Der Priester – Hochzeitslader des Herrn
„Selig, die zur Hochzeit des Lammes geladen sind.“ Es ist kurz nach der Liturgiereform. Der Priester lädt zur Kommunion ein: „Selig, die zur Hochzeit des Lammes geladen sind.“ Bewusst, gern und aus ganzem Herzen hat Pfarrer Ludwig Epp diese Einladung ausgesprochen.
Mir klingen nicht nur seine Worte, sondern auch die Art sie zu sprechen, noch lebendig im Ohr. Vor mehr als 61 Jahren hat Ludwig Epp angefangen, zur Hochzeit des Lammes einzuladen. Vielleicht gewagt und doch so wahr: Der Priester – ein Hochzeitslader.
Hochzeitslader des Herrn: Das ist mehr als eine Dienstbeschreibung, es ist eine Berufungsgeschichte: Schlägt man in einem Lexikon über Brauchtum nach, dann findet man interessante Beschreibungen dessen, was ein Hochzeitslader ist und tut: „Früher wurden die Einladungen zur Hochzeit mündlich von einem guten Freund des Brautpaares überbracht. In einem festlichen Gewand und oft auch ausgestattet mit einem Stab ging der Hochzeitslader durch die Gemeinde. Er klopfte an die Haustür und trug ein Gedicht oder ein Lied vor. So überbrachte er den Bewohnern die frohe Kunde, dass sie zur Hochzeit eingeladen sind. Während der Feier selbst half er bei der Organisation und passte auf, dass keiner über die Strenge schlug; er unterhielt die Leute mit Liedern und Versen und sorgte für gute Stimmung.“
Der Priester – ein Hochzeitslader. Was ist damit gemeint? Zunächst sind im Hochzeitslader viele Tätigkeiten vereint, die auch ein Priester täglich vollzieht: er verkörpert die drei „M“.
- Er ist Manager, damit es in der Gemeinde rund läuft. Doch Vorsicht: Es geht nicht um Betriebsamkeit, Seelsorge ist kein Betrieb. Vielmehr geht es darum, den Rahmen so zu organisieren, dass die verschiedenen Kreise, Gruppen und Verbände darin leben können. Als er als erster Pfarrer die Gemeinde Maria Himmelfahrt in Kaufering aufbaute, hat Ludwig Epp viel gemanagt im guten Sinn: Oft sprach er von „seiner lebendigen Gemeinde“. Das war für ihn nicht nur äußere Struktur, sondern geistliches Leben. Besonders die festliche Feier der Liturgie war ihm ein Herzensanliegen. Da war er in seinem Element.
- Er ist Missionar, damit sich die Gemeinde nicht in sich selbst verschließt. Gerade zu Brasilien baute er Beziehungen auf und pflegte Freundschaften. Mission meint nicht nur den Globus, sondern auch die „innere Mission“ der Pfarrei. Wie ein Hochzeitslader, so tauchte Ludwig Epp persönlich bei den Leuten auf, um sie einzuladen, am Gemeindeleben teilzunehmen. Sein besonderes Augenmerk galt den Geburtstagskindern und Jubilaren, den Neuzugezogenen und Distanzierten, den Alten und Kranken. Es gab keinen Herz-Jesu-Freitag, an dem Pfarrer Epp nicht seine Runde mit der Krankenkommunion machte: als er noch jünger war, wusste man, wenn ein roter Ford-Capri schnittig um die Ecke flitzte, war ein vollbärtiger Priester im Talar unterwegs, um das Kostbarste in die Häuser zu tragen, was die Kirche hat: den Leib Christi, das Brot des Lebens.
