Maria – Mutter – Kirche: Trösterin der Betrübten
Sind wir noch bei Trost? So fragen wir, wenn wir drauf und dran sind, durchzuknallen oder etwas ganz Verrücktes zu tun. Hier bei der Trösterin der Betrübten kommen einem unwillkürlich solche Gedanken zu Trauer und Trost. Jesus selbst hat das Thema beschäftigt: „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“ (Mt 5,4)
Es gibt Worte, die mit der Zeit ihren Glanz verlieren. Auch gibt es Wörter, die so lange verbraucht werden, bis man sie nicht mehr zu gebrauchen wagt. Bei dem Wort „Trost“ – „trösten“ trifft weder das eine noch das andere zu. Es hat seine Kraft bis heute bewahrt. Nichts hat die Dichte seiner Bedeutung zerstören können. „Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!“ formuliert der Dichter Günter Eich (1907-1972). Von einem „leisen, süßen Trost“ der Auferstehung sprach Matthias Claudius (1740-1815) beim Tod seines Vaters. Das Wort ist unverbraucht geblieben, und das hängt wohl damit zusammen, dass wir nicht leben können, ohne getröstet zu werden, und dass wir immer wieder in Gefahr stehen, in graue Trostlosigkeit zu versinken.
Die Heilige Schrift spricht uns an vielen Stellen Trost zu. In den Seligpreisungen heißt es: „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“ (Mt 5,4) Es ist gut, einmal nur über diesen einen Satz nachzudenken. Wenn man ihn verstanden hat, kann man auch die anderen Seligpreisungen analog auslegen.
Selig, also glücklich die Trauernden! In diesem Widerspruch liegt die Wahrheit nicht nur dieser Seligpreisung. Glücklich sind nicht die herzhaft Lachenden, sondern die Weinenden. So formuliert Lukas in seinem Evangelium noch provozierender als Matthäus: Selig seid ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen! (vgl. Lk 6,21) Das ist wohl das ursprüngliche Wort, wie es Jesus wahrscheinlich selbst gesagt hat. Ein paradoxes Wort. Weil die Weinenden weinen und die Trauernden trauern, ist das Glück bei ihnen. Das heißt im Weinen und Trauern liegt ein Schlüssel zum Glück. Man muss sich erst in dieses Wort hineinfühlen, um seinem Sinn inne zu werden.
Ich meine, es ist wie bei den Kindern. Sie weinen laut heraus und schon ist alles wieder gut. Weinen und Lachen - beinah eins. Selig seid ihr Kinder, denn ihr könnt weinen. Welches Glück, weinend die Last einfach weggeben zu können! Sollte darin die Einfachheit der Seligpreisung liegen, im seligen Weinen können der Kinder? „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“, sagt Jesus, „könnt ihr nicht in das Reich der Himmel kommen.“ (vgl. Mt 18,3) Warum fällt uns das oft so schwer? Was verwehrt uns Erwachsenen heraus zu weinen, was das Herz schwermacht? Wir verschweigen und vergraben unsere Traurigkeit in uns selbst, verdrängen sie durch eine oft sinnlose Beschäftigungstherapie und durch noch sinnlosere Zerstreuungen. Der Urlaub vom Ich wird zur Flucht vor dem Ich. Wir wissen heute - belehrt durch die Psychologie -, welche Überwindung es kostet, sich einem anderen anzuvertrauen. Wir haben erkannt, dass dies nur möglich ist, wo sich einer festhalten kann, wie das weinende Kind sich klammert an die Mutter. Das Leben hat vielen die Wege dazu verbaut: Irgendeinmal ist ein frühes Vertrauen getäuscht, Zutrauen verletzt, Offenheit ausgenützt worden. Jeder weiß doch, wieviel Kraft und Vertrauen es braucht, um auch nur seinem allernächsten Mitmenschen - und gerade ihm - die Ursache selbst einer kleinen Verstimmung mitzuteilen. Und welche Mühe kostet es, eine Trauer, die unverstanden auf einem liegt, bei sich selbst zu ergründen und beim Namen zu nennen.
Matthäus hat um diese Schwierigkeit gewusst. Und so schreibt er nicht: Selig, die ihr jetzt weint. Er wendet sich nicht an unkomplizierte, arglose Kinder, sondern an Erwachsene, an solche, die einen langen Weg gegangen sind seit ihrer Kindheit, die vom Leben verwundet sind, gehemmt und verkrampft. Deshalb sagt er ganz bewusst: Selig die Trauernden. Trauer: das ist nicht das befreite Herausweinen der Kinder. Trauer ist die Mühe, die dem Menschen alle Kräfte abnötigt, um im Leiden einen Schritt vorwärts zu kommen. Die heutige Zeit macht es möglich, den Tod auszuklammern, Schmerzen zu betäuben und Leiden wegzuschieben. Aber die Folge davon ist genau das Gegenteil: nicht Glück, sondern das überspielte Leiden rächt sich am Leben.
