anlässlich der Seniorenwallfahrt im Ulrichsjubiläum am 6./7.5. 2024
Simeon und Hanna: Am Ende wird alles gut
Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern und Brüder, die Worte des greisen Simeon, die wir soeben gehört haben, sind in christlichen Kreisen beinahe sprichwörtlich: „Nun lässt Du, Herr, Deinen Knecht, wie Du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen“ (Lk 2,29-30).
Wie steht es da mit uns – mit den mehrheitlich über 60jährigen? Gönnen wir uns überhaupt schon den ernsten Blick zurück auf unser Leben, unseren Glauben und das Zusammenspiel der beiden - oder sind wir noch mittendrin im Ausbalancieren von Zeit und Kräften zwischen Enkelbetreuung und Hochbetagtenfürsorge der eigenen Eltern bzw. Schwiegereltern?
Von Simeon erfahren wir im Gegensatz zur Prophetin Hanna nicht sein Alter. Seine Worte aber sprechen für sich: selbstbewusst und zugleich demütig, wach und gelassen, dankbar, ja begeistert und doch ohne Aufdringlichkeit. „Nun lässt Du, Herr, Deinen Knecht, wie Du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen“ (Lk 2,29-30).
Alles in allem ein Gebet, das aufhorchen lässt und in mir schon immer Ehrfurcht vor dem geoffenbarten Geheimnis ausgelöst hat. Denn was sehen Simeon und Hanna wirklich? Ein keinesfalls wohlhabendes Elternpaar mit seinem Erstgeborenen, Menschen, die sich nur die kleinste Opfergabe leisten können, nämlich zwei junge Täubchen. Dass die Eltern mit ihrem Kind im Tempelbetrieb trotzdem auffallen, mag, so denke ich mir, an ihrem Auftreten, an der Lauterkeit liegen, die sie ausstrahlen – Menschen ohne Hektik, gesammelt und fromm. Simeon und Hanna kannten sich aus, tagtäglich waren sie im Tempel, beinahe konnte man sagen, er war ihr Zuhause. Sie wollten dem Ewigen nahe sein und brauchten wegen des Trubels in den Vorhöfen doch die Fähigkeit zur inneren Konzentration, um im Gebet verweilen zu können. Unsere Kirchen dagegen sind heute meist leer und wer beten will, findet – vorausgesetzt die Kirche ist offen – genug Raum und meist auch eine stille Seitenkapelle oder eine Krypta, wie hier in der Basilika oder im Dom.
Simeon und Hanna, Maria und Josef – die vier Menschen, die sich an jenem Tag schicksalhaft begegnen, sie glauben an die Gegenwart des unsichtbaren Gottes im Tempel – und in der Welt. Damals wie heute ist das ewige Licht das äußere Zeichen, das Symbol dafür und selbst bei großer innerer Unruhe kann allein der Blick auf dieses kleine flackernde Licht uns zu Ehrfurcht und Ruhe verhelfen.
Maria und Josef bringen den Neugeborenen Jesus in den Tempel, um – wie es heißt – „das Kind dem Herrn darzustellen“ – viele von Ihnen werden sich an die Taufe ihrer eigenen Kinder oder Enkelinnen erinnern und wie beglückend es für alle in der Familie war, wenn die vielleicht problematische Schwangerschaft und die immer gefahrvolle Geburt gut überstanden worden war. Das eigene Kind, den Winzling, wie einen kostbaren Schatz in Händen zu halten – das ist einer der einprägsamsten Momente im Leben von Mutter und Vater und bestimmt auch der Augenblick, in dem ganz unwillkürlich die Dankbarkeit zum Himmel steigt, zum Spender allen Lebens. Wir alle kennen solche oder ähnliche Glücksmomente inniger Liebe, wo unser Herz überfließen darf an Zuneigung und Glücksgefühl.
Seltene Momente, ja, aber gerade deswegen lohnt es sich, sie sich immer wieder in Erinnerung zu rufen! Denn nur der Mensch, der aus solchen Erinnerungen zu leben versteht, kann auch mit schweren Schicksalsschlägen umgehen lernen. Nicht umsonst liest man oft auf Sterbebildchen: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“ – dieser Satz aus einem Roman des sonst fast vergessenen Dichters Jean Paul Ludwig Richter (1763-1825) zeigt aber auch, dass wir unsere Erinnerungen immer mitgestalten. Mit dem zeitlichen Abstand auf ein Ereignis verändert sich nämlich der Blickwinkel. Manches scheinbar Nebensächliche tritt dann vielleicht stärker hervor als die ursprüngliche Hauptsache.
Wesentlich ist dabei meine Grundhaltung dem Leben gegenüber: Kann ich eine positive, dankbare Bilanz ziehen oder macht mir allein der Gedanke, dass mein Leben zu Ende geht, Angst? Schaue ich versöhnt zurück oder gibt es viele abgebrochene Brücken hinter mir? Sollte ich mir vielleicht Hilfe holen, bei einem vertrauten Menschen oder auch einer fachlich versierten Person, einer Seelsorgerin oder einem geistlichen Begleiter?
