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Predigt im Rahmen der Jugendwallfahrt auf den Kalvarienberg Pobenhausen in der PG Karlskron

Treu zu Jesus Christus stehen

05.05.2024 12:00

Lieber Pater Biju, liebe Verantwortliche der Jugendstelle Schrobenhausen, liebe Jugendliche, liebe Schwestern und Brüder, es ist mir eine große Freude, mich heute in die Reihe der Prediger hier auf dem Kalvarienberg Pobenhausen einreihen zu dürfen.

Denn der selige Pater Rupert Mayer gehört seit Jugendtagen zu meinen besonderen Hausheiligen – meine Mutter hat ihn immer sehr verehrt, und wir haben von meinem Heimatort Kaufering aus keinen München-Ausflug gemacht, ohne in der Bürgersaalkirche bei Pater Mayer einzukehren und ihm unsere großen und kleinen Sorgen anzuvertrauen. Und Bischof Stimpfle und Weihbischof Schmid – um nur einige weitere zu nennen - haben mich in meiner jugendlichen Berufssuche geprägt und so trete ich gern und dankbar in ihre Fußstapfen.

„Radikalität ist das Vorrecht der Jugend“ – so hört man, wenn ältere Leute von vergangenen Zeiten sprechen: Die Alt-68er z. B., die nicht zimperlich waren und sich oft sogar mit dem Gesetz anlegten, um deutlich zu machen, dass nach der NS-Zeit viel zu viel unter den Tisch gekehrt wurde, was auf den Tisch gehört. - Wir leben heute wieder in einer bewegten Zeit, in der auch ihr jungen Menschen euch immer wieder mal fragt: Wem darf ich noch glauben, wer meint es gut mit mir und: wo muss ich mich vor Fake News und Hate-Mails schützen?

Um gute und lebensfördernde Erfahrungen zu machen, brauche ich zuverlässige Menschen in meiner Umgebung. Das ist, wenn ich Glück habe, meine Familie, das sind aber besonders, wenn man aus den Kinderschuhen herausgewachsen ist, die Freundinnen und Freunde, in der Schule und bei den Freizeitbeschäftigungen. Tragfähige Beziehungen sind für Heranwachsende so notwendig wie vernünftige Ernährung, genügend Schlaf und eine Zeit des gesellschaftlichen Friedens – wenn wir heute allein in Europa uns umschauen, stellen wir fest, wie labil und verletzlich schon diese Grundbedingungen für eine gute Kindheit und Jugend sind!

Das Evangelium schenkt uns heute die verheißungsvollen Sätze Jesu: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe“ (Joh 15,13-15).

Vielleicht haben nur wenige unter uns die Erfahrung gemacht, wie sich ein Knecht fühlt – doch ganz sicher wissen viele, wie es sich anfühlt, gemobbt zu werden, aus irgendeinem Grund von der unmittelbaren Umgebung, der Klasse, der Verwandtschaft, der Nachbarschaft, im Verein usw. nicht als vollwertiges oder gleichrangiges Mitglied angesehen zu werden. Eine solche Erfahrung kann, wenn sie lang anhält und man sich keine Hilfe holt, einen einzelnen Menschen in Selbstzweifel und letztlich in die Verzweiflung treiben. Jede und jeder von uns weiß sicher aus seiner Jugend von Situationen zu erzählen, wo es ihr oder ihm richtig „dreckig“ ging und er bzw. sie sich komplett missverstanden und ausgeschlossen fühlte. 

Solche Erfahrungen bleiben keinem Menschen erspart und aus dem Rückblick betrachtet, ist es vielleicht gut, wenn man sie - hoffentlich in erträglicher Form - schon früh macht und sie dann möglichst mit einem Menschen seines Vertrauens besprechen kann. Denn es kommen im Erwachsenenleben ganz bestimmt Situationen, in denen wir vereinzelt, ja vielleicht sogar verlassen dastehen und für unsere Überzeugungen einstehen müssen.

„Hier stehe ich und kann nicht anders“ – dieser Satz wird Martin Luther zugeschrieben, als er 1521 in Worms verhört wurde, um seine Überzeugungen zu widerrufen. Luther berief sich stattdessen auf sein Gewissen und bewies in der unsicheren, fast lebensgefährlichen Lage Mut und Standhaftigkeit. Was wir heute Zivilcourage nennen, zeichnete auch die Widerstandskämpfer während der NS-Diktatur aus: Sehr viele waren als Christen von Anfang an in den Gegensatz zur menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus geraten und suchten im Evangelium Halt und Orientierung. Ich erinnere an die Mitglieder der Weißen Rose, des Kreisauer Kreises, aber auch an die Edelweißpiraten und einzelne wie den Münchner Lehrling Walter Klingenbeck – geboren vor 100 Jahren (1924), der mit 17 Jahren verhaftet wurde, weil er „Feindsender“ gehört und das Victory-Zeichen an die Hauswände gemalt hatte. Mit 19 Jahren (1943) wurde er hingerichtet. Im Abschiedsbrief aus dem Gefängnis Stadelheim schreibt er an seine Eltern und seine Schwester: „Heute habe ich zum letzten Mal Gelegenheit, Euch zu schreiben. Das Gnadengesuch ist abgelehnt. Na ja, nichts zu ändern. Tut mir bloß den einen Gefallen, weint nicht um mich, ihr wisst ja, wofür ich sterbe.“[1]

