SPUREN DES HEILIGEN HEUTE. Alltagsreflexionen – Reflexionssplitter – Deutungsversuche
Vortragsabend mit dem Wiener Dogmatiker Prof. Dr. Jan-Heiner Tück am Donnerstag, 12. Februar 2026
Momentan wird eine wachsende religiöse Indifferenz in der Gesellschaft festgestellt. Es scheint, als fehle nichts, wo Gott fehlt. Doch ist die Sehnsucht des Menschen nach Gott wirklich verglüht? Gibt es nicht auch in den beschleunigten Lebenswelten von heute Spuren des Heiligen: Momente, in denen der säkulare Horizont über sich selbst hinausweist, Erfahrungen menschlicher Selbsttranszendenz, die klar machen, dass das, was ist, nicht alles ist? Diese Fragen bildeten den Ausgangspunkt für einen Vortragsabend im Akademischen Forum mit Professor Dr. Jan-Heiner Tück, Dogmatiker an der Universität Wien.
In einem ersten Vortrag „Ist Gott heute nicht mehr gefragt?“ wurden die tektonischen Verschiebungen des religiösen Feldes beleuchtet. Kirche und Theologie haben die Aufgabe, auch in den religiösen Transformationsprozessen das schlummernde Gottespotential des Menschen zu wecken.
Dazu benannte der Referent vier Transformierungsprozesse in Religion und Theologie:
Säkularisierungsthese der 60er/70er: Rückgang der Religion in moderner Gesellschaft aufgrund der wissenschaftlich-technischen Fortschritte.
Individualisierungsthese: Formen einer unsichtbaren Religion im Privaten neben der Erosion kirchlicher Institutionen.
Pluralisierungsthese: Vielfalt von Weltbildern und Lebensformen tragen zu einer „Verbuntung“ der religiösen Landschaft bei.
Modell der Ökonomisierung: Vielfalt der religiösen Angebote belebt die Konkurrenz, erhöht die Professionalität der religiösen Dienstleistungen und steigert die Vitalität von Religion.
Als Antwortmöglichkeiten auf diese Transformationsprozesse zitierte Jan-Heiner Tück das Buch von Jan Loffeld „Wo nichts fehlt, wo Gott fehlt“, der in den „vielfältigen und in sich sehr komplexen Indifferenz- und Säkularisierungsphänomenen eine der größten Herausforderungen für das Christentum des 21. Jahrhunderts“ sieht.
Tück benannte schließlich Stimmen aus der Literatur, die dem Verlust von Religion und Glauben, entgegen treten: Suche nach der Anwesenheit des Abwesenden, dem verborgenen „Mysterium der Fülle“ (John Fosse). Mit Blick auf den Holocaust und den Gewalttaten in der Welt: „Wir brauchten Gott, der nicht vergißt!“ (Sibylle Lewitscharoff). Tomas Hürlimann der von „metaphysischen Antennen“ spricht.
Mit dem Verweis auf Augustinus: „menschliche Suche nach gelingendem Leben findet nur in Gott sein Ziel“ sowie darauf, dass es kein Christentum ohne Christus gebe – etwa in der alleinigen caritativen humanitären Sorge um den Menschen – schloss Tück seinen ersten Vortrag.
In einem zweiten Vortrag wurden verstreute Spuren des Sakralen in der Kultur der Gegenwart aufgewiesen, die für suchende Zeitgenossen ein Sinnangebot enthalten, dem es nachzugehen lohnt. Hierzu stellte der Referent „drei Miniaturen“ vor:
Der offene Himmel – die Bruder-Klaus-Kapelle von Peter Zumthor in Mechernich-Wachendorf.
Der Blick der Gnade – Michelangeolos Pieta gesehen mit den Augen von Robert Hupka.
In Gegenwart des Dritten – Peter Handke über das Versprechen der Liebe.
Dr. Robert Schmucker