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Predigt im Rahmen der Pontifikalmesse in Ottobeuren anlässlich 100 Jahre Erhebung der Kloster- und Pfarrkirche zur Basilika minor

„Die Kirche wächst durch Anziehungskraft.“

25.01.2026 12:46

Wie oft mussten Sie schon umziehen? Wie schnell wurden Sie fündig und wie sehr entspricht das Haus oder die Wohnung, in der Sie leben, Ihren Wunsch­vorstellungen? Wer in schönen Regionen wie dem Allgäu eine neue Bleibe sucht, muss nicht selten eine längere Suche in Kauf nehmen oder an Insider­informationen gelangen, bei wem bald etwas frei wird.

Auch das heutige Evangelium thematisiert einen Wohnortswechsel und greift dafür auf biblische Insiderinformationen zurück. Jesus zieht um. Der erwachsen gewordene Nazarener kehrt in die Heimat zurück und verlegt seinen Wohnsitz innerhalb Galiläas nach Kafarnaum. Was hat ihn motiviert? Ein frei gewordenes Haus am See, umgeben von Datteln und Palmen? Matthäus erhellt die Motivlage, indem er aus dem Alten Testament zitiert. Im Buch des Propheten Jesaja heißt es: „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf“ (Jes 9,1).

Das Volk, von dem hier die Rede ist, erleidet eine Situation der Unterdrückung. Der historische Kontext dieser Zeilen liegt in der Eroberung israelischer Stämme auf dem Gebiet von Galiläa durch die Assyrer. Zur Zeit Jesus liegt das schon einige Jahrhunderte zurück und für unser Leben ist es so weit weg, dass die Verse an Bedeutung verlieren. Nicht, wenn wir nochmal ganz allgemein zusammenfassen, wie es jenen Menschen erging: Mehr tot als lebendig sein, keine Perspektive haben, unter Druck geraten, getrieben sein. Das Leben, das hier beschrieben wird, ist ein Leben unter fremder Herrschaft und solch einem Leben wird durch das Evangelium widersprochen! Denn das Wort, das jeder Form menschlicher Unterdrückung widerspricht, ist erschienen: Jesus aus Nazareth. Er ist das Licht, das auch noch in der äußersten Dunkelheit menschlichen Daseins aufgehen kann. Er zerbricht, was den Menschen von ihm selbst entfremdet. In der Gegenwart des Guten Hirten wird das drückende Joch leicht und der Stab des Antreibers wird zum Wegweiser, der eine neue Richtung aufzeigt. Schwermut wird zur Freude. In Jesus liegt die Erfüllung der Ver­heißung. Das ist das Gewaltige, was Matthäus mit Rückgriff auf die Verheißung aus dem Alten Testament über Jesus aussagt. Hinter den menschlichen Zügen des Galiläers scheint das Antlitz des einen Gottes hindurch, der Licht ins Dunkel der Welt bringt.

Mit diesem Anspruch lässt Matthäus das öffentliche Wirken Jesu beginnen. Nur Jesus Christus kann solch einen Anspruch erheben! Keiner kann sich zum Licht machen! Das betont Paulus gegenüber seiner Gemeinde in Korinth, die an spalterischen Streitigkeiten leidet: Ein jeder beruft sich da auf unterschiedliche Stars und Sternchen und Christus gerät aus dem Blickfeld! Paulus tritt mit unmissverständlicher Autorität auf, aber selbst er macht deutlich: Ich bin es nicht, der euch rettet! Ich bin nicht für euch gestorben. Es ist Christus allein! Paulus weicht auf gute Weise zurück.

Von noch einer Person war heute die Rede, die zurückweicht, um dem Messias die Bühne zu überlassen: Johannes der Täufer. Er wurde im ersten Satz des Evangeliums erwähnt. Jesus erfährt von dessen Festnahme. Der Wegbereiter Jesu war ausgeliefert worden. Was hier durch äußere Gewalt erzwungen wird, deckt sich mit dem inneren Programm von Johannes. So arbeitete es einst der Priester und Schriftsteller Josef Weiger in seinem Marienbuch heraus. Josef Weiger war enger Freund von Romano Guardini und wirkte bis in die 60er Jahre hinein im nahe gelegenen Mooshausen. Er sieht in Johannes dem Täufer ein Vorbild für alle, die seelsorgerlich tätig sind:

„Der heilige Johannes weiß (…) um die Gefahr, die leider nur Wenige beachten: Auch ein heiliger Mensch kann einmal, ohne daß er es will und weiß (…) für einen andern Menschen das Hindernis werden, daß er zur Erkenntnis Christi und des eigenen Heiles kommt. Das muß einer wissen, wenn er wie Johannes anderen den Weg zu Gott zeigen soll. Der Seelsorger (…) darf nicht zum Hindernis zwischen Gott und der Seele werden (…). Alle Heiligen haben das demütige Zurücktreten des Täufers vor der Person und der Sendung Christi bewundert. Nichts von Eifersucht, keine Regung des Neides. Der Täufer selbst weist seine Jünger an Christus.“ [1]

Es ist keine einfache Übung, die uns Johannes vorlebt. Aber im Glauben an die Gottheit Jesu ist es eine Haltung, die uns unmittelbar einleuchten muss. Wir sind gerufen, mitzuarbeiten am Reich Gottes, aber niemals kann der Mensch das Wirken Gottes ersetzen. Eine solche Haltung schützt vor Überforderung auf der einen Seite und vor Manipulation und Missbrauch auf der anderen Seite. Wir alle sollen in unserer unterschiedlichen Berufung Künder des Lichts sein, aber nie auf eine Weise, die andere unfrei werden lässt.

