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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier am Hochfest des ersten Bistumspatrons in der Basilika St. Ulrich und Afra

„Setzen wir weiterhin auf analoge Begegnung!“

04.07.2026 10:18

„Löscht den Geist nicht aus!“, bittet Paulus die Gemeinde in Thessaloniki und zwei Sätze weiter gibt er einen Rat, der immer aktuell bleibt: „Prüft alles und behaltet das Gute!“

Heute haben nicht wenige von uns den Eindruck, dass die Komplexität der Welt, die digitale Vernetzung auch der Mächtigen dieser Erde und die blitz­schnelle Information von allen Winkeln des Planeten den einzelnen Menschen zunehmend überfordern. Müsste ich nicht Tag und Nacht online sein, um nichts zu verpassen und wirklich mitreden zu können? Aber wie soll das zu schaffen sein, vor allem wenn ich auch noch damit rechnen muss, dass ich zum Narren gehalten werde und Deep-Fakes mit und ohne KI-Beteiligung auf den Leim gehen könnte?

Es wäre jedoch ein Trugschluss zu glauben, dass früher alles besser oder gar leichter gewesen wäre.

Zu jeder Zeit hatten sich Menschen damit auseinanderzusetzen, dass Frieden und Gerechtigkeit nie als Dauerzustand, sondern immer nur anteilig zu haben sind - und allzu oft zum Preis vieler Menschenleben. Allerdings: Früher war detailliertes Wissen um Naturkatastrophen und globale Krisenherde oder auch um die Ziele derer, die ihre Macht zu Eroberungen und Kriegen missbrauchten, weltweit recht gering, bis gar nicht vorhanden. Das Gros auch der euro­päischen Bevölkerung hatte keine andere Wahl, als sich auf Familienerlebnisse und kursierende Gerüchte zu verlassen, und es konnte das eigene Schicksal je nach Herkunft und politischer Lage kaum beeinflussen. Bis heute sind Millionen von Menschen auf der Welt in dieser unwürdigen Situation völliger Ohnmacht!

Gleichzeitig konkurrieren derart viele Informanten und Informationskanäle miteinander wie noch nie in der Geschichte, so dass hierzulande die Zahl derer, die bewusst auf regelmäßige Nachrichten verzichten, zunimmt. Doch es war noch nie sinnvoll, den Kopf in den Sand zu stecken. Im Gegenteil: Als Chris­tinnen und Christen sollten wir alles auf den Prüfstand stellen und je nach unserer gesellschaftlichen Verantwortung beherzt gegensteuern. Papst Franziskus hat wiederholt auch die jungen Menschen aufgerufen, die Komfort­zone zu verlassen und sich für mehr Gerechtigkeit, mehr Menschenwürde und mehr Frieden einzusetzen. Es kommt auf jeden einzelnen von uns an!

Andererseits hat das Internet auch das Phänomen der Echokammer und der sog. Bubbles, der Meinungsblasen, hervorgebracht, in denen Menschen der Gefahr erliegen, die Wirklichkeit zu ignorieren, sich in Verschwörungsmythen einzuspinnen oder sich eine zweite, nicht selten gewaltbereite Identität zuzulegen. Weil wir soziale Wesen sind, nach Ansehen und Anerkennung streben, zu einer Gemeinschaft gehören wollen – deshalb ist es so wichtig, dass wir nicht zulassen, dass ein Mensch in unserem persönlichen Umfeld vereinsamt oder vor dem digitalen Endgerät buchstäblich verkümmert.

„Löscht den Geist nicht aus!“ Das diesjährige Motto der Ulrichswoche meint auch: Setzen wir alles daran, dass wir, dass Du und Ich, immer mehr unser Menschsein entfalten, dass wir die Talente und Charismen, die Gott uns mitgegeben hat, zum Blühen bringen und denen aufhelfen, die schwächer sind als wir.

Schauen wir auf das Menschenbild Christi, das uns im heutigen Evangelium entgegentritt: „Wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde ein. Du wirst selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten“ (Lk 14,13f.). Die am gesellschaftlichen Rand rückt Christus in die Mitte – ohne Wenn und Aber. Weil er in ihnen das Ebenbild seines Vaters erkennt und eben nicht - wie viele Menschen damals und leider auch heute wieder - abfällig über diejenigen spricht, die ein schweres Los zu tragen haben.

