Christi Kreuz = Zeichen des Friedens
Was ist das Kreuz? Wenn wir auf die diversen Darstellungen des Kreuzes schauen, dann stellen wir fest, dass es lange gedauert hat, bis die Christen im Kreuz nicht nur das entehrende, grausame Todeswerkzeug sahen, sondern das Zeichen der Hoffnung und Erlösung.
So finden sich erste Darstellungen erst am Anfang des 5. Jahrhunderts. Eine der frühesten noch erhaltenen Kreuzesdarstellungen finden wir an der Eingangstüre zur Kirche Santa Sabina auf dem Aventin in Rom. Sie stammt aus einer Zeit, in der das Christentum gesellschaftlich längst etabliert und die Kreuzigung als Todesstrafe abgeschafft war. Von da an haben sich über die Jahrhunderte hinweg die unterschiedlichsten Kreuzesformen herausgebildet: Da gibt es das Kreuz in lateinischer oder griechischer Grundform mit ihren jeweiligen Verzierungen und Verschnörkelungen, das Andreas-, Petrus oder Antoniuskreuz. Ich schaue in die Runde und sogleich denken wir an die unterschiedlichen Kreuzesabzeichen der hier anwesenden Orden, das Malteser- und Johanniterkreuz oder eben auch das ganz spezielle Jerusalemkreuz.
Heute habe ich Ihnen für diese Friedensvesper ein besonderes, dreidimensionales Kreuz mitgebracht. Es ist aus Eisen geschmiedet, damit recht schwer, und doch hat es seine ganz eigene Ausstrahlung und Bedeutung. Wenn es aufrecht steht, dann weisen die zwei Querbalken in alle vier Himmelsrichtungen und der dritte, vertikale Balken weist von der Erde in den Himmel. Das will ausdrücken: Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, starb für uns sündige Menschen am Kreuz, um uns Menschen, ja der ganzen Schöpfung den Weg zum Himmel, zum Heil zu eröffnen. Diese freudenreiche Botschaft gilt allen; sie ist in alle Himmelsrichtungen zu verkünden. Damit verbindet sich die Aufforderung an eine jede und jeden von uns, Zeugnis abzulegen von der Hoffnung, die uns selbst erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15). Werden wir nicht müde darin, die christliche Botschaft allen anzubieten in einer Zeit der Krisen und des gesellschaftlichen Umbruchs.
In dieser Darstellung des Kreuzes steckt aber eine noch weitaus tiefergehende Botschaft! Wird das Kreuz nämlich auf die Seite gelegt, so erkennen wir darin die klassische Form eine Panzersperre. Sie erinnert uns an die vielen Krisenherde weltweit, an Krieg und Unfrieden zwischen Völkern und Nationen und dem damit einhergehenden Tod, dem Leid und Schmerz für viele Menschen. Wir denken dabei insbesondere an den furchtbaren Angriffskrieg auf die Ukraine und die militärischen Auseinandersetzungen im Heiligen Land. Bei meinem Besuch in Kiew habe ich solche Panzersperren selbst gesehen.
Das umgedrehte Kreuz weist auch auf die vielen Sperren in unserer Gesellschaft, in unserem persönlichen Umfeld hin. Fragen wir uns einmal selbst: Wo grenzen wir als Staat, als Kirche aus? Wo gibt es Sperren des Unfriedens am Arbeitsplatz, im Freundeskreis, in der Familie? Wo baue ich persönlich Schranken der Abschottung auf? Der Blick in die Nachrichten, die Sicht auf unseren Alltag macht uns bewusst: Frieden im Kleinen wie im Großen ist nicht selbstverständlich, er ist kein Automatismus. Frieden ist ein zerbrechliches Gut! Frieden fällt uns nicht in den Schoss, er ist an manche Voraussetzung gebunden. Er erfordert auf allen Ebenen ein Miteinander, das von Respekt und Fairness im Umgang getragen ist. Papst Franziskus bringt das in seiner Botschaft zum 57. Weltfriedenstag am 1. Januar treffend zum Ausdruck, wenn er am Ende schreibt: „Der Friede ist die Frucht von Beziehungen, die den anderen in seiner unveräußerlichen Würde anerkennen und annehmen, sowie von Zusammenarbeit und Engagement bei der Suche nach der ganzheitlichen Entwicklung aller Menschen und aller Völker.“
Lassen Sie uns die Panzersperren wegräumen, ebnen wir Wege zu Verständigung und Versöhnung und des Friedens zwischen Nationen, Kulturen und Religionen! Es stimmt mich traurig, wenn ich daran denke, dass der Ton im Umgang miteinander in letzter Zeit rauer geworden ist – leider und gerade auch im kirchlichen Leben. Wetzen wir nicht die Klingen scharfer Worte, rüsten wir verbal ab. Gehen wir aufeinander zu und suchen das Gespräch. Bemühen wir uns darum, die Positionen des Gegenübers zu retten. Ringen wir um Verständnis füreinander und mühen wir uns um ein gutes Miteinander. Frieden fängt bei uns selbst an!
Das schließlich ist eine Frage an eine jede und einen jeden von uns: Was trage ich zum Frieden bei? Wo werde ich zum Friedensstifter? Wie bin ich solidarisch mit meinem Nächsten? Und schließt auch: Bin ich selbst mit mir „im Frieden“? Nur wer mit sich „im Reinen“ ist, lebt versöhnt(er) und friedvoll(er) mit seinen Mitmenschen. Die Reflexion des eigenen Handelns, das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ am Abend, eine regelmäßige Gewissenserforschung und nicht zuletzt das Sakrament der Versöhnung helfen hierzu und sind bewährte Instrumente.
Stellen wir dieses „Panzerkreuz“ wieder aufrecht hin! So wird deutlich: Mit Jesu Tod am Kreuz hat sich das Blatt gewendet. Wir können und müssen den Frieden nicht allein machen! Frieden ist keine unerreichbare Utopie. Ohne Rückbesinnung auf Gott laufen alle menschlichen Friedensbemühungen ins Leere. Seien wir uns bewusst: Gott ist die Quelle des Friedens. Aus Liebe zu uns Menschen wurde er in Jesus Christus Mensch und ist uns die Versöhnung angeboten. Das Kind in der Krippe ist, wie es der Prophet Jesaja weissagte, der „Fürst des Friedens“ (Jes 9,5). Das allein zeigt auf: Unser Gott ist kein Kriegsgott. Er fährt keine Panzer auf; wehrlos tritt er mitten in unser Leben. Jesu Worte und Handeln zeigen überdeutlich auf: Gott steht an der Seite der Armen und Ausgestoßenen, der Kranken und Hilfesuchenden. Er interveniert für den Frieden!
Der Blick aufs Kreuz erinnert uns daran, die Mission Jesu Christi fortzuführen und aktiv für den Frieden zu wirken. Für uns Christen ist somit der Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden keine Kür, sondern unabdingbare Pflicht! Damit ist auch die Vision von der neuen Stadt, vom himmlischen Jerusalem, von der wir eben in der Lesung aus dem Buch der Offenbarung des Johannes hörten, kein in weiter Ferne liegendes Ereignis. Bereits jetzt bauen wir an der Friedensstadt mit. Dadurch wird Gottes Herrlichkeit aufstrahlen und unser Leben hell machen. So können wir getrost und zuversichtlich in eine friedvolle Zukunft gehen! Der Friede wartet auf uns.