- Er ist Moderator, damit die Einheit in der Gemeinde gewahrt bleibt: Wie ein guter Hochzeitslader, so achtet er darauf, dass sich alle wohl fühlen, sodass es in der Pfarrei möglichst keine „Katzentische“ gibt für Außenseiter. Nicht umsonst sah Pfarrer Epp das Priesteramt besonders als „Dienst an der Einheit“. Schließlich passt der Hochzeitslader auf, dass alles im Rahmen bleibt, und wenn jemand doch aus dem Rahmen fällt und sich versündigt, dann bietet er ihm Vergebung und Lossprechung an. Ist das nicht ein attraktives Angebot für das Sakrament der Buße, die heilige Beichte! Der Priester ist kein Zahnarzt, der nach Löchern sucht; er ist ein Hochzeitslader für den Herrn.
Über die verschiedenen Fertigkeiten hinaus, die man von einem Hochzeitslader erwartet, ist besonders seine poetische und musikalische Fähigkeit zu nennen: Der Hochzeitslader dichtet „Gstanzerl“ und bringt sie in Liedform. Der Priester als Hochzeitslader ist ein musikalischer Mensch. Wie ist das zu verstehen?
Zunächst braucht der Priester für sein Leben eine Melodie. Mancher singt sie mehr in Dur, ein anderer eher in Moll, je nach Stimmung und Charakter. Wie sehr uns eine Melodie entspricht, erkennen wir auch daran, dass uns bestimmte Melodien nicht zu jeder Zeit möglich sind. Wir sind „heiser“, wenn wir einen dicken Hals haben und erkältet sind. Der verstorbene Domkapitular Wolfgang Klieber, lange Jahre Domprediger in Augsburg und am Kehlkopf erkrankt, sagte öfter: „Unser Handwerk als Priester ist das Mundwerk.“ Gott hat für jeden Menschen ein Lied, eine Melodie, einen Vers, der ihm persönlich zugedacht ist. In diese Vorstellung sollten wir uns vertiefen: Ein Leben lang singt Gott mir das Hochzeitslied seiner Liebe vor, und ich bin eingeladen, seine Melodie aufzunehmen und mitzusingen. Der Priester als Hochzeitslader soll uns dabei Hilfe sein: Er muss weder Startenor noch Opernsänger sein, sondern durch sein eigenes Leben zeigen, dass er das Wort des hl. Bischofs Ignatius von Antiochien beherzigt: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf!“
Eine weitere Eigenschaft, die der Priester braucht, ist das Gespür für Rhythmus und Takt. In der Musik unterscheiden wir zwischen Allegro und Adagio, zwischen forte und pianissimo. Der Hochzeitslader sorgt dafür, dass die Feier nicht langweilig wird. Auch die Hochzeit kennt bestimmte Rhythmen: Phasen, wo es laut hergeht, wechseln sich ab mit Momenten der Nachdenklichkeit und Besinnlichkeit. Einlagen werden gegeben und Witze gemacht, doch hoffentlich so, dass keiner über die Stränge schlägt, dass es nicht unter die Gürtellinie geht.
Wie beim Hochzeitslader, so beim Priester: Damit der Seelsorger glaubhaft und vertrauenswürdig ist, braucht er Takt. Gerade von einem Priester wird erwartet, dass er ein taktvoller Mensch ist: kein Elefant, der im Porzellanladen der Seele herumtrampelt. Was wir brauchen, sind aufrichtige und reife Persönlichkeiten, die zur Hochzeit des Lammes laden im Wissen darum, dass sie nicht für sich selbst die Werbetrommel rühren, sondern für Jesus Christus, der sich den Menschen antrauen will. Neben dem Takt braucht der Priester einen Rhythmus in seinem täglichen Leben: das Beten mit der Kirche im Brevier, die Feier der hl. Messe als sein „täglich Brot“, das ehrliche Zeugnis für den Zölibat, der dann fruchtbar wird, wenn er sich einklinkt in einen gesunden Rhythmus von Nähe und Distanz, von notwendiger Öffentlichkeit und fruchtbarer Einsamkeit.
