Die heilige Messe und das alltägliche Leben
„Wir können nicht auf unsere Versammlungen am Sonntag verzichten. Wir können nicht ohne das Mahl des Herrn leben.“ Dieses Bekenntnis mussten die Märtyrer von Abitina unter Kaiser Diokletian mit dem Leben bezahlen. Aus der Zeit der frühen Kirche haben wir viele Zeugnisse dafür, dass die Teilnahme an der sonntäglichen Eucharistie für die Christen Gütesiegel und Markenzeichen war. So sagte Bischof Ignatius von Antiochien, Christ sein heiße, nach dem Sonntag zu leben. Am meisten beeindruckt mich, wenn Nichtchristen feststellten, sie hätten die Christen daran erkannt, dass sie sich am Sonntag zum Herrenmahl versammeln.
Hand aufs Herz: Erkennt man auch unsere Gemeinden daran, dass sie sich an Sonn- und Feiertagen zur hl. Messe versammeln? Was ruft das Bekenntnis der ersten Christen in uns wach: Wir können nicht leben ohne das Mahl des Herrn? Ich will keinem zu nahetreten, doch ich wage die Behauptung, dass nicht wenige Katholiken sehr wohl meinen, ohne hl. Messe am Sonntag leben zu können.
Deshalb dürfen wir dankbar sein für einen Tag wie heute. Die Chrisammesse setzt ein Ausrufezeichen, dass die Kirche nicht leben kann ohne Sakramente, ohne Eucharistie; dass Gemeinden verhungern ohne das Brot des Lebens, dass ein Priester letztlich unterstützt, aber niemals ersetzt werden kann durch einen Laien. Noch so viele aktive Frauen und Männer geben keinen Priester ab.
Der Dienst des Priesters ist durch niemanden zu ersetzen, weil das, was Christus durch ihn tut, durch nichts ersetzt werden kann. Und dieser Dienst ist an erster Stelle der Dienst an der Eucharistie. Nirgends sonst wirkt der Priester so „an Christi statt“ (2 Kor 5,20), wie wenn er die hl. Messe feiert.
Wenn es um den priesterlichen Dienst geht, werden gern Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils zitiert: Dort wird das eucharistische Opfer „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ genannt (LG 11). „Beim Vollzug des Werkes der Heiligung sollen die Pfarrer dafür sorgen, dass die Feier des eucharistischen Opfers Mitte und Höhepunkt des ganzen Lebens der christlichen Gemeinde ist“ (CD 30). Die Eucharistie ist „Quelle und Höhepunkt aller Evangelisation“, die besonders den Priestern aufgetragen ist (PO 5). Nicht ausschließlich, aber doch auf besondere Weise sind Priester Diener der Eucharistie, „Eingeweihte“ in das Geheimnis des Glaubens schlechthin: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“
Sag mir, wie du die Eucharistie feierst, und ich sage dir, wie dein seelsorgliches Tun aussieht
Wir schauen auf den inneren Zusammenhang, der die Eucharistie mit dem geistlichen Leben und dem seelsorglichen Wirken des Priesters verbindet. Ich möchte den Blick schärfen für das Ineinander von lex credendi und lex vivendi. Diese ganzheitliche Sicht verhindert, dass der Priester eine „gespaltene Persönlichkeit“ mit getrennten Kompetenzfeldern wird: mit einer Liturgiekompetenz, um die Gläubigen in den Vollzug des Gottesdienstes mitzunehmen; einer spirituellen Kompetenz im Blick auf die persönliche Lebensführung und geistliche Begleitung; einer Leitungskompetenz, um eine Pfarrei bzw. Seelsorgeeinheit als mittelständischen Betrieb zu führen; und schließlich einer Sozialkompetenz für die praktische Seelsorgearbeit. Solche Aufspaltungen führen nicht weiter. Gerade der Priester braucht eine Mitte. Soll die Eucharistiefeier tatsächlich, wie die Texte des Konzils mehrfach betonen, Quelle des ganzen christlichen Lebens und der Evangelisierung sein, dann liegt es nahe, diese Quelle gerade für den Priester selbst, seine persönliche Spiritualität und sein seelsorgliches Handeln reicher fließen zu lassen. Ausdrücklich lade ich unsere Ständigen Diakone ein, aber auch die Frauen und Männer, die aus unseren Gemeinden in den Dom gekommen sind, mit mir über den Zusammenhang zwischen der Feier der hl. Messe und dem Alltag nachzudenken.
