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Predigt von Bischof Bertram in der Abteikirche Neresheim anlässlich der Wallfahrt nach Maria Buch

Sich auf die Begegnung mit Gott einstellen

31.05.2026 10:00

Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern und Brüder, wie bereitet man sich am besten auf die Begegnung mit Gott vor? Wenn Sie bei dieser Frage gleich an den Ernstfall, nämlich den Moment des Todes, denken, dann ist das sicher richtig und heilsam für die eigene Selbstreflexion. Tatsächlich aber begegnen wir Gott ja auch in all unseren Gottes-Diensten, die nicht umsonst so heißen, und ganz schlicht, aber wohl am wichtigsten für die persönliche Glaubensentwicklung: Wir treten vor ihn hin im Gebet.

Genau das tut Moses in unserem heutigen Lesungstext. Seit seiner Berufung am brennenden Dornbusch ist der Herr, der Gott Israels, sein existentielles Gegenüber, sein wirkliches „Du“. Das Buch Exodus überliefert uns intensive, teilweise heftige und konfliktreiche Gespräche zwischen Gott und Mose. Denn auch wenn Mose trotz anfänglichem Widerstreben – „Aber bitte, Herr, ich bin keiner, der gut reden kann, weder gestern noch vorgestern, noch seitdem du mit deinem Knecht sprichst“ (Ex 4,10) – immer mehr zu einem echten Gesprächspartner in dieser ungleichen Beziehung wird, er weiß, dass seine Rolle als Anführer des Volkes und Vermittler des göttlichen Auftrages für die Israeliten seine eigenen Kräfte weit übersteigt.

Die Erfahrung, die Moses mit Gott in unmittelbarem Kontakt macht, gibt er auch seinem Volk weiter: Wie für einen die Persönlichkeit des Einzelnen formenden Lernprozess üblich, ist das gegenseitige Kennenlernen von stetem Auf und Ab, von Nähe und Abstoßung, Zorn und Liebe geprägt. Wer hier zu früh die Geduld verliert oder wem schwindlig wird, wenn er auf der Mitte des Berges, den Mose zu Gott erklimmt, nach unten schaut, der bringt sich selbst um die beglückende Erfahrung einer solch innigen Beziehung zwischen Mensch und Gott. Sie drückt sich auch darin aus, dass Mose mit einem so strahlenden Antlitz vom Gebet kam, dass seine Mitmenschen geblendet wurden und er sich angewöhnte, einen Schleier vors Gesicht zu legen!

Es ist aber sicher kein Zufall, dass gerade die Langmut, der lange Atem, neben Gnade und Barmherzigkeit als zentrale Eigenschaft des Gottes Israels immer wiederkehrt. Gott und Mensch brauchen Geduld miteinander – das ist der Preis der Freiheit, die uns geschenkt ist. Sie alle kennen das aus Ihrer Kindheit: Das Durchleben von sog. Trotzphasen in den ersten Jahren ist ganz wichtig, um zu einem „eigenen Kopf“, einer eigenen Meinung zu kommen. Auch wenn es die Eltern an den Rand der Verzweiflung bringt, wenn ihre entzückende Kleine oder der muntere Dreikäsehoch das strikte „Nein“ zum aktuellen Lieblingswort erkoren haben!

Mose erweist sich schließlich als diplomatischer Fürsprecher, wenn er bittet: „Wenn ich Gnade in deinen Augen gefunden habe, mein Herr, dann ziehe doch, mein Herr, in unserer Mitte! Weil es ein hartnäckiges Volk ist, musst du uns unsere Schuld und Sünde vergeben und uns dein Eigentum sein lassen!“ (Ex 34,9). Für heutige Ohren mag der Wunsch, „lass uns dein Eigentum sein“, seltsam, ja vielleicht skandalös unterwürfig klingen. In unseren Breiten sind wir davon überzeugt, dass Demokratie und Menschenrechte nicht mit einer Sklavenhaltergesellschaft vereinbar sind. Das ist gut und richtig – und dennoch wäre es unaufrichtig, wenn wir die Augen davor verschlössen, dass auch wir - global gesehen - am langlebigen Netz sozialer Ungerechtigkeit einen großen Anteil haben.  

