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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier in Affaltern (Pfarrkirche St. Sebastian) mit Benediktion des Altares und Ambos

Hingabe – das heißt Glaube des Herzens, aber auch Bekenntnis des Mundes

21.01.2024 10:02

Liebe Schwestern und Brüder, wenn eine Frau schwanger wird, stellt sich irgendwann die Frage, welchen Namen die angehenden Eltern ihrem Kind geben wollen. Kommt dann der Tag der Taufe, ist es für uns Priester immer wieder spannend, welche Namen gerade populär sind und wie die einzelnen Paare ihre Wahl begründen.

Ein besonders in Bayern allzeit beliebter Name war und ist Sebastian. Im Jahr 1984, also genau vor vierzig Jahren, stand er in der bundesweiten Statistik sogar noch auf Platz 1. Mittlerweile aber nennen immer weniger Eltern ihren Sohn Sebastian, was schade ist, denn der Name ist nicht nur schön anzuhören, sondern hat auch eine tiefere Bedeutung: „Sebastos“, aus dem Griechischen kommend, meint „erhaben“ oder auch „ehrwürdig“.

Das passt sehr gut, denn wir wollen heute hier in Affaltern beim Patrozinium in ganz besonderer Weise eines Mannes mit Namen Sebastian gedenken: Er hat im 3. Jahrhundert gelebt und wird als frühchristlicher Märtyrer in vielen Ländern verehrt. Sein Leben war ganz auf Christus ausgerichtet. Sebastian gab am Ende sein Leben hin, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen (vgl. Joh 18,37). Tief in seinem Herzen hatte er verstanden und verinnerlicht, was uns die heutigen Schriftlesungen sagen wollen.

Darum möchte ich in Erinnerung an diesen großen Heiligen, aber auch mit Blick auf die Benediktion des neuen Altares und Ambos, mit Ihnen ein paar Gedanken teilen, die sich um den Begriff „Hingabe“ drehen. Ausgehend von der Hingabe Jesu am Kreuz (1), können wir auf das Beispiel des hl. Sebastian schauen (2) und uns zuletzt selbst fragen, was es in unserer Zeit bedeuten kann, sich in einem mitunter schwierigen Umfeld zu Christus zu bekennen (3). In gewisser Weise können wir alle drei genannten Punkte hier vorne im Kirchenraum sehen: Da ist der neue Altar, an dem wir in jeder hl. Messe Christi Opfertod und seine glorreiche Auferstehung feiern (1), da ist hinter mir [rechts vom Hochaltar] die Figur des hl. Sebastian (2), Patron dieser Kirche, und da ist der Ambo (3), an dem ich jetzt stehe, Ort der Verkündigung.

 

1. Der Altar als Ort, an dem wir Christi Hingabe feiern

Schauen wir zunächst auf den Mittelpunkt einer jeden Kirche: den Altar. Ich darf an der Stelle Herrn Prof. Dr. Josef Alexander Henselmann danken, dem meiner Meinung nach eine Neugestaltung gelungen ist, die sich hervorragend in das Gesamtbild des Altarraums einfügt. Wir sehen den Tisch des Herrn, an den wir als Gläubige in jeder Eucharistiefeier eingeladen sind, um uns zu vergegenwärtigen, dass Jesus Christus aus Liebe für uns sein Leben hingab, um uns aus der Knechtschaft der Sünde und des Todes zu befreien. In den Ostkirchen wird der Altar darum bisweilen auch als Sinnbild des Grabes Christi angesehen, das daran erinnern soll, dass Jesus gestorben und auferstanden ist. Zugleich ist es der Ort, an dem wir jeden Sonntag die Gaben von Brot und Wein darbringen, wie es Jesus uns aufgetragen hat: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19)

