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Predigt am 80. Todestag des Dieners Gottes Max Josef Metzger in Meitingen

Hören und Hingabe

17.04.2024 19:00

„Ich bin kein Mensch, der in ein Schema gespannt werden kann. Ich kann das Krumme nicht krumm sein lassen.“ So hat Max Josef Metzger sich selbst vor dem Untersuchungsrichter beschrieben. Sein Platz in Kirche und Gesellschaft war es, über die Zeit und die Verhältnisse hinauszudenken.

Jesus, der Platzanweiser. So präsentiert uns das heutige Evangelium Jesus. „Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein.“ Das ist eine klare Ansage. Wer an der Seite Jesu stehen will, muss Jesus folgen, muss seinen Weg beschreiten. Wie ist das möglich? Was bedeutet es für uns, Jesus zu folgen?

Wir begehen heute den 80. Todestag von Dr. Max Josef Metzger. Sein Leben und Wirken können uns verdeutlichen, was es für uns bedeuten kann, Jesus zu folgen.

 

I. Wer in der Spur Jesu gehen will, muss ein Hörender werden.

Wer Jesus nachfolgt, wird sich ganz schnell bei den Menschen wiederfinden. Und zwar nicht nur bei denen, die zur eigenen Familie gehören oder zum Freundeskreis zählen. Wer hinter Jesus hergeht, trifft auf körperlich oder psychisch Kranke, Notleidende, Menschen, die Schuld auf sich geladen haben, und verzweifelte und trauernde Menschen. Ihnen allen hat Jesus sein Ohr und sein Herz zugewandt, sie durch sein Wort aufgerichtet, ihnen Hoffnung geschenkt mit der Verheißung auf Gottes erbarmende und heilende Liebe.

Wer seinen Platz hinter Jesus einnimmt, erkennt schnell, dass Jesus sich immer wieder zurückzog, um eins mit seinem Vater zu sein. Er war ganz Ohr für dessen Willen. Denn es ist Gott selbst, der Jesus zu den Menschen gesandt hat, um ihnen zu verkünden und zu bezeugen: Gottes Reich ist nahe.

Wer auf das Leben und Wirken von Max Josef Metzger blickt, findet ihn ebenso an der Seite der Menschen. Max Josef Metzger hatte die Gabe, mit dem Ohr des Herzens zu hören. Er war sensibel und wachsam für die Nöte der Menschen. Als junger Student und Priester erschütterte ihn die soziale und moralische Verelendung der Menschen seiner Zeit, er litt mit den Alkoholkranken und deren Familien. Die Grausamkeit des Ersten Weltkrieges weckte in ihm die Sehnsucht nach Frieden. Er erkannte, wie kraftlos die Christen in ihrem Zeugnis wirkten, weil sie uneins und gespalten waren.

Metzger ließ sich in seinem Herzen anrühren von den Nöten und Hilferufen der Menschen seiner Zeit. Selbst in der Todeszelle, den eigenen Tod vor Augen, dachte Metzger nicht nur an sein eigenes Schicksal, sondern hatte ein Ohr für die Todesängste seiner Mitgefangenen und spendete ihnen Trost.

Max Josef Metzger war aber kein bloßer Humanist, kein plumper Pazifist, kein Kirchennörgler um der bloßen Kritik willen. Metzger hatte - wie Jesus - ein Ohr für die Menschen, weil er sein Ohr bei Gott hatte.

Metzger war Hörer des Wortes Gottes: Die Bergpredigt mit den Seligpreisungen war für ihn die Basis für den Frieden in der Welt. Das Wort Jesu aus dem Johannesevangelium „Vater, ich will, dass sie eins sind, wie wir eins sind“ war die Triebfeder für seinen Einsatz für die Einheit der Kirche. Jesu Botschaft vom Reich Gottes war für ihn die Maxime seines Handelns. Deshalb ließ er sich vom Motto leiten: Christus muss herrschen.

„Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach“ – spricht Jesus Christus, der Platzanweiser, auch zu uns. Wo ist unser Platz? Wer mit dem Herzen auf die Menschen und auf Gott hört, wird wie Max Josef Metzger seinen Platz finden. Viele Themen, die Metzger bewegten, sind auch die unseren. Die Kluft zwischen Arm und Reich in unserer Gesellschaft wird nicht kleiner. Die Frage, nach welchen moralischen Grundsätzen unsere Gesellschaft funktioniert, stellt sich auch heute. Die vielen kriegerischen Auseinandersetzungen in der Welt – denken wir besonders an den Ukrainekrieg und die Kämpfe im Heiligen Land – lassen uns nicht zur Ruhe kommen. Die Versöhnung und volle Einheit der Christen sind noch nicht voll erreicht. Doch es wäre verfehlt, Max Josef Metzger kopieren zu wollen. Er war seiner Zeit weit voraus. Auch für uns gibt es viel zu tun: Packen wir’s gemeinsam an! Jeder und jede von uns muss seinen Platz finden. Und ich bin überzeugt, wir werden es, wenn wir mit dem Herzen auf die Menschen und auf Gott hören.

 

II. Wer hinter Jesus hergeht, muss sich selbst riskieren.

Doch wer mit seinem Herzen auf die Menschen und auf Gott hört, der kann nicht in der Rolle eines Zuschauers bleiben, er wird zum Handeln gedrängt. So wie Jesus selbst. Er ist nicht nur in die Welt gekommen, um die Botschaft von Gottes Liebe den Menschen zu verkünden. Er hat sie vorgelebt; er hat sich leidenschaftlich dafür eingesetzt, dass das Gottes Reich sichtbar und erfahrbar wird: das Reich der Liebe, des Friedens, der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit.