Vom heiligen Ulrich berichtet sein zeitgenössischer Biograph, wie behutsam und liebevoll er sich als Bischof gerade den Armen zuwandte, weil er mehr sah als das Vordergründige. Er vertraute der Verheißung Jesu: „Was ihr dem geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25). Selbstverständlich ist der Gastgeber dann aufgefordert, für innere und äußere Barrierefreiheit zu sorgen. Denn es wäre zu einfach zu meinen, ein Mann wie Ulrich, aus dem Hochadel, der mit Kaisern und Königen zu Rate saß, hätte nicht auch widerstreitende Gefühle in sich verspürt. Doch dass er sich von Kindheit an daran gewöhnte, den, wie wir heute sagen, ‚inneren Schweine­hund‘ zu überwinden, und sich allen Menschen ohne Unterschied zuwandte, das macht ihn bis heute zu einem Vorbild ersten Ranges.

Hören wir kurz hinein in die Vita des Heiligen: „Was (bei Tisch) aufgetragen wurde, nahm er mit Freude entgegen und teilte es mit größter Fröhlichkeit an die aus, die bei ihm waren, in Erinnerung an das Apostelwort, (…): ‚Einen freudigen Geber liebt Gott.‘ Jedem nämlich gab er das, von dem er glaubte, dass er es am liebsten nahm“ (Vita I, 4, 28ff.). Trauen auch wir uns, mit Selbstbewusstsein und Kreativität uns gegen den Strom der Gleichgültigkeit, ja sogar der Hassrede zu stellen. Schweigen wir nicht zur Unzeit, wenn es gilt, die Menschenwürde eines anderen zu verteidigen oder Stereotype und Klischees zu entlarven, mit denen pauschal ganze gesellschaftliche Gruppen diskriminiert werden.

In seiner ersten Enzyklika Magnifica humanitas, die der Künstlichen Intelligenz als Thema gewidmet ist, schreibt Papst Leo XIV. „Pflegen wir Beziehungen! (...) Die digitale Kultur vervielfacht Verbindungen und bietet neue Möglichkeiten der Begegnung; dennoch bewahrt das menschliche Herz ein unverzichtbares Bedürfnis nach Nähe. Ich lade dazu ein, an Orten und Zeiten festzuhalten, wo die physische Anwesenheit zählt: am gemeinsamen Tisch, in der christlichen Gemeinschaft, die sich versammelt, beim Besuch einsamer Menschen und im Dienst an den Armen. Dies sind Zeichen einer Menschlichkeit, die weiterhin daran glaubt, dass jeder Leib Tempel des Heiligen Geistes und Wohnung Gottes ist“ (Magnifica humanitas, Nr. 239).

„Löscht den Geist nicht aus“ heißt dann auch: Setzen wir nicht nur auf digitale Beziehungen, sondern pflegen wir auch weiterhin analoge Begegnung. Achten wir beim Sprechen, in der Wortwahl, in Mimik und Gestik darauf, dass wir nicht unter unserer Würde agieren, sondern beherzigen, was der Völkerapostel seiner jungen griechischen Gemeinde empfahl: „Weist die zurecht, die ein unordentliches Leben führen, ermutigt die Ängstlichen, nehmt euch der Schwachen an, seid geduldig mit allen! Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergilt, sondern bemüht euch immer, einander und allen Gutes zu tun! Freut euch zu jeder Zeit! Betet ohne Unterlass! Dankt für alles“ (1 Thess 5,14-18).

Das ist das Geheimnis des heiligen Ulrich und der heiligen Afra, das Geheimnis des Gottessohnes Jesus Christus, dass sie wussten, welches Veränderungs­potential darin liegt, wenn ich mich selbst zurücknehme und dem anderen als Ebenbild Gottes die Ehre gebe!

Schon jetzt wünsche ich Ihnen allen, dass Sie nach dem Gottesdienst mit Freude die Ulrichsminne empfangen und auf seine Güte und Menschenfreund­lichkeit anstoßen – um sie nachzuahmen! So sei es – Amen.