Obwohl er alle Macht auf Erden besaß, ließ sich der Herr als „Brot des Lebens“ (Joh 6,35) brechen und ans Kreuz schlagen, um uns etwas Wichtiges zu lehren: Wahre Erlösung liegt darin, selbst in den dunkelsten Abgründen unserer Welt ganz auf Gott zu vertrauen, der den Menschen unwiderruflich und bedingungslos liebt. Diese Wahrheit hat er uns im Leben und Sterben seines Sohnes gezeigt, und durch seine Auferweckung bestätigt. Wenn wir daran glauben können, unser Leben in jeder Gabenbereitung vor Gott bringen und ihm unser Herz öffnen, dann können wir jenen inneren Frieden finden, der die Basis ist für ein glückliches und erfülltes Leben von uns Menschen auf Erden. Darum lade ich Sie heute ein: Nehmen Sie sich einen kurzen Moment der Stille, bevor Sie nachher zum Kommunionempfang vor den Altar treten. Manchen Gläubigen hilft es in Gedanken ein kleines Gebet zu sprechen: „Jesus, du hast dich hingegeben, um mir deine Liebe zu zeigen und mich zu erlösen. Komm nun zu mir! Befreie mich von allem, was mich in meinem Innersten belastet und schenke meiner Seele Frieden.“ Es gibt unzählige Zeugnisse von Gläubigen, die davon berichten, welch eine Kraft und Freude sie verspürten, nachdem sie aufhörten, alles alleine schaffen zu wollen, und bereit waren, sich ganz für Gottes Geist zu öffnen. Einer, an dem man das gut sehen kann, war der hl. Sebastian. 

 

2. Dem Beispiel Jesu folgend – die Hingabe des hl. Sebastian

Man weiß nicht viel über ihn und vieles beruht auf Legenden, aber man vermutet, dass er in Frankreich (Narbonne) geboren, später in Mailand erzogen wurde. Obwohl die Christen in dieser Zeit unter der Herrschaft von Kaiser Diokletian (Ende des 3. Jh./Anfang des 4. Jh. n. Chr.) massiv verfolgt wurden, schloss er sich wahrscheinlich im Geheimen der jungen Glaubensgemeinschaft an. Für uns heute vielleicht etwas unverständlich, wurde er trotz seiner persönlichen Überzeugungen Soldat und sogar Offizier im römischen Heer. Dort stellte er geradezu ein Sinnbild aller soldatischen Tugenden dar, insofern er treu seine Pflicht erfüllte, sofern es sein Gewissen zuließ. Ebenso galt er als zuverlässig und unbestechlich - sicher auch ein Grund, warum er bis heute von vielen Schützenvereinen und Soldaten als Patron verehrt wird.

Im Laufe der Zeit aber kollidierten seine beruflichen Pflichten immer mehr mit seinem christlichen Glauben. So begann er, gefangene Christen zu besuchen, sie zu trösten und sich für sie zu engagieren. Dies war vermutlich auch der Grund für seine eigene Verhaftung. Er wurde angeklagt und als römischer Soldat zum Tod durch Erschießen verurteilt. Wir kennen das Bild des von vielen Pfeilen durchbohrten Mannes. Ab dem 7. Jahrhunderte wurde er deswegen auch als Patron gegen die Pest verehrt, weil es im Mittelalter die Vorstellung gab, böse Dämonen würden mit Pestpfeilen auf die Menschen schießen und so die Seuche verbreiten. Nun aber kommt das Entscheidende: Der Legende nach überlebte der hl. Sebastian den Pfeilhagel, ging zum Kaiser und versuchte, ihn von der Wahrheit des christlichen Glaubens zu überzeugen. Geschockt über dieses wundersame Überleben seines Soldaten, blieb der Kaiser dennoch stur und ließ Sebastian auf dem Palatin zu Tode knüppeln.

Warum können wir heute fragen, ließ es Sebastian nicht einfach gut sein und musste stattdessen nochmal sein Leben aufs Spiel setzen, um den erklärten Christenverfolger Diokletian zu überzeugen? Offensichtlich war es seine Berufung und vielleicht hatte er dabei auch die Worte Jesu im Kopf, die wir im Evangelium gehört haben: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können (…) Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen (Mt 10,28; 32). Wenige Jahre nach dem Tod des Sebastian schrieb der Kirchenvater Chrysostomus in seinem Kommentar: Jesus fordert von uns „nicht nur den Glauben des Herzens, sondern auch das Bekenntnis des Mundes“[1]. Und in der Tat, es waren wohl genau solche mutigen Zeugen wie Sebastian, die für Christus ihr Leben hingaben. Die Menschen jener Zeit waren davon zutiefst beeindruckt. Kurze Zeit später wurde der christliche Glaube offiziell erlaubt und später sogar zur Staatsreligion.