Dafür hat er sich engagiert mit seinem ganzen Leben bis hinein in den Tod. Jesus ließ sich seinen Einsatz für die Menschen etwas kosten. Er gab nicht nur etwas, er gab sein Leben. Wie das Weizenkorn nur Frucht bringen kann, wenn es stirbt, so kann es nur neues Leben geben, wenn ein Mensch sich ganz hingibt. Hingabe ist Gewinn. Erst das Loslassen ermöglicht Wachstum und neues Leben.

Wie sehr Leidenschaft und Leiden zusammengehören und zur Passion werden, das schlägt sich auch im Leben von Dr. Max Josef Metzger nieder. Max Josef Metzger war nicht nur erfüllt von seinen Ideen und Visionen für den Frieden unter den Menschen und die Einheit der Kirche. Leidenschaftlich setzte er sich dafür ein, sie zu verwirklichen. Noch im Kriegsjahr 1917 errichtete er den „Weltfriedensbund vom Weißen Kreuz“; zwei Jahre später sammelte er Gleichgesinnte, Frauen wie Männer, um sich und gründete die „Missionsgesellschaft vom Weißen Kreuz“, das heutige Christkönigsinstitut. Metzger und seine Gemeinschaft brachten sich aktiv und führend in den verschiedenen Gruppierungen deutscher und internationaler Friedensarbeit ein. Ohne Berührungsängste ging er auf Menschen zu, unabhängig von deren gesellschaftlicher und politischer Einstellung, und warb für seine Ziele. In Meitingen übernahm er eine Trinkerheilstätte. Ab den zwanziger Jahren setzte er sich für die Wiedervereinigung und Einheit der Kirche Christi ein und gründete die ökumenische Bruderschaft „Una Sancta“. Als der Zusammenbruch Deutschlands während des Zweiten Weltkrieges immer augenfälliger wurde, konnte er nicht schweigen. Er verfasste ein Memorandum, in dem er das Bild von einem neuen Deutschland zeichnete, das ein demokratisch geführter Staatenbund sein sollte, in dessen Innern soziale Gerechtigkeit herrscht und in seiner Außenpolitik die Lebensrechte fremder Völker anerkennt. Dieses Memorandum sollte nach Kriegsende sein Beitrag zur Friedensvermittlung sein.

Metzger erfuhr in seinem Wirken für Frieden und Einheit viel Widerspruch und Widerstand – auch vonseiten der Kirche. Besonders aber die lebenszer­störerische Diktatur des Nationalsozialismus ließ in ihm die Ahnung reifen, dass seine Lebensziele nicht zu einem natürlichen Abschluss kommen könnten. Die Herren dieser Welt werden es nicht zulassen. Irgendwann scheint Metzger daher zur Einsicht gekommen zu sein, dass sein Lebenswerk vielleicht nur auf eine einzige Weise vollendet werden könnte: durch sein Lebensopfer. In einem geistlichen Testament, das Metzger Anfang der Fastenzeit 1942 seiner Gemeinschaft hinterließ, schreibt er: „Nichts könnte meinem Leben einen sinnvolleren Abschluss geben, als wenn ich für den Frieden Christi im Reich Christi mein Leben hingeben dürfte.“

Aus solchen Andeutungen über sein vorausahnendes Lebensende ist dann in den Gefängnissen von Berlin die starke und klare Gewissheit gereift, wie sie uns heute auf dem Grabstein in Meitingen begegnet: „Ich habe mein Leben Gott angeboten für den Frieden der Welt und für die Einheit der Kirche.“ Am 17. April 1944 wurde Max Josef Metzger durch das Fallbeil hingerichtet. Für die NS-Herrscher war die Hinrichtung der Beweis für das Ende von Metzger und seines Lebenswerkes. Für Metzger selbst war jedoch sein Tod der Anfang eines neuen Lebens bei Gott. Davon zeugen die Osterlieder, die Metzger in seiner Gefangenschaft gedichtet hat.

Heute, achtzig Jahre danach, bezeugen wir alle mit Ihnen, liebe Mitglieder des Christkönigs-Instituts, dass die Lebenshingabe Metzgers dem Aussäen von Samenkörnern gleicht, die reiche Frucht gebracht haben und – davon bin ich überzeugt – auch noch weiterhin reiche Frucht bringen wird.

Wir freuen uns, dass vor wenigen Wochen der Tod Metzgers von den zuständigen römischen Stellen als Blutzeugnis für Jesus Christus anerkannt wurde. Wir dürfen ihn nun „Märtyrer“ nennen. Ich meine, sein Martyrium soll uns darüber hinaus immer neu in Erinnerung rufen, dass das Leben nur „Frucht bringen“ wird in dieser Welt, wenn wir uns hingeben im Vertrauen auf Gott, unseren Vater. Unser Wirken für Gottes Reich, unser Einsatz für die Botschaft Jesu wird nur dann Frucht tragen, wenn wir uns selbst mit unserem Leben dafür einsetzen. Mit ein bisschen Liebe, ein bisschen Friede ist es nicht getan. Der Platz, den Jesus uns anweist, hat seinen Preis: die Hingabe unseres Lebens.

 

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Wir danken Gott für das Lebens- und Glaubenszeugnis von Dr. Max Josef Metzger. Wir danken, dass er uns in ihm einen Märtyrer geschenkt hat. Aber lasst uns nicht nur Bewunderer seiner Taten sein, sondern wie er Nachfolger, die den Platz einnehmen, den Jesus uns zuweist.