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Predigt von Bischof Bertram zur 900-Jahrfeier der Pfarrkirche St. Verena in Fischen/Allgäu

Verena: eine interkulturelle Heilige

24.01.2026 18:30

Lieber Pater Joseph, liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern und Brüder, wir stehen am Beginn eines neuen Jahres: deshalb möchte ich Ihnen von dieser Stelle aus zuallererst von Herzen ein friedvolles und gesegnetes Jahr 2026 wünschen! Für Sie hier in Fischen ist ein ganz besonderes Jahr angebrochen: Mit dem heutigen Gottesdienst beginnen die Feierlichkeiten zum 900jährigen Bestehen der Pfarrei St. Verena – der Urpfarrei der ganzen Region, die im ersten Jahrtausend zum Kloster St. Gallen gehörte und daher auch ganz eng mit der Erinnerung an unseren Bistumspatron, den heiligen Ulrich von Augsburg, verbunden ist. Darf ich einmal in die Runde fragen: Heißt jemand von Ihnen Verena?

Dann wissen Sie sicher mehr als ich über Ihre Namenspatronin. Die heilige Verena lebte an der Wende vom 3. zum 4. Jahrhundert und hatte der Überlieferung nach eine äußerst bewegte Biografie: Im ägyptischen Theben geboren (wir haben es soeben gesungen), folgte sie der Thebäischen Legion nach Italien, und während die Soldaten im Herbst noch die Alpen überquerten, um dem kaiserlichen Befehl zufolge ins heutige Wallis zu gelangen, blieben die Frauen mit dem Tross in Mailand. Als Christinnen fielen sie in dieser römischen Stadt durch ihre Wohltätigkeit und Nächstenliebe auf und konnten so die Frohe Botschaft in bereite Herzen senken.

Als Verena mit Regula und einigen anderen heute in der Schweiz als frühe Märtyrerinnen namentlich bekannten Frauen im Frühjahr diesseits der Alpen den Anschluss an ihre Landsleute suchte, musste sie feststellen, dass die Legion, die unter der Leitung des Christen Mauritius gestanden hatte, auf Befehl des Kaisers Maximian fast gänzlich niedergemetzelt worden war. Sie hatten als Christen nämlich nicht gegen Christen kämpfen wollen.

Verena, die aufgrund ihres religiösen Bekenntnisses ebenfalls Vergeltung befürchtete, soll sich in die heute noch bekannte Verenaschlucht bei Solothurn zurückgezogen haben. Dort suchten die armen und kranken Menschen die heilkundige Einsiedlerin auf und verbreiteten so ihren Ruf in der ganzen Gegend. Bis heute ist ihr Grab im Verenamünster in Zurzach Ziel einer ungebrochenen Verehrung durch die Jahrhunderte.

„Du Dienerin aus fremdem Stamm, die selbstlos uns zu helfen kam…“

Ist es nicht so, dass dies heute, wenn wir in unsere Krankenhäuser und Pflegeheime schauen, eine enorme Aktualität besitzt? Die tatkräftige Orientalin Verena wird auf Bildern mit Wasserkrug und Läusekamm dargestellt, ein Altargemälde von 1524 zeigt sie, wie sie gerade einem ihrer ‚Klienten‘ den Kopf wäscht[1].

Heute begegnen wir ihren jüngeren Schwestern landauf landab in den Pflegekräften, die unseren kranken und alten Angehörigen beistehen. Sie kommen vielfach ebenfalls vom afrikanischen Kontinent, aber auch aus anderen sehr entlegenen Teilen der Welt. Dabei machen wir uns kaum bewusst, dass fast 40 % aller Migrantinnen und Migranten Christen sind; nicht wenige sogar aus Kirchen, die - zwar mit orientalischem Ritus - zu den mit Rom unierten Kirchen gehören.