Bleibt zum Schluss die Frage: Was heißt das nun für uns? Wie können wir heute „Hingabe“ verstehen?  

 

3. Was heißt „Hingabe“ heute?

Eine mögliche Antwort finden wir in der Lesung aus dem ersten Petrusbrief. Darin steht eines der meist gebrauchten Zitate aus der Bibel: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig (…)“ (1 Petr 3,15f.) Wir leben Gott sei Dank in einem Land, in dem wir frei unseren Glauben praktizieren können. Von daher müssen wir im Gegensatz zu vielen anderen Christen auf der Welt keine Angst haben vor Verfolgung und Gewalt. Aber vielleicht haben auch Sie schon Situationen erlebt, wo uns kritische Fragen gestellt werden, z. B. warum wir in die Kirche gehen, ob das noch zeitgemäß sei oder woran genau wir eigentlich glauben. Überlegen Sie mal, was würden Sie auf diese Fragen antworten? Gerade in unserer heutigen Zeit scheint es mir wichtig zu sein, dass wir uns erst einmal wieder selbst klarwerden müssen, was der Glaube für uns bedeutet und worin unsere Hoffnung besteht. Wenn wir erkennen, auf welche Weise die Begegnung mit Jesus unser Leben verändert hat und welche Kraft wir aus der Beziehung zu Gott empfangen, wird es uns deutlich leichter fallen, auf derartige Anfragen „Rede und Antwort zu stehen“. Wir sollten dann allerdings nicht kämpferisch oder gar belehrend auftreten, sondern, wie es im ersten Petrusbrief heißt, „bescheiden und ehrfürchtig“ (1 Petr 3,16). Das heißt: Christen sind immer dann besonders glaubwürdig und überzeugend, wenn ihr Lebenswandel der Botschaft Jesu entspricht, wenn wir „rechtschaffen“ (1 Petr 3,16) und ehrlich sind, wenn wir Nächstenliebe praktizieren, aber auch, wenn wir auf Diffamierungen und Anfeindungen ruhig und gelassen reagieren. Das sagt sich natürlich leicht und wir alle wissen, wie schwer das im Alltag sein kann. Doch tröstet uns der Gedanke, den uns Jesus in diesem Zusammenhang mitgibt: Gott kennt uns ganz genau, mit all unseren Stärken und Schwächen. Er weiß sogar, wie viel Haare wir auf dem Kopf haben (vgl. Mt 10,30). Und dieser himmlische Vater sagt uns mehrfach: „Fürchtet euch nicht“ (Mt 10,28.31)! Was auch immer euch in dieser Welt an Schlimmem widerfährt: Ich bin da und stehe an eurer Seite! Vertraut auf meine Gegenwart, dann kann euch nichts erschrecken, nicht einmal der Tod.   

Gerne bin ich heute zu Ihnen nach Affaltern gekommen, um den Tisch des Wortes und den Tisch des Brotes zu segnen. Lassen Sie sich hineinnehmen in die Hingabe unseres Herrn Jesus Christus, dessen Botschaft wir vom Ambo aus hören und dessen Tod und Auferstehung wir am Altar feiern. Lassen Sie sich hineinnehmen in die Hingabe des hl. Sebastian, der uns durch sein Leben und Sterben gezeigt hat, welche Kraft der Glaube an Jesus gibt. Und schließlich, geben Sie sich selber hin, indem Sie in allem auf Gott vertrauen und zu ihm stehen, auch wenn es schwierig wird. Ganz gewiss wird dann auch ER zu Ihnen stehen und Sie nicht verlassen, denn das hat er versprochen: der Immanuel!

[1] Thomas von Aquin: Catena aurea. Kommentar zu den Evangelien im Jahreskreis, hg. von Marianne Schlosser und Florian Kolbinger, St. Ottilien 2012, S. 238.