Behalten wir das für das heutige Jubiläum im Blick. Vor 100 Jahren hat Papst Pius XI. die Abteikirche zur Basilica minor erhoben. Es war die Erste in unserem Bistum! Die Verbundenheit des Papstes mit der Kirche auf der ganzen Welt soll dadurch zum Ausdruck kommen. Ruft das nicht bei manch Einem bereits den Verdacht des Personenkults auf, vor dem Paulus uns so eindringlich warnt? Gerade das Eingreifen des Paulus in die Situation in Korinth aber zeigt die Bedeutung, die das Papstamt bis heute innehat: es ist Dienst an der Einheit. Auch durch mein Bischofsamt sehe ich jeden Tag mehr, wie notwendig und herausfordernd es ist, um diese Einheit zu ringen. Dabei geht es keinesfalls um Uniformität. Es darf und soll regionale Unterschiede geben und dennoch heißt Christsein Teil einer weltweiten Familie zu sein. Das unterstreicht eine Basilika minor.

Wo Gott und der Nächste geachtet werden, da blitzt das Licht Christi in dieser Welt auf. Solidarität und Hilfsbereitschaft – nicht selten wird die Glaubwürdig­keit von uns Christen daran gemessen! Und unsere guten Taten dürfen dabei keine Taktik sein, um Menschen zu gewinnen. Dem gegenüber verlieren wir gerade viel Energie, weil wir mit binnenkirchlichen Diskussionen so beschäftigt sind. Wir drohen den christlichen Kurs, den Pfad Jesu zu verlassen, wenn wir die Nöte unserer Zeit nicht mehr wahrnehmen.

Liebe Schwestern und Brüder, auch im 21. Jahrhundert dürfen wir Trägerinnen und Träger des Lichtes Christi für diese Welt sein. „Die Kirche in der Welt wächst durch Anziehungskraft.“ – Papst Benedikt XVI. hat diese Aussage geprägt und Franziskus hat oft und gerne darauf zurückgegriffen. Bei der Erhebung dieses Gotteshauses zur Basilika minor wurde diesem Gebetsort eine solche Kraft zugesprochen. Ich kann nicht alle nennen und möchte nur einige Lichtpunkte nennen - stellvertretend für so viele unter Ihnen, die den Glauben hier lebendig halten: Wer an Ottobeuren denkt, hat wohl zwangsläufig das Bild dieses prächtigen Gotteshauses vor Augen. Dieses Kirchenschiff ist bereits vom Standort her prädestiniert dafür, Kristallisationspunkt des Glaubens für eine weitere Umgebung zu sein. Erweitert wird die Pracht durch die Vielfalt der Kirchenmusik, die auch heute dazu beiträgt, dieses Jubiläum festlich zu gestalten. Ausstrahlungskraft wird wörtlich genommen, wenn im Advent durch Euch, liebe Ministranten, zum „Lightfever“ eingeladen wird, um Menschen in der dunklen Jahreszeit mit dem Licht Christi in Berührung zu bringen. Die Ausstrahlungskraft unseres Glaubens ist auch außerhalb der Basilika spürbar: Vor kurzem berichtete mir eine Patientin, wie wohl sie sich in der christlichen Atmosphäre der Klinik Ottobeuren fühle – wohl ohne zu wissen, dass sich das Haus nicht mehr in kirchlicher Trägerschaft befindet: Lichtpunkte waren es für diese Frau, dass Sie einen Gottesdienst im Krankenhaus besuchen konnte, zu dem auch Gemeindemitglieder kamen, die Freundlichkeit des Personals und nicht zuletzt der Blick aufs Kreuz.

Und zu guter Letzt sei ein Ereignis erwähnt, das in Ihrem Jahreskreis fest verankert ist: Die feierliche Lichterprozession, die das Gnadenbild Unsere Liebe Frau von Eldern begleitet. Ihre Verehrung wird im Schreiben von 1926 von Papst Pius XI. ausdrücklich genannt. Unsere Liebe Frau von Eldern darf heute in neuem Gewand erstrahlen. Das zeigt allen, die die Basilika betreten: es ist kein Museum, es ist Ort lebendiger Hoffnung und gelebten Glaubens. Ich danke allen, die das Kirchenjahr über daran mitwirken. Möge Gott ihr Tun segnen und ihr Gebet fruchtbar werden lassen, damit auch im Jahr 2026 Menschen im Raum dieser Basilika das Licht Christi für ihr Leben entdecken. Und vergessen wir nie: „Die Kirche wächst durch Anziehungskraft.“

[1] Weiger, Josef: Maria. Die Mutter des Glaubens. Ein Betrachtungsbuch. Anweiler 42012.