Loben – segnen - verkündigen
Seit 982 nach Christus ist dies ein Ort der Gemeinschaft und des Gebets, so schildert es die hauseigene Chronik. Wie Dominikus selbst, so war dieses Kloster zunächst den Augustinerchorherren angehörig, ehe es nach der Aufhebung zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Jahr 1865 von Schwestern des von Dominikus gegründeten Predigerordens wieder belebt wurde.
Wer die Klosteranlage Wettenhausen von außen umrundet, dem springen an der Ostfassade drei Türme ins Auge. Dahinter verbirgt sich das geliebte Zuhause der Dominikanerinnen - die Klausur, in die Sie, liebe Schwestern, nach der mehrjährigen Bauphase nun wieder zurückkehren konnten. Passen diese drei Türme nicht gut zum dominikanischen Motto „laudare – benedicere – praedicare“? Nicht zu übersehen ist da noch ein vierter Turm, der zur Kirche Mariä Himmelfahrt gehört; vor ihm wirken die anderen drei wie bescheidene Türmchen. Der Kirchturm steht für Christus. Gott ist der souverän Handelnde. Die Lesung aus dem Epheserbrief hat uns das in einer geradezu kosmischen Dimension verkündet. Noch ehe die Welt war, da hat er, der dreifaltige Gott, uns schon geliebt. Die bereits erwähnte Trias ist die dominikanische Antwort auf diese Liebe. Loben, segnen, verkündigen - das ist ein willkommener Dreiklang für eine Festtagspredigt.
Schauen wir im Licht der heutigen Lesungen darauf:
1. Gott loben
Wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt (Eph 1,12), so ist es im Epheserbrief formuliert. Welche Herrlichkeit uns im Himmel einmal erwartet, können wir nur erahnen. Wie ein visueller Vorbote mögen manch einem Betrachter im Inneren des Klosters die reichen Verzierungen aus Wessobrunner Stuck erscheinen. Ich erinnere an die Aussage von Herrn Staatsminister Weimer, der das Kloster Wettenhausen bei seinem Besuch im Juni als „Schatzkiste der deutschen Kulturgeschichte“, als „Barock-Kleinodium“ bezeichnet hatte. Davon können Sie sich heute bei der Besichtigung selbst überzeugen.
Als Christen haben wir das große Glück, dass wir uns nicht mit einem visuellen oder theoretisch-theologischen Vorgeschmack begnügen müssen. So schön beides ist, unser Glaube setzt noch eines drauf: Wir müssen unsere Hoffnung nicht auf eine ferne Zukunft vertagen, sondern das Reich Gottes beginnt jetzt und hier, in dieser Welt, mitten in unserem Alltag. Jetzt schon dürfen wir den Gott erkennen, der Mensch geworden ist. Die Begegnung zwischen den beiden schwangeren Frauen Maria und Elisabeth lehrt uns: diese Erkenntnis bringt Freude. Aus dieser Freude resultiert das große Lob Mariens über ihren Gott: das Magnifikat. Es zählt zum täglichen Gebetsschatz der Kirche. Rufen wir uns die Szene im Bergland von Judäa in Erinnerung, wann immer wir es beten. Es ist die erste Begegnung zwischen Johannes und Jesus. Johannes hüpft vor Freude, als Jesus sich ihm nähert. Und an der Freude ihres Kindes erkennt auch Elisabeth: es ist der Herr (vgl. Lk 1,43)! Das Kind, das ihre Cousine Maria unter ihrem Herzen trägt: es ist der Herr! Der Epheserbrief bezeichnet das Lob Gottes als eine Aufgabe des Menschen. In Maria und Elisabeth, in ihrer Hingabe und Freude erkennen wir die Urbilder der Kirche für diesen Auftrag Gottes, der den Menschen nicht knechtet, sondern ihn erfüllt und freisetzt. Die Begegnung mit Gott hat ein Loblied hervorgerufen, das bis heute widerhallt, und wir dürfen miteinstimmen, wenn wir unsere Herzen dafür öffnen.
