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Predigt von Bischof Bertram zum 50. Weihetag der Pfarrkirche Hl. Kreuz in Neu-Ulm/Pfuhl

„Ave crux, spes unica“

23.12.2023 18:09

Vieles schwingt da mit: Wer bin ich denn für Euch, dass ihr glaubt, ich wohne in Häusern, die von Menschen gebaut sind? Meint ihr denn, ihr könnt mich, den Schöpfer des Himmels und der Erde, einsperren in vier Wände, wie man eines Flaschengeistes habhaft wird, indem man ihm mit einem Korken den Rückweg abschneidet?

Sicher, David hatte gute Absichten: Er wollte nach der Befriedung mit den Nachbarn und der zunehmenden Sesshaftwerdung nun endlich auch die Liturgie und die Gottesverehrung in die Konsolidierung des Volkes Israel einbeziehen. Der angedachte Tempel sollte zeigen, dass das Volk wusste, was es seinem Gott zu verdanken hatte, mit einem Wort: er sollte etwas hermachen! Vielleicht aber hatte David auch ein schlechtes Gewissen in seinem Palast aus Zedernholz, wenn er dabei an die kleine tragbare Bundeslade dachte, in der als kostbarstes Dokument die steinernen Tafeln mit den zehn Geboten aufbewahrt wurden. Ich bin überzeugt, wir alle können uns gut vorstellen, wie es in seinem Herzen aussah…

Doch der Mensch denkt, und Gott lenkt – Gottes Gedanken übersteigen die Gedanken des Menschen bei weitem. Im Gegensatz zu uns übersieht er Raum und Zeit, weil sie für ihn keine Grenzen darstellen. So spricht er sich anerkennend über Davids Idee aus, weist aber mit seiner Verheißung weit darüber hinaus. Der Herr verspricht dem König: „Wenn Deine Tage erfüllt sind und Du Dich zu Deinen Vätern legst, werde ich Deinen leiblichen Sohn als Deinen Nachfolger einsetzen und seinem Königtum Bestand verleihen“ (2 Sam 7,12). Das einzelne Leben ist für Gott unendlich kostbar, doch zugleich setzt er es nicht absolut; wir alle stehen in einer Kette von Generationen und müssen anderen Platz machen. Kein Mensch ist das Maß aller Dinge, auch nicht, wenn er ein so charismatischer Herrscher ist wie König David.

Gott braucht keine sichtbare Wohnung auf Erden, das lernen wir aus dieser Szene im zweiten Buch Samuel – er will vielmehr in Menschen Wohnung nehmen, ihm kommt es darauf an, dass Menschen in seiner Gegenwart leben! Deshalb wird uns heute, am Tag vor Heiligabend, der dieses Jahr mit dem 4. Adventssonntag zusammenfällt, die Verkündigung des Engels an Maria vor Augen gestellt. Die Verlobte Josefs, der aus dem Hause David stammte, gehörte zu den Menschen, die die Hoffnung auf ein Eingreifen Gottes auch unter der drückenden römischen Besatzung nie aufgegeben hatten. Sie beschäftigte sich mit den uralten Verheißungen und sehnte deren Erfüllung herbei und wurde damit selbst zu einem wesentlichen Teil der Realisierung!

Vordergründig klingt alles recht unspektakulär und war es wohl für die Umgebung des jungen Mädchens aus Nazareth anfangs auch so: Maria heiratet Josef und keiner ahnt, dass sich mit der Verkündigung eine neue Zeitrechnung eingeleitet wurde, dass in dieser Familie Weltgeschichte geschrieben wurde, dass Gott in einem Menschen, einer Frau, Wohnung genommen hat, und Jesus Christus Fleisch von ihrem Fleisch geworden ist – das war vor fast 2000 Jahren…