Dass der Evangelist uns konkrete Einblicke in Hannas Biographie tun lässt, mag überraschen, ist aber für das gesamte Lukasevangelium bezeichnend: Mitgefühl und Empathie für die Benachteiligten, die am Rande Stehenden prägen mehrheitlich die Szenerie, die uns geschildert wird – denken wir nur an die Aussätzigen, Gelähmten, Blinden, die zahlreichen leidenden Frauen, aber auch die Fremden wie den Hauptmann von Kafarnaum, der um seinen Knecht bangt, oder den Barmherzigen aus Samaria, einem Gleichnis Jesu, das uns Lukas als einziger überliefert. - Das Leben der alt gewordenen „Prophetin Hanna“ war gewiss kein Zuckerschlecken: früh verwitwet und, wie es den Anschein hat, kinderlos, war sie nach damaligem Verständnis eher eine Last denn ein vollwertiges Mitglied für ihre Familie. Es gehörte große innere Stärke und sehr viel Gottvertrauen dazu, ein sicher arbeitsreiches, aber an Ansehen kaum üppig ausgestattetes Leben zu meistern. Sie führte gewissermaßen ein Leben im Wartestand – damals wie heute alles andere als begehrenswert!
Doch der Titel „Prophetin“ lässt aufhorchen – vor allem, wenn wir ihn mit der Lesung aus dem Buch Joel in Verbindung bringen: „Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer haben Visionen. Auch über Knechte und Mägde werde ich meinen Geist ausgießen in jenen Tagen“ (Joel 3,1b-2).
Wissen wir heute noch, woran man eine von Gott gesandte Prophetengestalt erkennen kann?
Ich befürchte, wir können stattdessen eher sagen, welche Charakteristika einen Unheilspropheten auszeichnen – denn daran mangelt es wohl zu keiner Zeit und in keinem Land! Tatsächlich verlieren sich heute gerade Menschen, die nach Halt und Orientierung suchen, nicht selten in den Weiten der digitalen Parallelwelten und bilden sog. Communities mit einseitig-abstrusen Weltanschauungen, die leider erschreckend häufig Verschwörungserzählungen sind, nach dem Muster: Hier sind wir, die Guten, die zu kurz Gekommenen, die Gefährdeten und dort sind die Bösen, geheime Mächte, die oft unmenschliche, ja dämonische Züge tragen.
Statistisch gesehen sind Menschen zwischen 45 und 65 Jahren für solche Schwarz-Weiß-Malereien und grobe Vereinfachungen besonders anfällig. Mich hat das beim ersten Hören sehr überrascht, denn das sind ja gerade diejenigen unter uns, die scheinbar „mitten im beruflichen Leben stehen“ und dadurch problemlos Zugang zu vertiefter Information und echten, tragfähigen Wissensquellen hätten! Warum glauben Menschen Dinge, die nüchtern betrachtet mehr als fragwürdig sind? Warum riskieren sie dabei auch, dass ihre engsten Familienangehörigen, ihre Freundinnen und Vertrauten von ihnen abrücken? Wir erleben dieses Phänomen schließlich auch hinsichtlich politischer Positionierungen: Hier wird das gewohnte Umfeld gegen ein anderes getauscht, weil man sich Anerkennung und Karriere erhofft oder einfach zu denen gehören will, die jetzt „mal das Heft selbst in die Hand nehmen“. – Kaum eine Familie bleibt von solchen Erfahrungen verschont und gerade, wenn sich Menschen von religiöser Bindung losgesagt haben, gilt das geflügelte Wort: Wer nichts mehr glaubt, glaubt am Ende alles!
Die Prophetin Hanna ist dagegen ganz klar eine Heilsprophetin: „Sie trat hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.“ (Lk 2,38). Dabei ist der Ausgangspunkt ganz ähnlich wie oben: auch hier geht es um Sehnsucht und das Warten auf eine gute Zukunft, auf Erlösung von allem, was belastet – und das war damals sehr viel! Vor allem litten die Menschen unter der Gewalttätigkeit der römischen Besatzer, die kurzen Prozess machten, mit jedem, der für das eigene Volk Freiheit und Selbstständigkeit einforderte. Die Römer schauten mit Argwohn auf die in ihren Augen seltsamen religiösen Gepflogenheiten dieses kleinen Volkes am Mittelmeer: Waren doch die Juden die einzigen unter den Völkern der Antike, die auf einer Sieben-Tage-Woche mit einem arbeitsfreien Schabbat zu Ehren ihres Gottes bestanden. Sie hatten strenge Speisegesetze und ließen sich nicht zum Kriegsdienst zwingen – alles in allem bewiesen sie damit ein Selbstbewusstsein, das den Römern suspekt sein musste.
Und wer sich genauer mit dem Glauben des Volkes beschäftigte, erfuhr auch von ihrer Hoffnung auf den Messias und sein Friedensreich, wie es der Prophet Jesaja über 700 Jahre vor der Prophetin Hanna wunderbar visionär in folgende Worte gefasst hatte: „Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie. Kuh und Bärin nähren sich zusammen, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter und zur Höhle der Schlange streckt das Kind seine Hand aus. Man tut nichts Böses und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des HERRN, so wie die Wasser das Meer bedecken.“ (Jes 11,6-9).
Merken wir, wie oft hier von einem Kind die Rede ist?
Ganz klar: Hanna bezog sich an jenem denkwürdigen Tag genau auf diese Stelle, die wohl jeder Israelitin, jedem Israeliten von Jugend an vertraut war, so wie sie auch nach fast 3000 Jahren nichts an Leuchtkraft verloren hat!
Simeon und Hanna sind Menschen, die am Ende Ihres Lebens die Hoffnung auf eine von Gott geführte Zukunft nicht aufgegeben haben. Sie besitzen die Weisheit, auch unscheinbare Anzeichen göttlichen Wirkens wie ein hilfloses Kind armer Eltern als geschichtsmächtig zu erkennen und im Sinne des göttlichen Heilsplanes zu deuten.
Das Tröstliche dabei ist: was Simeon und Hanna konnten, das können auch wir, wenn wir wirklich darauf vertrauen, dass Gott in jeder und jedem von uns lebt und wirkt! Denn am Ende – das ist unser Glaube – wird alles gut!