Sich öffnen und hören
Auf einen ersten Aspekt weist die Alltagserfahrung in der Seelsorge hin: Bei einem Besuch sitze ich eine Zeit lang still da und höre nur zu, welche Sorgen und Ängste meinen Gesprächspartner belasten. Ein Kopfnicken oder eine kurze Nachfrage sind die einzigen Beiträge des Seelsorgers. Und doch bedankt sich das Gegenüber herzlich für das hilfreiche Gespräch. Die Fähigkeit, sich einem anderen zu öffnen, hineinzuhören, was ihn bewegt und umtreibt, ist durchaus nicht selbstverständlich. Doch ist sie eine Grundvoraussetzung, damit Seelsorge überhaupt gelingen kann. Der Wort-Gottes-Teil der Eucharistiefeier ist eine „Hörschule des Glaubens“. Es ist sicher kein Zufall, dass eines der ersten bedeutenden Werke von Karl Rahner den Titel trägt: „Hörer des Wortes“ .
Es geht darum, wach in das Wort Gottes hineinzuhören, das Wort im eigenen Herzen zu bewegen und es zu bewahren (Lk 2,19.51). Auf diese Weise hat der Wortgottesdienst von seinem Wesen her immer eine marianische Note. Dieser Anspruch, marianisch zu sein, trifft den, der das Wort Gottes verkündet, zuerst. Die Anforderung an den Priester beschreibt das Konzil so: „Das Volk Gottes wird an erster Stelle geeint durch das Wort des lebendigen Gottes, das man mit Recht vom Priester verlangt.“ Es ist „die erste Aufgabe der Priester als Mitarbeiter der Bischöfe, allen die frohe Botschaft Gottes zu verkünden.“ Die Weltsynode 2023/24 setzt diese Linie fort, wenn sie das Ziel einer synodalen Kirche weniger in Strukturreformen als vielmehr in der Evangelisierung sieht.
Abgeben und Hingeben
Zu den schmerzlichen Erfahrungen in der Seelsorge gehört, dass wir hinter den hohen Ansprüchen zurückbleiben. Die Seelsorgeeinheit ist „ein Fass ohne Boden“, in der immer mehr und vieles besser gemacht werden könnte. So bleibt z. B. nach der Begleitung eines Brautpaares, nach einem Taufgespräch oder nach der Erstkommunionvorbereitung meist nur die Hoffnung, dass die Mühen doch nicht ganz umsonst waren und die Menschen später Anknüpfungspunkte finden für neue Zugänge zum Glauben und zur Kirche.
Mit diesen Erfahrungen geht das Wissen des Seelsorgers einher, selbst nicht der große Held oder „Showmaster“ oder Tausendsassa sein zu können. Begrenzte Fähigkeiten, mangelnde Belastbarkeit, persönliche Schwächen, die vielleicht keiner merkt, und eine verborgene Sehnsucht nach „Mehr“ (magis) können Zweifel über den eigenen Weg aufkommen lassen.
Wie gut, dass es die Gabenbereitung gibt! Mit „der Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit“ tragen wir das Bündel an Freude und Leid, an Problemen und Schwierigkeiten vor Gott und bieten es ihm an. Mit den Gaben von Brot und Wein darf der Priester mit der Gemeinde das Leben vor Gott stellen, es darbringen, abgeben, sich selbst hingeben. So ist gerade die Gabenbereitung ein Akt des Abgebens und der eigenen Entlastung. Damit das nicht nur eine Formel bleibt, ist es wichtig, die Riten der Gabenbereitung bewusst zu vollziehen. Sprechen Sie die Gebete auch einmal laut!
Noch einen anderen konkreten Tipp gibt uns der hl. Papst Johannes Paul II. Von ihm wird erzählt, dass er bei der Gabenbereitung kleine Zettel mit Gebetsanliegen unter das Korporale zu legen pflegte. Eine echte Entlastung!
Wandlung geschehen lassen
Wie oft steht ein Seelsorger vor den Nöten eines Menschen und denkt: „Da hilft nur noch ein Wunder“. Solche Erfahrungen stellen ihn vor einen geistlichen Scheideweg. Entweder wird er in Zweifel, Angst oder Wut stecken bleiben, oder er wird sich letztlich der Führung Gottes anvertrauen. Der zweite Weg mündet in eine Haltung, die Paulus in die Worte fasst: „Der Herr antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht (…), die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2 Kor 12,9-10).
In dieser Haltung erfassen wir den Sinn der „Wandlung“: Gott nimmt mein Leben in die Hand und führt mich auf einen Weg, der meinem Heil und dem Heil derer dient, die mir anvertraut sind. Ich muss und darf an mir etwas geschehen lassen, ohne dass ich es selbst „machen“ könnte. Jesus Christus wird nicht durch menschliche „Manipulation“ gegenwärtig gesetzt, sondern er selbst „motu proprio“ erfüllt seine Zusage und schenkt seine Nähe.
