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Predigt von Bischof Bertram zum Abschluss der Kirchensanierung in St. Andreas, Biburg

„Können und wollen wir die Zeichen Gottes sehen?“

21.12.2025 11:00

Liebe Schwestern und Brüder, seit mindestens 800 Jahren bildet sie den Mittelpunkt des Ortes Biburg: die Pfarrkirche St. Andreas. So steht es in einem Artikel[1], den mir Pfarrer Rimmel im Vorfeld dieses Festgottesdienstes zugesandt hat. Seit Jahrhunderten kommen Menschen hier zusammen, um Gottes Nähe zu suchen und seine Gegenwart zu feiern. Wie viele Gebete wurden hier wohl schon gesprochen? Wie viele Kinder getauft, Ehen geschlossen, Verstorbenen das letzte Geleit gegeben? Unsere Kirchen sind weit mehr als Immobilien, die verwaltet werden müssen. Sie sind das „Bauwerk Gottes“ (1 Kor 3,9) auf Erden, wie es im Korintherbrief heißt, und wir alle sind berufen, daran mitzubauen.

Im Falle der Pfarrkirche St. Andreas konnte man das in den letzten Monaten durchaus wörtlich verstehen, drohte doch Einsturzgefahr, die ein schnelles Handeln notwendig machte. Lassen Sie mich an der Stelle allen danken, die bei der Sanierung der Kirche mitgeholfen haben, sei es durch konkretes Tun oder durch die Gabe einer Spende. Mit Ihrem Einsatz haben Sie dazu beigetragen, dass dieses Gotteshaus auch in Zukunft der Mittelpunkt des Ortes Biburg bleibt, an dem hoffentlich noch viele Jahrhunderte lang Menschen zu Gott finden und im Glauben bestärkt werden.

Dazu mögen uns auch die Schriftlesungen vom vierten Adventssonntag helfen. Drei Tage vor Heiligabend dreht sich dabei alles um das Kommen unseres Erlösers (vgl. Mt 1,21), Jesus Christus. Durch viele Zeichen ist uns die Geburt dieses göttlichen Kindes angekündigt worden, und das Besondere der heutigen Lesungen ist, wie Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen darauf reagiert haben. Drei davon möchte ich heute herausgreifen: Es sind Ahas (1), Paulus (2) und Josef (3).

1. Ahas – der verblendete König

Da ist zunächst im Alten Testament Ahas, ein König des Südreichs Juda, aus dem 8. Jahrhundert vor Christus. Dieser erhält eines Tages Besuch vom Propheten Jesaja, der ihm ein Zeichen des Herrn ankündigt: Eine Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, in dem Gott den Menschen seinen Beistand sendet (vgl. Jes 7,14). Ahas darf sich zuvor sogar ein eigenes Zeichen von Gott erbitten (Jes 7,11), der versprochen hat, sein Volk Israel nie zu verlassen. Der König aber will von solchen Zusagen nichts wissen. Er glaubt, keinen Gott zu brauchen, und vertraut lieber auf sein politisches Geschick als König und Machthaber. Eine fatale Entscheidung, denn kurz danach erlebt das Königreich Juda einen beispiellosen Niedergang, sowohl politisch als auch moralisch.

Was können wir daraus lernen? Es war und ist bis heute ein Fehler, wenn Menschen, insbesondere diejenigen, die große Verantwortung für andere tragen, glauben, alles allein schaffen zu können, und Gott in ihrem Leben keinen Platz einräumen. Die Geschichte lehrt: Wo Gott in einem Staat, aber auch im Privaten, fehlt, schwinden nicht selten Hoffnung und Anstand. Die Menschen vertrauen dann lieber auf das Recht des Stärkeren als auf die Stärke des Rechts. Wenn wir auf die politische Weltlage schauen, sehen wir immer mehr autokratische Regierungen, die auf Polarisierung und Militarisierung setzen, statt auf friedlichen Dialog und Miteinander. Gott sei Dank, kann man da nur sagen, gibt es auch andere, die bewusst oder unbewusst, im Sinne der christlichen Botschaft handeln, und Brücken bauen, anstatt zu spalten, versöhnen, anstatt zu hetzen.

2. Paulus – der bekehrte Missionar der Völker

Einer, der das versucht hat, war der heilige Paulus, von dem wir in der zweiten Lesung gehört haben. Auch er war anfangs alles andere als offen und brauchte die Hilfe Gottes, um seine persönliche Berufung zu erkennen. Sein Zeichen war das berühmte „Damaskus-Erlebnis“ (vgl. Apg 9,3-22), bei dem ihm Jesus selbst erschien. In bitterer Erkenntnis seiner schlimmen Taten als Christen­verfolger änderte er von Grund auf sein Leben, bereute seine Vergehen und wurde zum großen christlichen Missionar der Völker.

In der gehörten Textpassage am Beginn seines Römerbriefs wollte er sich zunächst vorstellen (Röm 1,1), da die Adressaten in Rom ihn ja noch gar nicht kannten. Am liebsten hätte er dabei gleich seine ganze Geschichte erzählt und alles geschrieben, woran er nun aus tiefstem Herzen glaubte: All die Worte und Taten von Jesus Christus, dem Sohn Davids, dem Gottessohn, in dem sich die Verheißungen der Propheten erfüllt haben (vgl. Röm 1,2-4).

