„Gott allein dienen und unheilvollen Versuchungen widerstehen“
Jedes Jahr wählt eine ökumenische Arbeitsgruppe eine sogenannte Jahreslosung für die christlichen Kirchen aus. Hätten Sie gewusst, wie diese heuer lautet? Ich helfe Ihnen: „Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 21,5) Diese Worte aus der Offenbarung des Johannes sind nicht nur die Verheißung einer endzeitlichen Neuschöpfung Gottes, sie passen auch gut zum Anlass des heutigen Dankgottesdienstes.
Denn wir alle können schon jetzt und hier auf Erden mitbauen am Reich Gottes, wenn wir dem Schöpfer die Ehre geben und unseren Mitmenschen Gutes tun. So haben Sie in Bernbach jüngst einen großartigen Beitrag geleistet, indem Sie die Pfarrkirche St. Johannes Baptist renoviert und, im wahrsten Sinne des Wortes, „wieder neu gemacht“ haben.
Von Herzen danke ich allen, die auf unterschiedliche Weise mitgeholfen haben, sei es durch Planung, Handarbeit oder Spenden. Durch die gelungene Generalsanierung erstrahlt diese „Wohnung Gottes unter den Menschen“ (Offb 21,3) in neuem Glanz: ein einladender Ort, inmitten der Gemeinde, an dem Glaubende wie auch Suchende Gott begegnen und miteinander beten können.
Darum bin ich heute gerne zu Ihnen gekommen, und möchte mit Ihnen über die eben gehörten Tageslesungen vom 1. Fastensonntag nachdenken. Alle drei Texte verbindet ein gemeinsames Thema: Versuchungen
1. Die Versuchung der Unerstättlichkeit
Die erste Lesung ist sehr bekannt: Es ist die Geschichte vom sogenannten „Sündenfall“ aus dem Buch Genesis, wo der Herr Adam und Eva verbietet, von den Früchten des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Verführt von der Schlange missachten die ersten Menschen Gottes Gebot und werden zur Strafe aus dem Paradies vertrieben.
Aus heutiger Sicht stellt diese Episode einen Versuch dar, theologisch zu deuten, warum wir Menschen auf der Erde mit all ihren Herausforderungen leben und letzten Endes sterben müssen. So hatte Gott dem biblischen Befund nach ursprünglich ein Leben ohne Not und Leid für uns vorgesehen. Offensichtlich aber reichte es dem Menschen nicht, „nur“ geliebtes Geschöpf zu sein. Von Anfang an wollte er „mehr“ und hörte auf die Einflüsterungen der Schlange, um „Gott-gleich“ zu sein (vgl. Gen 3,5). Die Folgen sind bekannt: Schmerz und Vertreibung, Schuld- und Schamgefühle.
Paulus wird später erklären, dass Adam hier stellvertretend für jenen Menschen steht, der der sündhaften Versuchung nicht widerstehen kann und so großes Unheil über sich selbst und andere bringt (vgl. Röm 5,12). Demgegenüber stellt er den Menschen und Gottessohn Jesus Christus, der den Verlockungen des Bösen NICHT folgt und im Glauben an Gott standhaft bleibt (vgl. Mt 4,1-11).
Was kann das für uns heute bedeuten?
Wir stehen am Beginn der österlichen Bußzeit und ich lade Sie ein, darüber nachzudenken, welchen Versuchungen wir in unserer modernen Welt täglich ausgesetzt sind, die uns körperlich oder seelisch in Gefahr bringen.
Da ist zum einen die „Versuchung des Brotes“, womit ich auf den Hunger Jesu in der Wüste und die erste Versuchung des Teufels anspiele (vgl. Mt 4,2-4). Für viele Menschen sind die kommenden Wochen eine Zeit, in der sie sich bemühen, etwas weniger zu essen – Fastenzeit. Das ist gut, da wir uns besonders in Deutschland mehrheitlich zu üppig und nicht selten ungesund ernähren. Es gibt aber noch andere Arten von Hunger: Neben dem Drang, Süßigkeiten, Alkohol oder Drogen zu konsumieren, leiden manche Menschen auch unter einem Konsumzwang, den sie teils gar nicht bemerken, bis das Geld knapp wird. Gerade das Internet und die Möglichkeit, bequem vom Sofa aus mit einem Klick alle möglichen Dinge zu erwerben, verleitet uns zu Impulskäufen, die oft unnötig sind. Die „Schlange“, welche uns hierbei verführt, verbirgt sich hinter einer immer gezielteren und persönlich auf uns zugeschnittenen Werbung. Der Onlinehandel boomt. Wussten Sie, dass in Deutschland jährlich über vier Milliarden Pakete bestellt und versendet werden, von denen im Schnitt jedes vierte wieder zurückgeschickt wird? Offensichtlich gibt es einen immensen „Hunger“ nach Produkten, die uns vermeintlich glücklicher machen, in Wirklichkeit aber oft nur beschweren.