Doch die Bitte des Mose reicht tiefer. Sie zielt auf eine tragfähige, nie mehr in Frage gestellte Beziehung zwischen dem ewigen Gott und seinem Volk Israel. Denn er hat am eigenen Leib erfahren: Gott hat das Flehen seines Volkes gehört, führt es unter großen Anstrengungen und Wundern aus dem Sklavenhaus Ägypten ins gelobte Land und gibt ihm eine neue Zukunft. Unermüdlich werden die Propheten in der Nachfolge des Mose diese befreiende Botschaft durch die Jahrhunderte tragen, wie der Prophet Jesaja: „Jetzt aber - so spricht der HERR, der dich erschaffen hat, Jakob, und der dich geformt hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir!“ (Jes 43,1)

Dies ist das Fundament, auf dem Jesus von Nazareth aufbaut. Die Worte, die wir im Evangelium hörten, richtet er an Nikodemus, der ihn nachts aufsucht, um Licht in die Dunkelheit seiner Zweifel zu bringen: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ (Joh 3,16)

Die Angst, verloren zu gehen, begleitet uns Menschen von klein auf. Wie oft konnte man früher, als es in den Städten noch Kaufhäuser gab, die Durchsage hören: „Der kleine Michael sucht seine Eltern oder: die dreijährige Andrea kann im 1. Stock in der Damenabteilung abgeholt werden.“ Mir jedenfalls ist dies noch im Ohr und ich spüre gleichzeitig mein damaliges Mitleiden mit den weinenden Kindern…

Oder denken Sie an die Zeit des Heranwachsens: Wie wichtig war und ist es bis heute, Freundinnen und Freunde zu haben, in der Schulklasse und im Sport­verein, im Chor und auch in den Social Media gesehen und „gelikt“ zu werden; an den Wochenenden gemeinsam etwas zu unternehmen und erste Experi­mente in der Selbstständigkeit zu machen. Wir können diesen Gedanken bis ins hohe Alter weiterspinnen, ja, da gilt erst recht: Wenn die geistigen und körperlichen Kräfte nachlassen, wenn sich Desorientierung und Misstrauen ausbreitet, dann muss aktiv der Vereinsamung entgegengewirkt werden, damit sich ein Mensch geborgen und angenommen weiß.

Im Hebräischen bedeutet das am häufigsten verwendete Wort aman, das wir mit „glauben“ übersetzen, zuerst einmal „sich festmachen in einem anderen; fest, sicher, treu, beständig sein“ und genau mit diesem „Amen“ bekräftigt man eine Aussage oder ein Versprechen.[1] Wer glaubt und sich festmacht, unterhält und pflegt eine Beziehung. Darin gibt es keinen Unterschied zwischen der Beziehung zu Gott oder zu einem Menschen. Ich trete in Kontakt, ich lasse mich ansprechen und gehe in Resonanz. Eine Beziehung verändert mich, weil sie mich aus der Reserve lockt, mich in Frage stellt, mir neue Horizonte eröffnet. In einer respektvollen Beziehung kann ich mich entfalten und vieles an mir sogar neu entdecken…

Vielleicht haben Sie sich schon gefragt, wie denn in unserem Wallfahrts­gottesdienst, den wir am letzten Tag des Marienmonats Mai feiern, der Drei­faltigkeitssonntag noch zu seinem Recht kommt. Doch wir müssen diese gedankliche Linie nur konsequent ausziehen, wie sie zu Beginn des Johannesevangeliums bereits aufscheint. Es heißt dort: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1,18).

Als Christen verehren wir einen Gott, der in sich eins und doch Beziehung ist. Diese Beziehung, die überströmende Liebe, die auch die gesamte Schöpfung umfasst, benennen wir als Heiligen Geist. Deshalb wünscht Paulus in seinem Brief gerade eben der Gemeinde in Korinth nicht nur einfach den Segen Gottes, sondern bekräftigt: „Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“ (2 Kor 13,13)

Was uns die Geschichte des Volkes Israel lehrt, ist dies: „Gott macht im Zuhören den Menschen groß“ (Gotthard Fuchs), er nimmt ihn ernst und führt ihn „hinaus ins Weite“ (Ps 118).

Das, liebe Schwestern und Brüder, ist eine Einladung, sich in Bewegung zu setzen, so wie es Wallfahrer tun, wenn sie frühmorgens in der Dunkelheit auf­brechen, das Ziel vor Augen und doch in der Ungewissheit, was ihnen auf dem Weg wohl begegnet. Leben heißt unterwegs sein – diese einfache Wahrheit hat Papst Franziskus mit seinem Anstoß zum Synodalen Prozess wieder in Erin­nerung gerufen. Lassen wir uns also herausrufen, aus der Komfortzone, weg von den „Fleischtöpfen Ägyptens“ (Ex 16,3) – im Vertrauen darauf, dass der alles umfassende Gott uns hilft: beim Festhalten an ihm, der die Treue und Zuverlässigkeit, die Nähe und Liebe in Person ist.

Möge die Gottesmutter uns dabei eine mächtige Fürsprecherin sein.

[1] Vgl. Glauben_Begriffe in der Bibel – Katholisches Bibelwerk unter: www.bibelwerk.de

Lesungen: Ex 34, 4b.5-6.8-9; 2 Kor 13,11-13; Joh 3,16-18