Diese alleinige Wirkmacht Jesu Christi drückt sich liturgisch so aus, dass die Worte und Gesten des zelebrierenden Priesters bis ins Detail festgelegt sind. Dabei handelt es sich nicht um eine kleinliche Rubrizistik, sondern um das Eingeständnis: Wir sind nicht „Herstellende“, sondern nur „Darstellende“. Wir können uns nur als Werkzeuge der Gnade und als Empfangende verstehen. Wir haben das Wasser unseres Lebens in Krüge gefüllt und müssen Gott überlassen, dieses Wasser in köstlichen Wein des Heils zu verwandeln (vgl. Joh 2).
Das wird auch in der Dramatik des Hochgebetes deutlich. Mit den Worten der Epiklese übergibt der Zelebrant die Wirkmacht seiner Hände dem Heiligen Geist. Er kann nur noch „in persona Christi (capitis)“ handeln, was weder Arroganz noch Anmaßung bedeutet, sondern Entmachtung und Demut. Denn die Berechtigung zur Feier der Eucharistie erlangt der Priester nicht durch den Magister der Theologie, sondern durch den Empfang der hl. Weihe.
Empfangen
Eine weitere Dimension kommt hinzu: Leben aus der Quelle der Eucharistie bedeutet, zum Empfangenden zu werden. Zunächst klingt im Wort vom „Empfangen“ Passivität und Geschehen-Lassen mit. Doch bedeutet diese Art des Empfangens auch höchste Aktivität. Ich soll meinen Drang, alles in die Hand zu nehmen und die Zügel meines Lebens und Arbeitens für die Gemeinde in der Hand zu behalten, überwinden. Ich darf fähig werden, mir etwas schenken zu lassen. In der Eucharistiefeier wird das „handgreiflich“ durch den Empfang der Gaben: Brot und Wein gebe ich dran, und ich empfange dafür den Leib und das Blut Christi, den Herrn höchstpersönlich.
Es gibt ein schönes Jesuswort, das nur die Apostelgeschichte überliefert: „Geben ist seliger als Nehmen“ (Apg 20,35). Bei der Eucharistiefeier wird dieses Motto umgedreht: Nehmen ist seliger als Geben. Auch als Priester, der der Gemeinde gegenübersteht, bin ich zuallererst selbst Empfänger des Leibes Christi. Den Primat des Empfangens erfährt der Priester immer wieder, etwa bei Krankenbesuchen. Wie oft verabschiedet sich der Seelsorger vom Kranken, beeindruckt von dessen Stärke und dadurch selbst gestärkt in seinem Dienst. Von ganz einfachen Leuten können wir uns oft viel abschauen: Bei ihnen dürfen wir in die Schule gehen. Das heißt: Wir werden zu Empfangenden, die sich selbst bereichert und angenommen fühlen dürfen.
Sich senden lassen
Der letzte Ritus der Eucharistiefeier ist die Aussendung der Christen, die durch das Wort des Lebens und das Brot des Lebens gestärkt wurden. In Frieden sollen sie hingehen zu ihren alltäglichen Aufgaben in Familie, Beruf, Gesellschaft und zum Apostolat in ihrem Lebenskreis. „Weil jede Gabe Gottes zur Aufgabe wird und zu einem Leben des Dankes und zur Weitergabe der göttlichen Botschaft und Gnade verpflichtet, hat man das ‚Ite, missa est’ in Anlehnung an das lateinische Wort ‚missio’ gelegentlich auch als Sendung verstanden, etwa in dem Sinn: ‚Geht, eure Sendung beginnt’.“
Das „Gehet hin in Frieden!“ spricht der Priester (oder Diakon) zunächst als Gegenüber zur Gemeinde. Doch gilt diese Sendung auch ihm selbst. Wie Jesus Christus von sich sagt: „Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21), so ist der Sprecher der Sendungsworte Gesandter. Die letzten Worte der Eucharistiefeier sind für den Priester Erneuerung jener Sendungsworte, die ihm bei seiner Priesterweihe zugesprochen wurden. Wie die Gottesdienstteilnehmer hinaus gesandt werden in ihre Lebenswelt, so geht er selbst gesegnet und gesandt an die Arbeit im Weinberg des Herrn.
Liebe Brüder, viele von Euch feiern seit Jahren und Jahrzehnten Eucharistie. Ich danke Euch für Eure Treue. Sie hat Spuren in Euch hinterlassen. Immer mehr seid Ihr in die Tiefe der Eucharistie hineingewachsen. Eucharistie geschieht nicht nur im Gotteshaus, sondern auch draußen im Haus der Welt. Es gibt auch eine Messe vor der Messe und nach der Messe: die Messe des Alltags. Wie sagte schon Joseph Ratzinger als Kardinal: „Der Priester bringt Christus zu den Menschen, und die Menschen zu Christus.“ Liebe Brüder, freuen wir uns über unsere Berufung und vermeiden wir alles, was zur Gewöhnung und Abnützung führen kann. Die Freude am Herrn ist unsere Kraft! (vgl. Neh 8,10)