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Predigt von Bischof Bertram anlässlich des Ulrichsjubiläums in Habach

Den gemeinsamen Glauben teilen

14.04.2024 10:30

Lieber Pfarrer Dorner, lieber Nikolaj, liebe Schwestern und Brüder, es freut mich sehr, dass ich mitten in der Osterzeit in die Fußstapfen des heiligen Ulrich treten darf und hierher eingeladen wurde! Von Herrn Dr. Josef Freisl, Ihrem sachkundigen Ortschronisten, bekam ich ein schriftliches Kaleidoskop an historischen Leuchtspuren, die das Dorf Habach mit unserem großen Bistumspatron verbinden, und habe es mit großem Interesse gelesen.

Unser Heiliger war zu seiner Zeit noch in einem viel größeren Maße, als das heute notwendig ist, ein Leib- und Seelsorger im ganzheitlichen Sinne. Er hatte es mit Menschen zu tun, die nicht nur in einem harten Überlebenskampf mit der Natur lagen und dem Boden unter schwerer Arbeit ihre Nahrung abringen, sondern darüber hinaus immer mit Überfällen feindlicher Reitertrupps rechnen mussten. Erst der entscheidende Sieg im August 955 brachte eine Wende – doch die Älteren von uns wissen: Auch eine Nachkriegszeit birgt viele Herausforderungen und es dauert lange, bis sich Menschen seelisch erholen. Davon können sicher einige unter Ihnen Geschichten aus der eigenen Familie erzählen.

Durch die jährlichen Besuche des Bischofs Ulrich in jenen Orten, die laut der Lebensbeschreibung des Heiligen dem Bischöflichen Stuhl unmittelbar unterstellt waren (loca vel monasteria ad episcopatum pertinentia I, 5,3), erblickt auch der kleine Ort Hewibach/Habach gleichsam das Licht der Öffentlichkeit und geht erstmals in die Geschichte ein. Zusammen mit vier anderen Klöstern behielt sich Ulrich von Augsburg hier die eigenhändige Verwaltung vor, um - wie der Biograf Gerhard bezeugt - u. a. sein Visitations- und Aufenthaltsrecht wahrnehmen zu können. So wurde der Weiler Habach zu einem Ort, wo ein Heiliger persönlich nach dem Rechten sah und den Menschen Ansehen und Fürsorge zuteilwerden ließ. Darauf können Sie wirklich stolz sein!

Da ist es nur konsequent, dass ihr zweiter großer Förderer, Graf Norbert von Hohenwart, neben der Georgskirche, deren Ursprung in die Zeit weit vor Ulrich zurückgeht, um 1070 eine Kirche bauen ließ, die auf demselben Platz wie die heutige zum ersten Mal unter dem Patronat des Augsburger Bistumsheiligen steht. Sie wurde am 13. Oktober 1073 von Bischof Embriko eingeweiht – bis in unsere Zeit ist dies, Gott sei‘s gedankt, ein wichtiger Feiertag Ihrer Pfarrei!

Was aber bedeuten diese uralten Geschichten für uns moderne Menschen heute?

Eine Antwort darauf geben die Lesungen vom 3. Sonntag der Osterzeit: In der Apostelgeschichte rekapituliert Petrus wenige Wochen nach Tod und Auferstehung Jesu vor den Einwohnern Jerusalems die dramatischen Ereignisse und stellt sie in das Licht der Heilsgeschichte: „Den Urheber des Lebens habt ihr getötet, aber Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Dafür sind wir Zeugen. (…) Ich weiß, ihr habt aus Unwissenheit gehandelt, ebenso wie eure Anführer. Gott aber hat auf diese Weise erfüllt, was er durch den Mund aller Propheten im Voraus verkündet hat: dass sein Christus leiden werde. Also kehrt um und tut Buße, damit eure Sünden getilgt werden“ - und - so schließt der nächste Vers an: „(damit) der Herr Zeiten des Aufatmens kommen lässt und Jesus sendet als den für euch bestimmten Christus!“ (Apg 3,15.17-20).

