„Um nicht zu vergessen. Porträts der Shoa - ein Projekt König Charles' III.“
Sehr geehrte Referentinnen und Referenten des heutigen Abends, sehr geehrter Herr Präsident Alexander Mazo, sehr geehrte Damen und Herren, es ist mir eine besondere Ehre, heute, am Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, als katholischer Diözesanbischof das Wort an Sie richten zu dürfen. Vor nunmehr 30 Jahren (1996) wurde dieser Tag bundesweit gesetzlich verankert. Nach den Worten des Historikers und Antisemitismusforschers Wolfgang Benz gehört „das Erinnern an den Hitlerstaat zum Wesenskern der Demokratie.“[1]
Wie sehr trotz aller wissenschaftlicher Anstrengungen in den Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung und auch der Aufteilung der personalen und finanziellen Ressourcen auf die Erforschung von zwei Diktaturen auf deutschem Boden gerade im letzten Jahrfünft die Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit der NS-Verbrechen immer weniger Rückhalt bei der jüngsten Bevölkerungsgruppe findet, zeigen die erschreckende historische Unkenntnis unserer Schülerinnen und Schüler ebenso wie das in gleichem Maße erstarkende rechtsextreme Gedankengut, das längst die Schwelle zu Drohgeste bzw. Verbalinjurie und auch zur diskriminierenden Gewalttat überschritten hat.[2]
Wir alle müssen uns also wieder neu die peinliche Frage stellen: Wie kommt es, dass unsere Erinnerungskultur scheinbar völlig wirkungslos verpufft?
Im Vorwort seines vor knapp einem Jahr erschienenen Buches „Zukunft der Erinnerung“ gibt Wolfgang Benz bereits zwei erste Hinweise auf die Ursachen. Er konstatiert: „Das spät begonnene Zeitalter öffentlichen Erinnerns an die
NS-Zeit hat mit der Professionalisierung des Gedenkens auch zur Ritualisierung und (…) zur Bürokratisierung geführt.“[3]
Beide Entwicklungen, so nachvollziehbar sie uns erscheinen, sind tatsächlich in ihren Auswirkungen fatal. Stehen sie doch der Intention und der Notwendigkeit sowohl der Wissensvermittlung über als auch des aktiven Gedenkens an die „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ während des NS-Regimes diametral entgegen. Doch wie lässt sich angesichts des immer kleiner werdenden Kreises von Zeitzeugen und der drohenden Musealisierung der Gedenkstätten, deren ohnehin schlechte Bauqualität nach fast neun Jahrzehnten eine nicht geringe Materialermüdung zeigt – aufgrund meiner häufigen Besuche in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz im Rahmen ehrenamtlicher Tätigkeit in der Maximilian-Kolbe-Stiftung weiß ich, wovon ich spreche – Wie lässt sich also angesichts des wachsenden zeitlichen Abstands zu dem Geschehen selbst die Erinnerung in Kopf und Herz besonders der nachgeborenen Generationen lebendig halten, zumal diese in einer Einwanderungsgesellschaft aufwachsen, deren Pluralität u. U. auch den Blick auf die deutsche Vergangenheit nivelliert[4]?
Diese Frage beschäftigt mich unter einem verwandten Blickwinkel auch als Vorsitzenden der deutsch-polnischen Kontaktgruppe, die von den Bischofskonferenzen beider Länder gegründet wurde, damit wir unsere nachbarschaftlichen Beziehungen pflegen und Mentalitätsunterschiede bzw. Unterschiede in politischen und gesellschaftlichen Belangen rechtzeitig und aktiv ansprechen und bearbeiten.
Wir haben es heute in fast allen Bereichen mit starken reaktionären Kräften zu tun, die auch vor Geschichtsklitterung und Verschwörungserzählungen, kurz: vor allen Arten von vorsätzlicher oder aus irrationalen Ängsten geborener Realitätsverzerrung nicht zurückschrecken und damit eine immer größer werdende Gefolgschaft rekrutieren. Unter diesen erschwerten Bedingungen nicht vom Kurs abzukommen, weder einzuknicken noch in inszenierten Aktionismus zu verfallen, ist sicher nicht leicht, aber unbedingtes Gebot der Stunde.
Deshalb bin ich den Veranstaltern des heutigen Abends, besonders dem stellvertretenden Leiter des Akademischen Forums, Herrn Frederic-Joachim Kaminski, dankbar, dass sie uns mit einer neuartigen künstlerischen Auseinandersetzung bekannt machen, nämlich der Porträtmalerei „im Kontext einer neuen Ikonographie der Shoa“, wie sie uns als ausgewiesener Kunstexperte Herr Dr. Class am Beispiel der Künstler-Modell-Beziehung von Massimiliano Pironti und Arek Hersh aufzeigen wird.
Ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie, Herr Pironti, der Einladung gefolgt sind, uns zu erläutern, wie Sie darauf kamen, ein so traditionsreiches Genre um diese sensible, in Teilen vielleicht sogar mit einem Tabu belegte Zeugenschaft zu erweitern. Unverkennbar ist damit, das offenbart bereits das gewählte Beispiel, die Dokumentation von Würde verbunden, nicht als Zuschreibung – denn das wäre Anmaßung, für die gerade gläubige Menschen ein feines Sensorium besitzen -, sondern als „Statement“, als nicht verhandelbare Klarstellung dessen, was Menschsein per se ausmacht.
Schließlich danke ich Ihnen, sehr geehrte Frau Professorin Wohl von Haselberg, dass Sie die schwierige Aufgabe übernommen haben, in diese komplexe, vielschichtige Thematik einzuführen, die eben nicht nur die Ratio bzw. die Cognitio anspricht, sondern, weil mit Scham und Schuld behaftet, auch uns Nachgeborenen mit der inzwischen wieder höchst konkreten Frage konfrontiert: Wie will ich, wie werde ich mich verhalten, wenn Menschen in meiner Umgebung stigmatisiert und ausgegrenzt werden, wenn Gewalt und Unterdrückung, ja gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zur Staatsdoktrin erklärt werden? – Ich wünsche allen einen erkenntnisreichen Abend!
[1] Wolfgang Benz, Zukunft der Erinnerung. Das deutsche Erbe und die kommende Generation. München 2025, S. 11.
[2] Vgl. die BR-Umfrage an bayerischen Schulen zu menschen- oder demokratiefeindlichen Vorfällen im Schuljahr 2024/2025: Hitlergruß im Klassenzimmer: Rechtsextreme Vorfälle an Schulen | BR24 (aufgerufen am 10.12.2025). Darin heißt es: „Um ein genaueres Bild der menschen- und demokratiefeindlichen Vorfälle an Schulen zu bekommen, fragten BR Recherche und BR Data drei verschiedene Kategorien von Vorfällen ab: Symbole und Parolen (z. B. Hakenkreuze, IS-Flagge, rotes Hamas-Dreieck), verbale und physische Gewalt (z. B. Mobbing, körperliche Übergriffe) sowie politische Einwirkung (z. B. Referate, Flugblätter, Aufkleber).
In allen drei Kategorien geben die meisten teilnehmenden Schulleitungen an, dass die Vorfälle mehrheitlich dem rechten politischen Spektrum zuzurechnen sind. Politisch links motivierte Vorfälle traten vor allem im Bereich der politischen Einwirkung auf. Ein religiöser Hintergrund spielte bei Vorfällen mit verbaler und physischer Gewalt eine Rolle.“
[3] Ebd., S. 12.
[4] Vgl. Benz‘ Darstellung der Kontroverse um das „Rahmenkonzept Erinnerungskultur“ von 2024, ebd., S. 17-19.