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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier zur diözesanen Eröffnung der Misereor-Fastenaktion in der Erzabtei St. Ottilien

„Hier fängt Zukunft an“

01.03.2026 10:00

„Hier fängt Zukunft an“. Als ich dieses Motto der diesjährigen Fastenaktion von Misereor las, musste ich unweigerlich an das bekannte Zitat von Karl Valentin denken, der einmal schrieb: „Die Zukunft war früher auch besser.“

Mit dieser absurd verdrehten Aussage kritisierte der Münchner Kabarettist auf humorvolle Weise eine Weltanschauung, die immer die Zukunft schwarzmalt, während sie die Vergangenheit verklärt. Beides passt nicht zu einer christlichen Grundhaltung!

So lesen wir im heutigen Evangelium vom zweiten Fastensonntag auch von einer „Verklärung“. Diese aber will uns keineswegs dazu bringen, in Nostalgie oder gar Resignation zu verfallen. Vielmehr lässt uns die darin enthaltende Botschaft von der Göttlichkeit Jesu mutig der Zukunft entgegengehen, da wir im Glauben darauf vertrauen können, dass das Licht der Liebe Gottes am Ende immer stärker ist als alles Dunkel dieser Welt.

In dieser Zuversicht bin ich heute gerne nach St. Ottilien gekommen, um mit Ihnen die diözesane Eröffnung der Misereor-Fastenaktion 2026 zu feiern, und ich danke von Herzen allen, die dieses Fest vorbereitet haben. Nehmen wir das Motto zum Anlass, um die gemeinsame Zukunft positiv mitzugestalten.

Dazu können uns die Tageslesungen eine Hilfe sein, insofern sie von Menschen handeln, die sich von Gott haben leiten lassen, und dadurch den Weg in eine gute Zukunft für sich selbst und für andere gefunden haben. Drei Gedanken möchte ich Ihnen dazu anbieten, die ich mit den Worten überschrieben habe: Mit Gott gehen (1.), mit Gott leiden (2.), und mit Gott leuchten (3.) 

1. Mit Gott gehen

Mit Gott gehen – das klingt wie ein frommer Buchtitel. Was das jedoch konkret bedeuten kann, sehen wir in der ersten Lesung am Beispiel Abrahams, der damals noch „Abram“ hieß. Völlig unvermittelt bekommt er den Auftrag von Gott, seine Heimat zu verlassen und in ein fernes Land aufzubrechen (vgl. Gen 12,1). Wir wissen nicht, welche Gedanken sich der spätere Stammvater des Volkes Israel in dieser Situation gemacht hat. An anderer Stelle lesen wir aber, dass er „aufgrund des Glaubens“ (Hebr 11,8) dem Ruf Gottes gefolgt ist. Ohne Kenntnis, wie die Zukunft für ihn und seine Familie in einem fremden Land aussehen würde, hörte er auf seine innere Stimme und vertraute dem Heilswillen Gottes. Dadurch wurde er zum „Vater des Glaubens“ und Vorbild für die Gläubigen aller drei großen Weltreligionen (Juden, Christen, Muslime).

Was kann das für uns heute bedeuten?

Für mich verbirgt sich in dieser kurzen Geschichte eine Möglichkeit, wie wir konkret „mit Gott“ in die Zukunft gehen können. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass der Herr zu Abraham sagte, er solle zuerst sein Land, dann die Verwandt­schaft und schließlich das Vaterhaus verlassen (vgl. Gen 12,1)? Der Kreis wird demnach immer kleiner und es scheint, als ob die Bewegung eher nach innen statt nach außen geht. Da dies sicher kein Zufall ist, könnte folgende Botschaft darin verborgen liegen: Je größer die Ungewissheiten und Ängste hinsichtlich der Zukunft sind, desto wichtiger ist es, in sich zu gehen und im Gebet die Nähe Gottes zu suchen, der uns - wie damals Abraham - mit seinem Heiligen Geist begleiten möchte. Gerade in einer Zeit, die viele als zunehmend schnell­lebig und bedrohlich empfinden, brauchen wir den Beistand des Herrn, der uns in seinem Sohn Jesus Christus zuruft: „Fürchtet euch nicht!“ (Mt 17,7), wie wir es im heutigen Evangelium gehört haben. Es ist demnach weder notwendig noch hilfreich, wenn wir auf alles immer sofort reagieren, wie beispielsweise auch Petrus, der in gut gemeintem Aktionismus drei Hütten bauen will (Mt 17,4).

Zeigen uns nicht die Beispiele derzeitiger Staatslenker, wie nachteilig und schädlich es ist, wenn man stets nur aus der unmittelbaren Emotion heraus agiert und ohne nachzudenken Entscheidungen trifft?