Wenn das Leiden sich der Kontrolle entzieht, spricht es sich nicht mehr aus. Das Herz verliert seine Sprache und verkümmert. Ein verkümmertes Herz – ein Herz, das nicht mehr trauern kann. Sollten wir vergessen haben, dass Kunst, Dichtung und Musik Sprachen sind, die das Herz des Menschen dann am reinsten spricht, wenn es leidet? Wo sich die Trauer nicht mehr aussprechen kann, da hat auch das Glück keine Sprache mehr: Selig, wer trauern kann und mit dem jemand trauert, denn er wird getröstet werden.
Darf ich Sie ein wenig in die Theologie entführen? „Denn sie werden getröstet werden...“ Eine passive Form. Solche Passivformen gebraucht Jesus oft:
„Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden.“ (Mt 23,12)
„Bittet, so wird euch gegeben werden.“ (Mt 7,7)
„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ (Mt 7,1)
Die Bibeltheologie spricht vom „passivum divinum“ d. h. einer Passivform, die das Handeln Gottes umschreibt. So könnten wir die Seligpreisung auch so übersetzen: „Selig die Trauernden, denn Gott selbst wird sie trösten.“
Schon der Prophet Jesaja legt Gott die Worte in den Mund: „Ich bin es, ich selbst bin es, der euch tröstet.“ (Jes 51,12) Und später heißt es: „Wie eine Mutter ihr Kind tröstet, so tröste ich euch.“ (Jes 66,13)
Wie gut, dass Gott uns trösten wird! Denn wir selber können die Trostlosigkeit ja nie wirklich aus der Welt schaffen. Es gibt Wunden in uns, die nur Gott heilen kann. Die anderen kennen diese Wunden gar nicht oder müssen sprachlos bleiben. Es gibt Tränen in unseren Gesichtern, die Gott allein abwischen kann. Die anderen sehen diese Tränen gar nicht.
Gott selbst wird uns trösten. Das ist wahr. Aber er tröstet uns nicht im luftleeren Raum. Er will uns trösten durch alle, die uns als Schwestern und Brüder an die Seite gestellt sind, die gut zu uns sind, die sich in uns einfühlen und eine heillose Situation einfach durch ihr Dasein lindern helfen. Genau das ist die Art, mit der Gott heute tröstet.
Trösten gehört zum Wesen einer christlichen Gemeinde. Trost spenden ist ein wesentlicher Dienst der Kirche. „Tröstet, tröstet mein Volk!“ (Jes 40,1) Das ist uns ins Stammbuch geschrieben. Man könnte auch sagen: Trösten können ist unser Glück und auch unsere Last. Ein hoher Anspruch!
Wir müssen zugeben: Es gibt Menschen, die einem vorhalten: „Ja, damals als ich in Not war, da kam keiner von der Kirche.“ Da werde ich traurig über uns, weil wir offenbar im rechten Moment nicht da waren. Doch möchte ich den, der da klagt, auch fragen: Hast Du Dich wirklich für Jesus interessiert? Hättest du dich doch auch selber eingereiht in die Gemeinschaft derer, die regelmäßig zusammenkommen, z. B. zur sonntäglichen Eucharistie! Freilich: Man kann auch ungetröstet von einem Gottesdienst weggehen. Was wir als Kirche bieten, ist mitunter nicht Trost, sondern im Gegenteil: Die Leute werden heruntergezogen, belehrt, ermahnt, nicht aufgebaut. Manche Kirche ist leergepredigt. Schade! Da wurden und werden Fehler gemacht, die dem Evangelium als der frohen und tröstenden Botschaft entgegenstehen, nicht im Sinne Jesu und des Trösters, des Heiligen Geistes. Wir Kirchgänger sind auch nicht immer einladend und tröstlich für andere. Und trotzdem bin ich nicht allein mit meiner Überzeugung, dass die Gemeinschaft des Gottesdienstes immer neu Quelle des Trostes werden kann. Hier erfahren wir, dass wir unseren Weg nicht allein gehen müssen. Auch wenn sie es uns nur selten persönlich sagen, schon die Anwesenheit anderer im gemeinsamen Gebet kann Trost und Stütze sein. Wenn es uns die Sprache verschlägt, wenn wir stumm bleiben, dann tut es gut, sich vom Beten und Singen der Gemeinschaft tragen zu lassen. Das entlastet ungemein.
Selig die Trauernden, denn sie sollen getröstet werden - durch Gott bei uns in seiner Kirche. An diesem besonderen Ort geht uns die Seligpreisung vom Trösten besonders zu Herzen. Die Pilgerpforte wird heute geschlossen. Die Wallfahrtssaison findet ihren Abschluss. Doch nur äußerlich! Innerlich steht uns das Heiligtum offen. Maria – die Mutter Gottes – Mutter Kirche: Hier in Kevelaer fließt alles zusammen: Maria – Mutter – Kirche, Trösterin der Betrübten, bitte für uns, damit wir einander trösten können. Amen.