Diese Rolle des Interpreten, in die Petrus als Zeuge von Leben, Tod und Auferstehung Jesu buchstäblich hineingewachsen war, überträgt Gott in jeder Generation neu den Menschen, die er zum Verkündigungsdienst beruft. Denn nur so kann Weitergabe des Glaubens funktionieren – vor 2000 Jahren, vor 1000 Jahren zurzeit des heiligen Ulrich und heute. Tatsächlich muss ein solcher Dienst auch nicht an ein kirchliches Amt gebunden sein: Jede und jeder von uns ist gottunmittelbar, das heißt: Wer Jesus Christus als den Sohn Gottes bekennt, der kann nicht anders, als von der Hoffnung zu sprechen, die ihn erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15).

Doch wie Glauben Gemeinschaft schafft, so setzt er auch zwingend Gemeinschaft voraus, um ein Leben lang lebendig zu bleiben und immer wieder Impulse zur Vertiefung zu bekommen. Wirksam wird dabei ein ganz natürlicher Reflex, von dem wir auch im Evangelium gehört haben: Die Jünger, die Christus in Emmaus begegneten, haben nichts Eiligeres zu tun, als nach Jerusalem zurückzukehren und den anderen zu erzählen, „was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach“ (Lk 24,35). Und dann, erst dann ereignet sich das Wunder: „Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte“ (Lk 24,36).

Haben Sie das auch schon einmal erlebt? Vielleicht in einem Gottesdienst, in dem eine ganz dichte Atmosphäre zu spüren war, oder in einem Bibelgespräch, wo einzelne Teilnehmer ihr Herz öffneten und ganz persönliche Erfahrungen mit anderen teilten? – Das sind Situationen, die auch heute noch zu einem Wendepunkt im eigenen Leben werden können!

Glaube ist nichts Abgehobenes, sondern ereignet sich tagtäglich. Er will auch im ganz normalen Alltag umgesetzt werden: Dann, wenn ich die Entschuldigung eines anderen annehme, selbst wenn es mir hart ankommt; wenn ich meinem Ärger nicht einfach Luft mache, sondern ein sachliches Gespräch suche, sobald ich selbst wieder klar im Kopf bin; wenn ich einfach mal „in Vorleistung gehe“, um dem anderen Mut zu machen, auch seinerseits Vertrauen zu investieren; wenn ich mich bei einem Vorurteil ertappe – „die/der ist ja völlig unmöglich“ - und doch über den eigenen Schatten springe, indem ich einen Schritt auf ihn und sie zu mache. Jeder von uns weiß, was ihm oder ihr eher schwerfällt…

Wir sind nicht vollkommen und sollen auch nicht krampfhaft und verbissen zu Selbstoptimierern im Glauben werden. Das birgt nur die Gefahr von Scheinheiligkeit und Selbstgerechtigkeit in sich. Wichtig ist aber, dass wir lernbereit und offen für das Gespräch bleiben, „mit dem Ohr des Herzens“ Hörende, wie es der heilige Ulrich als Benediktinermönch von Jugend an geübt hat. „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat!“ – So beginnt die Regel des abendländischen Mönchsvaters Benedikt von Nursia.

Höre, nimm an und erfülle: Das könnte auch unser Lebensmotto werden, gerade in einer Zeit, in der vermeintliche Sicherheiten ins Wanken geraten und viele Menschen nach Halt und Orientierung suchen. Höre, nimm an und erfülle – das Wort Gottes, das Dir von einer unüberschaubaren Schar gottesfürchtiger Menschen überliefert wurde!

Reihen wir uns ein unter diejenigen, die dem Wort Jesu trauten und denen unsere Vorfahren hier in diesem Gotteshaus einen Altar weihten, um sie durch Bild und Statue dem Vergessen zu entreißen: den heiligen Ulrich, die heilige Afra und ihre Mutter Hilaria, Georg und Katharina, Antonius und Veronika – sie alle warten darauf, dass wir sie um ihre Fürsprache bitten. Denn sie, die für Christus ihr Leben hingaben, sind - wie die Dichterin Hilde Domin sagt - „wund vom Willen zu helfen.“ Werden auch wir sensibel für alle, die unsere Hilfe nötig haben und bauen wir so gemeinsam an einer menschenfreundlichen Kirche und Welt!