MENSCH WERDEN UND MENSCH SEIN. Auf der Suche nach dem Humanismus der Zukunft.
Themenabend im Akademischen Forum in Kooperation mit dem Bildungs- und Begegnungszentrum der Klinikseelsorge Haus Tobias am Dienstag, 18. Juli 2023
Augsburg (20-7-2023). Wie menschlich werden wir in Zukunft sein? Diese Frage stand im Mittelpunkt dieses Themenabends. Es sind rasante Entwicklungen und Herausforderungen die sich global und gesellschaftlich gerade abzeichnen. Und wir alle sind Teil dieses grundlegenden Wandels. Zum einen ist es die Verbundenheit von Mensch und Natur, die auseinander zu brechen scheint; zum anderen ist es die Beziehung von Mensch und Technik, die als „vierte Industrialisierung“ unsere Arbeitswelt, unser Privatleben, unser Zusammenleben zunehmend verändert und gestaltet. Beflügelt durch technischen Fortschritt und Künstliche Intelligenz.
Entwicklungen wie ChatGPT, autonomes Fahren, Pflegeroboter, Klimawandel, verunsichern und sorgen für ein starkes Orientierungsbedürfnis in der Gesellschaft. Die Menschen haben Fragen: Wie geht es jetzt weiter? Eine Polarisierung macht sich breit. So gibt es gegenüber diesen Entwicklungen eine sehr starke Ablehnung auf der einen Seite und Euphorie auf der anderen Seite. Ein Mittelweg fehlt.
Auf diesem Hintergrund erörterte Professor Jochen Ostheimer, Sozialethiker an der Universität Augsburg, wie sich das Verhältnis Mensch und Natur in den letzten Jahrhunderten auseinander differenziert hat. Bis dahin, dass man mittlerweile vom Anbruch eines neuen Zeitalters, des Anthropozän, spricht. Merkmal dieses Zeitalters sind Eingriffe des Menschen in die natürlichen Abläufe, die mittlerweile irreversibel sind. Für die Benennung dieses Zeitalters wurden auch verschiedene Bezeichnungen vorgeschlagen: kapitalistische Produktionsweise (Capitalocene), Plantagenanbau (Plantationocene), Dubai-cene (Wunderstadt des Erdöls) Obscene Epoch (Müllmengen), Ausrottung von Tier- und Pflanzenarten (Unforgiveable-crimescene).
Insgesamt aber geht um das große Wunder „Leben“ (Albert Schweitzer). Hier liegt der moralische Wert. Leben ist und kann nur in seiner Vernetztheit gesehen und verstanden werden. Dazu stellte Ostheimer drei Grundmodelle vor: pathozentrische bzw. sentientistische (Mitfühlen); biozentrischen (alles Lebendige hat einen ethischen Eigenwert); holistisch-physiozentrische Sichtweisen (ganzheitlich-Naturethik die einen Ausgleich zw. menschl. und tierischen Interessen fordert). Grundsätzlich muss sich aber ein Wandel von dominanter Physik hin zu Biologie und Öklologie als Bezugsdisziplinen vollziehen.
Als Fazit seines Vortrages fasste Professor Ostheimer zusammen: Die Ausbildung von Suffizienz, Demut und Ehrfurcht, die Entwicklung einer geschwisterlichen Haltung ist Teil einer Lebenskunst die es zu lernen gilt. Will man die Welt als Lebenshaus verstehen, so stellt sich die Forderung: Der Mensch muss die Art seiner Weltbeziehung verändern und damit eine gewandelte Form der Selbstgestaltung des Menschen. Eine solche Selbstbildung aber ist eine zentrale Idee des Humanismus.
Die Moraltheologin Prof. Dr. Kerstin Schlögl-Flierl, Universität Augsburg, reflektierte in ihrem Vortrag die Gefahren und Chancen der technischen Entwicklung, gerade im Bereich der Künstlichen Intelligenz und der Robotik. Hier brachte sie auch grundlegende Überlegungen des Deutschen Ethikrates, dessen Mitglied sie ist, zur Sprache. So lässt uns ChatGPT beispielweise in seiner Faszination wie auch Fremdheit wieder neu über das Menschsein nachdenken. Hier muss neu nachgedacht und gefragt werden, wie sich der Mensch neu versteht bzw. verstehen kann. Wo endet das Menschsein, wo beginnt die Technik? Ist die Grenze noch so trennscharf zu ziehen?
„Grundsätzlich muss die Künstliche Intelligenz die menschliche Entfaltung, Autorschaft und Handlungsmöglichkeiten erweitern und darf sie nicht vermindern. KI darf den Menschen nicht ersetzen“. so Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates.
Schlögl-Flierl plädierte als Antwort auf diese Fragen für ein neues Verständnis des christlichen Menschenbildes, das der Person Würde und Einzigartigkeit als Person vermittelt. Dazu ist vor allem aber eine Tugendethik wichtig, die nicht danach fragt, wie der Mensch handeln soll, sondern wie er sein soll, um das Gute tun zu können. So können tugendethische Impulse eine Orientierung sein: Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Verantwortlichkeit und Fürsorge.