Schauen wir daher auf die Genügsamkeit Ihres Kirchenpatrons, des heiligen Johannes des Täufers, von dem Jesus sagt, dass es keinen Größeren auf Erden gibt (vgl. Mt 11,11). Lassen wir uns von seinem einfachen Lebensstil inspirieren und unterlassen in den kommenden Wochen ganz bewusst Einkäufe, die nicht unbedingt sein müssen. Die Erfahrung zeigt, dass der materielle Verzicht in der Regel freier und innerlich glücklicher macht, was natürlich nicht für jene Menschen gilt, die unter extremer Armut leiden, und denen wir gerade in dieser geprägten Zeit helfen sollten.
2. Die Versuchung der Grenzüberschreitung
Eine zweite Versuchung sehe ich in der Grenzüberschreitung. Der Teufel will Jesus dazu bringen, sich freiwillig vom Tempeldach zu stürzen, da er ja Gottes Sohn ist und somit keinerlei Gefahr droht (vgl. Mt 4,6f.). Allein die Absicht, das Leben Jesu auf diese Weise gefährden zu wollen, zeigt die pure Böswilligkeit hinter diesem Vorschlag. Obwohl er die Macht dazu gehabt hätte, lehnt Jesus ab mit dem Verweis, dass man Gott nicht auf die Probe stellen soll.
Diese zweite Versuchung erinnert mich daran, dass es auch in unserem Leben Situationen gibt, in denen wir eingeladen sind, Grenzen zu überschreiten und ein bisschen „mit dem Feuer zu spielen“. Ich denke an Lügen und Ehebruch, Korruption und krumme Geschäfte, das Ignorieren moralischer und ethischer Grundsätze, beispielsweise in der Humanmedizin oder im Zuge der Digitalisierung. Überall da, wo der Mensch als Geschöpf entwürdigt und in seinen Beziehungen gefährdet wird, handeln wir nicht nur unchristlich, sondern schaden am Ende uns selbst.
3. Die Versuchung der Macht
Schließlich ist da noch die dritte biblische Versuchung, bei der Jesus sämtliche „Reiche der Welt mit ihrer Pracht“ (Mt 4,8) angeboten werden, wenn er nur den Satan anbetet. Welch ein tückisches und unheilvolles Angebot! Der Teufel als Sinnbild des Bösen weiß genau um die ureigene Schwäche der Menschen, nach Herrschaft und Besitz streben zu wollen. Dafür muss man übrigens kein machthungriger Politiker oder geldgieriger Geschäftsmann sein. Das fängt schon im Kleinen an: Wenn wir am Familientisch immer das letzte Wort und Recht behalten wollen. Wenn wir alles kontrollieren möchten und andere Meinungen nicht gelten lassen. Wenn wir Menschen zum eigenen Vorteil ausnutzen oder schlecht machen, um uns selbst zu erhöhen. In all diesen Fällen leben wir das Gegenteil von dem, was Jesus uns gelehrt und selbst vorgelebt hat: Gott allein zu dienen (vgl. Mt 4,10) und den Nächsten zu lieben.
Kirchengebäude wie die neu renovierte Pfarrkirche St. Johannes Baptist sind in erster Linie Orte für die Liturgie und das Gebet. Es sind aber auch Räume, in denen wir in Stille über unser Leben nachdenken können. Wie habe ich mich in letzter Zeit verhalten? Was war gut, und wo habe ich gefehlt, indem ich Versuchungen erlegen bin und Gottes Gebote bewusst oder unbewusst missachtet habe? Nutzen Sie die Gelegenheit und kommen Sie besonders jetzt, in dieser neu angebrochenen österlichen Bußzeit, hierher, um ihr Gewissen zu erforschen. Ich möchte in diesem Zusammenhang auch für die Beichte als heilsames Sakrament der Versöhnung werben. Haben Sie keine Angst davor, es mal wieder zu probieren! Es tut gut, Gott sein Herz auszuschütten, der kein unbarmherziger Richter ist, sondern uns in seinem Sohn Jesus Christus sein liebevolles Wesen gezeigt hat. IHM allein wollen wir dienen, seinem Beispiel folgen und uns redlich mühen, den Versuchungen des Alltags zu widerstehen. Dazu helfe uns der Heilige Geist!