Seit Jahrhunderten neigen wir Europäer bewusst und unbewusst zu der Auffassung, dass Menschen anderer Kulturen von uns zu lernen hätten statt wir von ihnen. Das 900jährige Jubiläum Ihrer Pfarrkirche hier in Fischen könnte daher ein Anlass sein, solche Vorannahmen kritisch zur reflektieren. Lernen wir, wohlwollend und freundlich auf diejenigen zu schauen, die zu uns kommen, weil sie in ihrer Heimat verfolgt werden oder aufgrund von Klimawandel, Krieg und Gewalt keine Zukunft mehr haben!

Seit Jahrtausenden sind Menschen aus verschiedensten Gründen auf der Flucht – zu den prominentesten Flüchtlingen der Weltgeschichte gehört die Heilige Familie, die der Tradition nach in Ägypten Schutz und Zuflucht fand. Bis heute verweisen die koptischen Christen in Ägypten stolz auf die überlieferte „Fluchtroute“, die von zahlreichen Klöstern und Wallfahrtkirchen gesäumt ist.[2] Auch nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. war Ägypten das bevorzugte Nachbarland für Judenchristen, die sich vor allem in Alexandria niederließen: darüber hinaus sind seit 1884 dort[3] und in Kairo die Borromäerinnen tätig, die christlichen und muslimischen Mädchen vom Kindergarten bis zum Abitur einen deutschsprachigen Bildungsweg anbieten.

So ist es nur folgerichtig, dass die heilige Verena von den koptischen Christen, die in Europa leben, sehr verehrt wird. Vor allem das schweizerische Zurzach, in dem die heilige Verena ihre letzte Ruhe fand, pflegt eine enge Verbindung zur koptisch-orthodoxen Kirche im In- und Ausland. Die russisch-orthodoxe Liturgie am 1. September, ihrem Gedenktag, birgt ein Fürbittgebet, das ich Ihnen ans Herz legen möchte. Es heißt dort unter anderem:

„O heilige und gerechte Mutter Verena (…), stärke unser verzagtes Herz, damit wir deinem Beispiel folgen und unverzagt das Reich (Gottes) und seine Gerechtigkeit vor alles stellen, und so selber zum Werkzeug Seiner Liebe werden. Sollten Angst und Furcht und Sorgen uns überwältigen, stärke unseren Glauben und gewähre uns, in deinen Worten zu deinem und unserem Herrn zu rufen: (…) Herr und Gott, verlass mich nicht, in Dir ist meine Hoffnung; Christus, Du bist gepriesen in Ewigkeit.“

Nicht zuletzt machen uns auch die heutigen Lesungen deutlich: Unser Glaube verdankt sich dem Zeugnis von Menschen, die Jahrtausende vor uns gelebt haben, und die sich selbst in Todesgefahr zu Christus bekannten: Im Evangelium wurde uns die Berufung der ersten Jünger durch Jesus von Nazaret vor Augen gestellt (Mt 4,12-23) und Paulus betont eindringlich, dass Parteiungen und Grabenkämpfe unter Christen verpönt sein sollten, weil sie die Frohe Botschaft pervertieren. Katholisch sein heißt daher immer: die Vielfalt als Bereicherung betrachten, als Weltkirche wie in jeder Pfarrei und jeder Familie Meinungsverschiedenheiten aushalten und im Geiste Christi respektvoll miteinander nach einem gangbaren Weg suchen!

Ich beglückwünsche Sie dazu, dass Sie seit Jahren schon mit Ihren indischen Geistlichen erfolgreich Weltkirche im Kleinen leben – möge das Verena-Jubiläum Sie alle dazu inspirieren, auch im synodalen Sinne, das Gespräch im Heiligen Geist zu pflegen und so das Evangelium ins Heute zu übersetzen:

„Hilf uns, Verena, dass der Mut des Glaubens in uns brenne und dass man an der Liebe Glut uns Christen wieder kenne. – Sei Vorbild uns und Helferin!“

 

Lesungen: Jes 8,23b-9,3; 1 Kor 1,10-13,17; Mt 4,12-23

[1] Vgl. Datei:Barmherzigkeit der Hl Verena 1524.jpg – Wikipedia

[2] Vgl. Welt und Umwelt der Bibel 4/2009: „Maria und die Familie Jesu“.

[3]Deutsche Schule der Borromäerinnen – Alexandria