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Predigt in Neuburg-Bergen, Münster Heilig Kreuz, zur Eröffnung der Wallfahrt

Der Mutter guter Rat „aus liebender Aufmerksamkeit“

01.05.2024 12:00

Seit sehr langer Zeit bin ich wieder einmal in Bergen/Baring auf Besuch. Ich freue mich, dass ich die Wallfahrtssaison hier im Münster Heilig Kreuz eröffnen und damit zugleich der Muttergottes als Schutzfrau Bayerns die Ehre geben darf: für mich eine besondere Ehre.

Denn ich verbinde seit meiner Neuburger Kaplanszeit viele frohe und tröstliche Erinnerungen mit diesem Ort – er ist im wahrsten Sinne ein Refugium, ein Rückzugs- und Zufluchtsort, wie wir ihn alle hin und wieder brauchen, um innerlich zur Ruhe zu kommen und die Gedanken und Gefühle zu ordnen.

Es ist ungeheuer hilfreich, alles, was uns bewegt, vor Gott auszubreiten und darüber mit ihm ins Gespräch zu kommen. Ich kann dabei meinen Alltag von morgens bis abends durchgehen oder die Menschen, mit denen ich tagtäglich zu tun habe, meine Familie und Arbeitskolleginnen, Freunde und solche, mit denen ich mich schwertue. Indem ich einen inneren Scheinwerfer auf sie richte und versuche, sie möglichst im Lichte Gottes zu sehen, entdecke ich nicht selten neue Seiten, Zusammenhänge, die mir in der Hitze des Tages verborgen geblieben sind. Wer diese Unterbrechungen, dieses Innehalten eine Weile konsequent übt, wird merken, wie sehr es ihm guttut, und es in seinen Lebensrhythmus integrieren. Lehrer der Spiritualität wie Ignatius von Loyola empfehlen, dem, wie es der Jesuit Willi Lambert genannt hat, „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ sogar mindestens dreimal am Tag eine kurze Zeitspanne einzuräumen, damit wir dann wieder etwas wacher, sensibler und gottverbundener sind.

Ganz so, wie ich mir die Muttergottes bei der Hochzeitsfeier in Kana vorstelle: Hier war viel Jubel, Trubel, Heiterkeit, sicher ein Kommen und Gehen, ein Sich-Begrüßen und -Verabschieden und dazwischen die Diener, die Mühe hatten, dem Bedarf der Gäste an Essen und Getränken nachzukommen. Jeder von uns weiß, wie das ist: der Gastgeber will sich nicht lumpen lassen und die Gäste sind oft nicht wenig anspruchsvoll, haben sie doch meistens den Vergleich mit irgendeiner anderen Party, die noch toller gewesen ist.

Maria, die seit der Verkündigung durch den Engel, dessen Worte sie all die Jahre in ihrem Herzen bewegt hat, auch immer wieder bang an die Prophezeiung des greisen Simeon dachte, weiß, dass die Zeit gekommen ist, ihren Sohn frei und ganz den Vaterhänden Gottes anheimzugeben. Sehnsuchtsvoller als alle Jünger wartete sie auf sein erstes Zeichen, den Hinweis, dass er einen besonderen Lebensauftrag hat, einen Auftrag, den keiner sonst erfüllen konnte. - Da erfährt sie von der Bestürzung der Brautleute und der Ratlosigkeit der Diener und spricht ihren Sohn an, im tiefen Vertrauen, dass er das Kippen der frohen Stimmung verhindern, den Gastgebern unterstützend zur Seite springen und die Peinlichkeit der Situation beenden werde…

Haben wir genau hingehört? Maria schlägt Jesus nicht vor, was er zu tun hat, was das Beste für alle wäre oder Ähnliches, so wie wir es in der Praxis und auch im Gebet oft tun: Lieber Gott, mach‘, dass der oder die so und so handelt, dass sich dies oder jenes von selbst regelt…- und nicht selten sind wir dann enttäuscht, wenn „seine Gedanken nicht unsere Gedanken und seine Wege nicht unsere Wege sind“, wie es bei Jesaja (55,8) heißt.

Die Muttergottes geht anders vor: Sie benennt in aller Schlichtheit die Not: „Sie haben keinen Wein mehr“ und lässt sich auch von der abweisenden Antwort ihres Sohnes nicht beirren, sondern gibt vielmehr den Dienern den entscheidenden Tipp: „Was er Euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5) Sie, die Hellwache, die Mitfühlende und zutiefst Aufmerksame, sensibilisiert also mit einem einfachen Wort ihre Mitmenschen – mit einem Wort, das über 2000 Jahre hinweg auch an uns gerichtet ist: „Was er Euch sagt, das tut!“

Heute, am Fest der Patrona Bavariae, das den Marienmonat einleitet, sind auch wir eingeladen, hier in dieser wunderbaren Kirche, die einst auf das Patrozinium von Maria und Johannes geweiht wurde, uns wieder neu vorzunehmen, dem liebevollen Rat Mariens zu folgen: „Was er Euch sagt, das tut!“ Alles, was wir investieren müssen, ist die Krüge mit unserem Alltag zu füllen, mit dem schlichten Wasser der kleinen Erfolge, aber auch der Misserfolge, mit unserem Zurückbleiben hinter unseren Vorsätzen und Erwartungen, mit dem Scheitern und den Wunden, die wir uns und anderen schlagen – halten wir nichts von uns für uns zurück, damit es Christus in sein Kreuzesopfer mithineinnehme und ganz umwandeln kann in den Wein der Liebe und Fülle.