen“ – am Stammtisch, in der Clique oder in der WhatsApp-Gruppe.

Wie wäre es denn, wenn wir vielmehr versuchen würden, das Gute in einem anderen Menschen zu sehen und Verständnis zu wecken, insbesondere für solche, die augenscheinlich in einer Notlage sind? Das ist jedenfalls der Weg, den Jesus Christus uns aufgezeigt hat. Selbst wenn wir darin versagen, dürfen wir ihm alles vorbehaltlos anvertrauen und alle unsere schlechten Gedanken und Taten auf den Altar legen. So wie die Gaben von Brot und Wein in Leib und Blut Christi gewandelt werden, will Gott das „Wunder der Verwandlung“ in uns wirken und uns seine ganze Liebe schenken.

Maria als die „neue Eva“ hat durch ihr Ja-Wort dazu beigetragen, die Welt menschlicher zu machen, indem sie Gott als Mensch ausgetragen hat. Ohne sie gäbe es keinen Heiland und Erlöser. Ist uns das bewusst? Gott hätte einen anderen Weg wählen müssen, um bei uns anzukommen. Die Mutter Gottes hat sich ganz in den Dienst nehmen lassen, ohne zu wissen, was da alles auf sie zukommt. Bis heute haben wir in ihr eine „himmlische Verbündete“. Denn sie selbst hat Not und Trauer, Leid und Schmerz erfahren und ist doch daran nicht zerbrochen. An sie, die „Hilfe der Christen“, dürfen wir uns jederzeit als unsere Fürsprecherin wenden und folgen wir ihrem guten Rat: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5)