In diesem Sinne ist Abraham, der ruhig bleibt und auf die Stimme Gottes hört, ein leuchtendes Gegenbeispiel zu den Autokraten dieser Welt, die vollkommen Ich-bezogen immer nur ihren eigenen Willen als letzten Maßstab ansehen und kompromisslos durchsetzen wollen, oftmals auf Kosten anderer. Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an den heiligen Ulrich, dessen Jubiläum wir erst kürzlich gefeiert haben. Dieser lehrte uns, dass „mit Gott gehen“ immer auch bedeutet, „mit dem Ohr des Herzens“ zu hören.

Damit komme ich zu meinem zweiten Gedanken:

2. Mit Gott leiden

Weltweit gibt es unzählige Menschen, die unter existentiellen Nöten und Ungerechtigkeiten leiden. Misereor lenkt heuer den Blick auf das Beispielland Kamerun: ein wunderschönes Land mit einer im Altersdurchschnitt sehr jungen Bevölkerung, die mit Sicherheit auch Träume hinsichtlich ihrer Zukunft hat. Leider aber ist diese durch verschiedene Faktoren ernsthaft gefährdet: Wir sehen gewaltsame Konflikte im Westen des Landes, Terrorismus durch die islamistische Organisation Boko Haram vor allem im Norden, Korruption, soziale Ungleichheit und große Fluchtbewegungen.

„Fängt hier Zukunft an“? könnte man fragen. Viele Frauen und Männer sind wütend, weil sie keinen ausreichenden Zugang zum Bildungs- und Gesund­heitswesen haben. Auch fühlen sie sich von den politischen Entscheidungs­prozessen ausgeschlossen oder finden keinen bezahlbaren Wohnraum. Angesichts solcher Probleme suchen die Menschen oft Halt im Glauben; sie finden ihn unter anderem in Bibelstellen wie der heutigen Lesung aus dem zweiten Timotheus-Brief, wo ebenfalls vom Leid die Rede ist (2 Tim 1,8b). Zwar geht es an dieser Stelle um Christinnen und Christen, die aufgrund ihrer Verkündigung in Bedrängnis geraten; die entscheidende Aussage dieser Stelle aber gilt gleichermaßen bis heute und für alle Menschen: Jesus Christus, der Sohn Gottes, kam als „Retter“ (2 Tim 1,10) auf die Erde, um besonders den Notleidenden zu verkünden, dass der Herr sie in seiner Gnade (vgl. 2 Tim 1,9) sieht, und ihnen mit seiner Kraft (2 Tim 1,8b) zur Seite steht. „Misereor“ – in diesem Namen spiegelt sich das ganze Wesen Gottes, der „Mitleid hat mit den Menschen“ (vgl. Mk 8,2). Gleichzeitig ruft er uns alle dazu auf, mitzubauen an seinem Reich des Friedens und der Gerechtigkeit. So ist es gut, wenn wir uns als Christgläubige informieren über die Situation der Menschen in anderen Ländern und helfen, wo es uns möglich ist.

Als Bischof von Augsburg, der auch in der Deutschen Bischofskonferenz für den Bereich Weltkirche zuständig ist, bitte ich Sie daher, die Fastenaktion von Misereor zu unterstützen, großherzig zu spenden und für die Glaubensge­schwister in Kamerun zu beten. Auch freue ich mich schon sehr darauf, im Anschluss an diesen Gottesdienst die Geschichte von unserem Gast, Pauline Maiday, zu hören. Durch die Hilfe von Misereor und dem Projektpartner vor Ort (Caritas Douala) kann sie der Zukunft heute deutlich zuversichtlicher entgegenblicken als früher, was mich zu meinem dritten Gedanken führt.

3. Mit Gott leuchten

„Mit Gott leuchten“. Noch einmal greife ich die „Verklärung Jesu“ aus dem Evangelium auf: Für einen Moment offenbart der Sohn Gottes hier seine Göttlichkeit in strahlendem Licht (vgl. Mt 17,2). Anschließend ermutigt er seine Jünger aufzustehen und keine Angst zu haben (vgl. Mt 17,7).

Kann dies nicht ein wunderbarer Impuls für uns in dieser Fastenzeit sein? Lasst uns gemeinsam innerlich aufstehen, Verzagtheit und Pessimismus ablegen, und trotz aller Herausforderungen mutig in die Zukunft gehen - im Vertrauen darauf, dass Jesus mit uns geht! Hören wir nicht auf die Stimmen jener, die uns einreden wollen, dass alles immer nur schlechter wird! Diese Leute bieten keine Lösungen an, sondern lösen Ängste aus, von denen sie selbst profitieren. „Leuchten“ wir mit Christus, indem wir seinem Beispiel folgen und uns als „Licht in der Welt“ (Mt 5,14) einsetzen für benachteiligte Menschen.

Wenn jeder einen Beitrag leistet, und sei er noch so klein, wird die Welt ein Stück heller, und es kann hier in St. Ottilien und weit darüber hinaus eine bessere Zukunft beginnen. Für die Menschen in Kamerun - und auch für uns selbst.