Ein tiefer spiritueller Gewinn
Sehr geehrte, liebe Frau Thierbach, sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Diözesanmuseums St. Afra, sehr geehrte, liebe Frau Professorin Riedl, liebe Mitglieder des Bischöflichen St. Ulrichskomitees, liebe anwesende Festgäste, unser Doppeljubiläum zu Ehren des Bistumspatrons, des heiligen Bischofs Ulrich von Augsburg, ist seit Juli letzten Jahres von zahlreichen Highlights geprägt: Einer davon ist zweifellos die große Ulrichsausstellung, die wir heute eröffnen.
Sicher - es ist immer ein Wagnis, sich einem Menschen über den zeitlichen Abstand von mehr als tausend Jahren zu nähern, weil man Gefahr läuft, mit der Brille der eigenen Zeit auf jemanden zu schauen, der anders sozialisiert wurde und mit anderen Herausforderungen zu kämpfen hatte als wir modernen Menschen. Doch wenn man dies berücksichtigt und sich unter dem Blickwinkel der anthropologischen Konstante mit dem Leben dieses adeligen geistlichen Verantwortungsträgers aus dem Frühmittelalter befasst, dann kann dies zu sehr bereichernden Einsichten führen und den eigenen Horizont weiten.
Lassen Sie mich dies in wenigen Strichen entlang der Stichworte, mit denen die Ausstellung überschrieben ist, skizzieren:
Die Verantwortlichen im schulischen Kontext bedauern heute vielfach die Unkonzentriertheit und Unausgeglichenheit vieler Kinder und Jugendlicher. Eltern, Erzieher und Lehrerinnen haben es oft schon aufgegeben, bei den Heranwachsenden von einer intrinsischen Motivation auszugehen und meinen, am weitesten zu kommen, wenn sie möglichst viele, auch außerunterrichtliche Anreize zum Lernen bieten. Die Belohnungen reichen von Süßigkeiten, Versprechungen aller Art bis hin zu Noten, die der tatsächlich erbrachten Leistung nur bedingt entsprechen. Eine Erziehung zur Lebenstüchtigkeit, die auch den rechten Umgang mit Frustration und Misserfolg umfasst, ist das wohl kaum. - Die Kindheit und Jugend des hl. Ulrich gleicht demgegenüber mehr dem Leben von Millionen heutigen Kindern auf anderen Kontinenten. Sie müssen oft den frühen Abschied aus der gewohnten Umgebung verkraften und sich neue Vorbilder und Ratgeberinnen suchen – Ulrich fand sie in den Mönchen der Abtei, seinen Schulkameraden und in der Reklusin Wiborada in St. Gallen. Er galt als leistungsstarker Schüler – ja mehr noch, er war der Mönchsgemeinschaft so unentbehrlich geworden, dass sie mit dem Gedanken spielten, den jungen Mann zum Abt ihres Klosters zu wählen. Wenn das keine Auszeichnung ist!
Der Mensch ist ein soziales Wesen und erfährt schon im zarten Trotzalter schmerzlich, dass er nicht der Nabel der Welt ist, sondern seinen Platz im Aushandeln mit anderen erhält, sei es in der Familie oder in der Schul- und Arbeitsgemeinschaft, und er muss sich dann entsprechend bewähren. Der hl. Ulrich wusste um seine herausragende Stellung qua Geburt und um die daraus resultierende Verantwortung – noblesse oblige -, die ihm daraus erwuchs. Zum geistlichen Stand bestimmt, verband er die Pflicht mit der Neigung und lernte gleichermaßen zu dienen wie zu herrschen. Beides droht heute, so mein Eindruck, die jahrhundertelange Verankerung im ungeschriebenen Sittenkodex zu verlieren: Wer dient, das heißt: bescheiden und tatkräftig für das Wohl der anderen sorgt, der wird nicht selten zu hören bekommen „Sei doch nicht so dumm, Dich aufzureiben – Du könntest doch viel mehr erreichen usw.“ Andererseits ist es gerade angesagt, Herrschafts- oder Machtausübung von vorneherein als etwas Negatives zu betrachten. Dabei ist der Gebrauch von Macht, den wir alle tagtäglich bewusst oder unbewusst üben und ausüben, vom vorgeblichen oder tatsächlichen Macht-missbrauch so überlagert, dass wir es als Gesellschaft beinahe verlernt haben, ohne Unterstützung durch Kontroll- und Regelsysteme auszukommen.
Zu Ulrichs Zeiten sprach man nicht von natürlicher Autorität oder Ich-Autorität. Wenn wir aber seine Vita aufmerksam lesen, dann begegnet uns diese Haltung auf jeder Seite. Sicher, es war ein glücklicher Umstand, dass Ulrich wohl auch vom körperlichen Erscheinungsbild her die besten Voraussetzungen für eine soziale Anerkennung mitbrachte. Doch Askese, Selbstdisziplin und Treue sind keinem Menschen einfach in die Wiege gelegt! Sie wollen als sinnvoll erkannt und beständig geübt werden. Ulrich war also nicht nur genial und sozial gegenüber denen, die in Not geraten waren, sondern erwies sich auch loyal gegenüber den Mächtigen seiner Zeit – dem König und späteren Kaiser und, ganz selbstverständlich, dem Papst. Dass dies nichts mit Unterwürfigkeit oder gar Kriecherei zu tun hat, zeigt sein friedenspolitisches Engagement im Jahre 954 in Tussa, als sich an der Iller die Heere von Vater und Sohn, König Otto und seinem Erstgeborenen Luitolf, gegenüberstanden. Ulrich konnte vermitteln und hat dabei ganz bestimmt auf den Herrn und Schöpfer aller Menschen und SEINE Weltordnung hingewiesen.
Dies alles macht ihn in Summe zu jener Persönlichkeit, die die Jahrhunderte überstrahlt und mit der sich zu beschäftigen, ja sie zu verehren – Stichwort: memorial - heute noch einen tiefen spirituellen Gewinn darstellt, selbst jenseits der Glaubenszugehörigkeit!
So wünsche ich Ihnen, die Sie Sachverstand, Frustrationstoleranz und Herzblut in die Konzeptionierung der Ausstellung gesteckt haben, dass Sie an der Reaktion Ihrer Museumsgäste und der Führungsgruppen erleben dürfen, wie Menschen von heute nachdenklich werden: angesichts einer Epoche, die von Leid, Krieg und Tod geprägt war, und in der Menschen dennoch tapfer und heiter – die hilaritas des hl. Ulrich ist in der Vita mehrfach bezeugt – im Vertrauen auf die Güte Gottes ihr Leben meisterten!
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!