„Weint nicht um mich“ – Bewusst oder unbewusst greift Walter Klingenbeck ein Wort Jesu aus dem Lukasevangelium auf, das uns hier am Kalvarienberg in der achten Station des Kreuzweges begegnet: „Töchter Jerusalems, weint nicht über mich; weint vielmehr über euch und eure Kinder!“ (Lk 23,28). Klingenbeck war bekennender Katholik und ein Jugendlicher, der sich kein X für ein U vormachen ließ. Er wollte sich selbst eine Meinung bilden und nicht in der großen Masse mitschreien, was politische Agitatoren oder angesagte Stars vorschrieben. Junge Menschen haben oft ein Gespür dafür, wenn sie an der Nase herumgeführt oder manipuliert werden. Gleichzeitig sehnen sie sich nach Anerkennung und gehen dafür auch faule Kompromisse ein – deshalb ist es so wichtig, gute Freundinnen und Freunde zu haben, die zu Gesprächen bereit sind und mit denen man Spaß haben, aber auch Nächte durchquatschen kann. Social Media können dabei Freundschaften nicht ersetzen, im Gegenteil: ich bin noch einsamer, wenn ich sehe, wieviel Follower andere auf Insta oder Tiktok haben!

Die Philosophin Hannah Arendt, als Jüdin selbst vor den Nazis aus Deutschland geflohen, hat in jahrelanger Staatenlosigkeit viel über die Verlassenheit des Individuums und das Phänomen der Masse nachgedacht. Sie schreibt: „Ohne echten Kontakt zu anderen gehen Selbst und Welt, und das heißt echte Denkfähigkeit und echte Erfahrungsfähigkeit, zugleich zugrunde“[2] – eine Aussage, die 80 Jahre später erst recht gilt!

1668 waren es zwei junge 18jährige Frauen, die die Wallfahrt hier auf den Kalvarienberg begründeten. Es wird erzählt, dass eine davon, Margaretha Seydelmeyer, beim Grasschneiden ein „schönes Kindlein mit einem Lämmlein, das von Wölfen verfolgt wurde“, gesehen habe. Als sie diese Erscheinung ihrer Gefährtin zeigte, sei alles verschwunden. Heute ist man vielleicht versucht, das als fromme Legende abzutun. Doch einmal ehrlich: Was daran ist nicht durch manche unserer Erfahrungen gedeckt? - Sicher, die beiden jungen Frauen haben die Vision sofort mit den ihnen bekannten bildlichen Darstellungen des Jesuskindes, das sich mit einem schutzlosen Lamm identifiziert, in Verbindung gebracht und auch der Pfarrer und das ganze Dorf haben die Erscheinung auf Jesus Christus hin gedeutet. Dadurch wird sie aber in ihrem Wahrheitsgehalt nicht abgeschwächt, sondern es erscheint umso klarer, was Jesus im Evangelium meint, wenn er sagt: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“

Liebe Schwestern und Brüder, liebe junge Menschen,

seit mehr als 350 Jahren bringen Menschen jeden Alters ihre Sorgen und Ängste, ihre Wunden und Verlusterfahrungen hierher und betrachten dabei den Leidensweg des Herrn von der Verurteilung durch Pilatus bis zur Hinrichtung am Kreuz. In scheinbar ausweglosen Situationen, wo die Stimme versagt und Worte nur noch leere Hülsen sind, verbinden sich die Beterinnen und Beter mit dem Leiden Jesu, sie vertrauen seinem Wort, dass er ihr Freund ist und weiß, wie es im Herzen von uns Menschen aussieht (vgl. Joh 2,25).

Traditionell feiert ihr Jugendlichen in den Tagen um Christi Himmelfahrt einen Wallfahrtsgottesdienst hier, um euch gegenseitig noch einmal zu vergewissern: Auch, wenn ER unseren Blicken entschwunden ist, wie damals den Jüngerinnen und Jüngern, so glauben wir doch seiner Zusage: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr euch diesen Glauben nicht aus dem Herzen reißen lasst, von nichts und niemandem, dass ihr mutig und treu zu Christus steht und erfahrt, welches Glück in der Verheißung liegt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt“ (Joh 15,16). Amen.

[1] Zit. n. Barbara Galaktionow: Unbekannter NS-Widerstandskämpfer: Der Jugendliche, der gegen Hitler kämpfte - und ermordet wurde. (aufgerufen am 28.04.2024)

[2] Zit. n. Lyndsey Stonebridge: Wir sind frei, die Welt zu verändern. Hannah Arendts Lektionen in Liebe und Ungehorsam. München: Beck 2024, S. 191.