Wie steht es mit uns? Welche Vorstellungen haben wir von einem Haus für Gott? Wenn wir heute 50 Jahre Weihe dieser Hl. Kreuz-Kirche feiern, dann sieht es auf den ersten Blick so aus, als hätten unsere Vorfahren hier in Pfuhl das Bauprojekt Davids wiederholt. Sie bauten ein Gotteshaus, eine spirituelle und liturgische Heimat für die Katholiken, fast 30 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit dem Zuzug nicht zuletzt von Vertriebenen war die katholische Gemeinde in Pfuhl stark angewachsen und es regte sich immer stärker der Wunsch nach einer eigenen Kirche, einem Kindergarten und einem Pfarrzentrum. „Gründungspfarrer“ wurde der erst kürzlich verstorbene Bischöflich Geistliche Rat Herbert Limbacher. Nicht vergessen möchte ich den damaligen Vorsitzenden des Kirchenbauvereins, Karl Stoll, dessen Engagement unbezahlbar war: eine echte Säule und ein Motor des kirchlichen Lebens. Pfarrer Limbacher machte die Erfahrung, wieviel Kraft und Energie der Bau eines Gotteshauses kostete, doch noch mehr Eifer setzte er darein, den Glauben in die Herzen der Familien und Kinder zu pflanzen. Er war ein Seelsorger, der sich das Wort Mariens zu eigen gemacht hatte: „Siehe, ich bin ein Knecht des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort“ (Lk 1,38). Doch ein Pfarrer allein vermag noch nichts, es braucht eine lebendige Gemeinde, es braucht die Weitergabe des Feuers an die nächste Generation. Dass dies in den letzten 50 Jahren hier in Hl. Kreuz gelungen ist, sehe ich an Ihren Gesichtern! Weil mir Pfuhl aus meiner Zeit, als ich in der Neu-Ulmer Nachbarschaft Kaplan und Pfarrer war, sehr vertraut ist, freue ich mich darüber ganz besonders.

Wenn wir uns heute an die Kirchweihe vom Dezember 1973 durch meinen Vorgänger Bischof Josef Stimpfle erinnern, so tun wir dies auch ein klein wenig mit Wehmut. Denn die Zeiten sind andere geworden: Der Aufbruch scheint erlahmt, der Schwung ist vielleicht etwas schwächer und manche stimmen gar in die Kassandrarufe vom Untergang der Kirche mit ein – alles in allem also eine Atmosphäre, die jener in der Zeit um Christi Geburt nicht unähnlich ist. Zudem haben uns die Ereignisse der Pandemie und die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine und im Heiligen Land unruhig gemacht und es scheint, als würde unser christlicher Glaube nicht mehr recht als Quelle der Zuversicht und Zukunftshoffnung seine Wirkung entfalten können.

„Ave crux, spes unica“ – „Sei gegrüßt, Du heiliges Kreuz, einzige Hoffnung“ singt die Kirche seit Jahrtausenden, besonders in Zeiten der Verfolgung und Aussichtslosigkeit. Ob das auch für uns der Schlüssel zu einer vertieften Gotteserfahrung werden könnte? Anfang der 70er Jahre, so las ich, haben sich die Katholiken in Pfuhl mit großer Mehrheit für „Heilig Kreuz“ als Patrozinium entschieden. Das war mutig und traf ins Zentrum christlicher Auferstehungshoffnung. Es ist zugleich ermutigend für uns: Denn das Kreuz, an dem Jesus Christus die Menschheit erlöst hat, an dem das Heil der Welt verblutete, ist bis heute das Skandalon, der Stein des Anstoßes, an dem sich die Geister scheiden.

Krippe und Kreuz, der Beginn und das Ende des irdischen Lebens Jesu Christi, entziehen sich jeder sentimentalen Verpackung. Krippe und Kreuz sind aus demselben Holz geschnitzt. Die schreckliche Armut und Gefährdung des Gotteskindes unmittelbar nach seiner Geburt setzen sich in den Millionen Kindern fort, die heute auf der Welt zum Hungertod verurteilt sind. Und an den Kriegsschauplätzen unserer Tage erfahren Hundertausende ihr ganz persönliches Golgatha. Leid und Not prägen das Leben der meisten Menschen dieser Erde – doch darf uns das nicht mutlos machen oder gar an Gott verzweifeln lassen. Denn wie Maria ist auch uns der Satz des Engels gesagt: „Für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1,37). Tun wir unser Menschenmögliches, um in dieser finsteren Welt das Licht Christi aufscheinen zu lassen, der unser Leid mit uns geteilt hat, um uns zu erlösen. Und denken wir immer daran: Besser als über die große Dunkelheit zu klagen, ist es, ein kleines Licht anzuzünden. Denn das kleine Licht hat mehr Recht als die große Dunkelheit.