Wir sehen hier also einen Mann, Paulus, der keineswegs frei von Fehlern war, zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens aber die Zeichen erkannte, Christi Stimme in sein Herz ließ, und von da an all seine Kräfte einsetzte, um das Evangelium Gottes den Völkern zu verkünden (vgl. Röm 1,1). Am Ende gab er sogar sein Leben - im festen Glauben daran, dass Gott in Jesus Christus wahrhaft Mensch und unser aller Retter geworden ist. 

3. Josef – der stille Patron der Kirche

Ein gänzlich anderes Wesen zeigt uns die dritte Person, die uns im heutigen Evangelium begegnet: Es ist Josef, der Verlobte Mariens und Ziehvater Jesu.

Vor fünf Jahren rief uns der verstorbene Papst Franziskus dazu auf, mehr auf Josef zu schauen, der mit „väterlichem Herzen“[2] für seinen Sohn Jesus da war und uns allen ein Vorbild im Glauben sein kann. Auch er erhielt ein Zeichen, als er sich wegen der unerwarteten Schwangerschaft seiner Verlobten Maria „in aller Stille“ (Mt 1,19) von ihr trennen wollte: Im Traum erschien ihm ein Engel, klärte ihn über den göttlichen Ursprung des Kindes auf und ermutigte ihn, für seine Familie da zu sein. Fast schon lapidar heißt es im letzten Satz: „Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.“ (Mt 1,24)

Was mag uns diese Reaktion anzeigen? Ganz offensichtlich hatte Josef tief in seinem Innersten verstanden, was Gott ihm sagen wollte, und er konnte spüren, dass alles seinen Sinn hat. Auch vermochte er seine eigene Berufung zu erkennen und war bereit, seine Familie zu beschützen. Dadurch wurde er biblisch zu einem „Gerechten“ (vgl. Mt 1,19), womit alle Frauen und Männer gemeint sind, die auf Gottes Wort vertrauen und sich für das Wohl anderer einsetzen. In ihm erkennen wir einen treuen und stillen Helfer Gottes, von dem kein einziges Wort in der Bibel überliefert ist, und der dennoch eine ganz zentrale Rolle im göttlichen Heilsplan einnimmt. Von Josef können wir lernen, mit dem „Ohr des Herzens“ auf die Botschaft des Herrn zu hören und mit den „Augen des Glaubens“ das eigene Leben zu betrachten. Wir können lernen, unser JA zu sagen und Gott und den Menschen zu dienen, an den Plätzen, an die wir gestellt sind: Als Eltern und Großeltern, als Geschwister und Verwandte, als Arbeitskollegen oder im Freundeskreis. Auch in der Pfarrgemeinde können wir an vielen Stellen einen „Josefsdienst“ übernehmen, beispielsweise wenn wir hierher in die Kirche kommen, um füreinander zu beten, aber auch, wenn wir ein waches Auge dafür haben, welche Menschen in unserem Umfeld Beistand brauchen. Es gibt so viele, die krank oder einsam sind. Folgen wir dem heiligen Josef, der durch sein Vertrauen auf Gott und sein fürsorgliches Handeln gegenüber anderen, völlig zu Recht, von Papst Pius IX. im Jahr 1870 zum „Patron der Katholischen Kirche“ erhoben wurde.

Liebe Schwestern und Brüder,

Ahas, Paulus und Josef – drei Personen, denen Gott Zeichen gesandt hat und die völlig unterschiedlich reagiert haben. Der eine mit Ablehnung und dem alleinigen Vertrauen auf die eigene Stärke. Der zweite mit einem radikalen Lebenswandel und großem Aktionsradius. Der dritte bedächtig und „von Herzen demütig“ (vgl. Mt 11,29).

In welchem der drei Typen erkennen Sie sich selbst am ehesten? Sind Sie jemand, der möglichst selbstbestimmt leben will und Gott eher einen Platz am Rande einräumt? Oder jemand, der alles verstehen will und sich vielleicht schwertut, daran zu glauben, dass alles in Gottes Händen liegt? Oder ein Mensch, der nicht viele Worte macht, der fleißig seine Arbeit verrichtet und in erster Linie schaut, dass es seinen Nächsten gut geht?

Wer auch immer Sie sind, Gott möchte zu jedem von Ihnen kommen. Eine der zentralen Botschaften der heutigen Lesungen ist, dass unser Gott ein „Gott mit uns“ (vgl. Immanuel) ist, der uns im Leben begleiten und zum Heil führen will. Darum wollen wir hier, in der neu renovierten Pfarrkirche, den barmherzigen Herrn loben und mit den Worten des heiligen Andreas, des Kirchenpatrons, freudig bekennen: „Wir haben den Messias gefunden!“ (Joh 1,41)

[1] Vgl. Löcherer, Felix: Zur neueren Geschichte und Kunst der katholischen Pfarrkirche St. Andreas in Biburg (Diedorfer Archivblätter 11/2025), 2.

[2] Apostolisches Schreiben Patris corde des Heiligen Vaters Papst Franziskus anlässlich des 150. Jahrestages der Erhebung des Heiligen Josef zum Schutzpatron der ganzen Kirche, gegeben zu Rom am 8. Dezember 2020.

Schriftlesungen vom 4. Adventssonntag: Jes 7,10-14; Röm 1,1-7; Mt 1,18-24