Wie der Hochzeitslader, so ist auch der Priester ein symphonischer Mensch. Er ist kein Alleinunterhalter, sondern muss versuchen, dass bei der Hochzeit möglichst viele mitmachen und beteiligt sind. Damit die Feier gelingt, dürfen sich die Gäste nicht in möglichst viele Nebenzimmer und Separees verziehen. So ist es auch mit einer Pfarrgemeinde: Sie wird erst dann lebendig, wenn die verschiedenen Menschen und Meinungen „konzertieren“, d. h. „zusammen-klingen“ in einem Konzert verschiedener Interessen und Stimmen. Der schon erwähnte Märtyrerbischof Ignatius von Antiochien führt dazu aus: „Ihr werdet alle zu einem Chor, und in eurer Eintracht und zusammenklingenden Liebe ertönt durch euch das Lied Christi. Das ist das Lied, das Gott, der Vater, hört – und so erkennt er euch als die, die zu Christus gehören.“[1] Die Kunst des priesterlichen Hochzeitsladers besteht darin, dass er der Vielfalt der Gäste Raum gibt, die an den Tisch des Herrn geladen sind. Er tut alles, um verschiedene Stimmen zusammenzuführen, damit sie einander nicht übertönen, sondern zu einer harmonischen Symphonie werden. Der Priester ist ein kommunikativer Mensch. Zwar muss der Priester zuerst hören, was in der Gemeinde vor sich geht, aber beim Hören allein kann es nicht bleiben: Der Hochzeitslader des Herrn darf sich nicht einschließen in seinem Büro, er muss offensiv sein, hinausgehen in die Häuser und Wohnungen, um einzuladen zur Hochzeit, die Jesus mit den Seinen feiern will. Das alles hat Pfarrer Ludwig Epp praktiziert.
Ich bin mir bewusst, dass das Lied vieler Priester heute eher in Moll erklingt. Nicht alle Tage ist es uns nach dem Te Deum zumute; da stimmen wir lieber Klagepsalmen an. Die einen bringen eher zerquetschte Töne hervor, andere sind verschnupft über die Kirche und ihre Vorgesetzten. Wieder andere intonieren schon einen Trauerchoral oder den Schwanengesang. Doch das hilft nicht weiter. Wir sind nicht im Königlich-Bayerischen Amtsgericht: Dort ist der Totengräber und der Hochzeitslader ein und dieselbe Person. Jesus beruft die Priester nicht als Totengräber der Kirche, sondern als Hochzeitslader zum großen Fest der Eucharistie, das gefeiert wird als Opfer des Kreuzes und als Mahl der Einheit. Wie sagte schon Kardinal Joseph Ratzinger, als er noch Erzbischof von München und Freising war: „Wenn es den Priester noch nicht gäbe, es müsste der erfunden werden, der inmitten der Spezialisierungen der Mensch für den Menschen ist, von Gott her; der für die Kranken und Gesunden, für die Kinder und für die Alten, für den Alltag und für das Fest da ist und das Ganze zusammenhält von Gottes erbarmender Liebe her. Dies ist das eigentlich Schöne, tief Menschliche und zugleich Heilige und Sakramentale am Priester (…), der uns über die Zerspaltung des Lebens zusammenführt in die erbarmende Liebe Gottes, in die Einheit des Leibes Christi hinein.“[2]
Darin ist alles enthalten, was Monsignore Ludwig Epp seit 1962 unermüdlich getan hat als Hochzeitslader des Herrn. Lieber Ludwig, ich rufe Dir heute zu: Nimm teil an der Freude Deines Herrn! Sie, liebe Schwestern und Brüder, bitte ich: Nehmen Sie die Einladung der Priester an! Im Namen Jesu: Selig, die zur Hochzeit des Lammes geladen sind.
[1] Brief an die Epheser 4,2.
[2] Ordinariatskorrespondenz der Erzdiözese München und Freising vom 6. Juli 1978, Nr. 24.
Der ausführliche Nachruf mit einem Rückblick auf das Leben und Wirken von Pfarrer Epp findet sich ebenfalls auf unserer Homepage.