2. Mitmenschen segnen
Wer Gott erfahren hat, der möchte seine Freude darüber teilen. Das Segnen der Mitmenschen ist eine Form, die Freude weiterzugeben. Freude braucht Freiheit, sie kann nicht angeschafft werden. Wer segnet, will nichts vom anderen. Bene-dicere, Gutes sagen und ich denke, der hl. Dominikus hätte nichts dagegen, wenn wir ergänzen: Gutes tun. Bis heute assoziieren selbst nicht-religiöse Menschen mit Klöstern die Schlagworte Gebet und Gastfreundschaft. Ihnen in Wettenhausen liegt das Gebet für die Mitmenschen sehr am Herzen.
Das haben Sie zuletzt dadurch zum Ausdruck gebracht, dass Sie alle im Gebet getragen haben, die in irgendeiner Form bei der Sanierung beteiligt waren: von den Geldgebern bis hin zu den einzelnen Arbeitern vor Ort. Segen liegt aber auch auf den unzähligen Gesprächen, die im Kloster zwischen Schwestern und Besuchern stattfinden, die ein offenes Ohr brauchen - sei es gezielt oder spontan. Wie rar sind solche Gelegenheiten für viele Menschen geworden. Unterschätzen wir die Wirkung nicht! Ein Segen dürfen wir alle überall dort sein, wo wir Wachstumsprozesse begleiten und fördern: an Schulen, im Noviziat, in Betrieben, Familien und Vereinen, in der klösterlichen und kirchlichen Gemeinschaft. Ihr schöner Klostergarten führt es uns vor Augen: Gutes Wachstum braucht Führung, Pflege, Geduld und Zeit. Und so Gott es uns schenkt, dürfen wir dann eine reiche Ernte voller gesunder und schöner Früchte genießen. Solch ein Wachstum wünschen wir auch Ihrer klösterlichen Gemeinschaft, zum Heil derer, die hier ihre Berufung leben, aber auch aller, die mit diesem Kloster in Verbindung treten.
3. Das Wort Gottes predigen
Den Verkündigungsdienst der Kirche, der vom Glaubenszeugnis des Einzelnen lebt, haben alle Getauften inne. Liebe Schwestern, die Teilnahme am lebendigen Gottesdienst Ihres gemeinschaftlichen Lebens hat bereits Verkündigungscharakter. Ich bestärke Sie darin, die Klosterpforten auch weiterhin für alle Interessierten offen zu halten, damit sie durch Ihr Beten mithineingenommen werden in den Lobpreis und die Erkenntnis Gottes. Wo aus einem Gespräch tieferes Interesse erwächst, wo Menschen Orientierung suchen und offen sind für Glaubensfragen, da sind wir in der Verantwortung, Rede und Antwort zu stehen (vgl. 1 Petr 3,15). Das persönliche Glaubenszeugnis muss heute dringend ergänzt werden durch eine Katechese für Menschen unterschiedlichsten Alters, die sich dem Glauben gegenüber neu oder erstmals zuwenden. Ein Kloster bietet personell wie räumlich beste Voraussetzungen dafür. Vergelt´s Gott, liebe Schwestern, dass Sie das Anliegen der Evangelisierung im 21. Jahrhundert ernst nehmen und auch so diese Mauern mit Leben zu füllen wissen. Wo wir Menschen auf Wege der Gotteserkenntnis führen wollen, da muss unsere Unterweisung wahrhaftig und gütig zugleich sein. Oftmals können wir nur mutig vorausgehen und Hinweise geben auf altbewährte Wegweiser. Wir sind Mitarbeitende in dem Weinberg, in dem Gott selbst „alles so bewirkt, wie er es in seinem Willen beschließt“ (Eph 1,11). Die einzigartige Beziehung zwischen dem Schöpfer und jedem einzelnen Menschen ist unserem Zugriff verwehrt. Berufung bleibt immer auch Geheimnis, rufen wir uns das umso mehr ins Bewusstsein, wo wir im Alltag gemeinschaftlich in der Nachfolge Christi stehen. Der Herr schenkt Freude und gewährt Freiheit; tun wir es ihm gleich, wann immer wir Menschen mit dem Anspruch des Evangeliums konfrontieren.
Bei Gott steht der Mensch von jeher im Zentrum. Ist es andersherum auch der Fall? Steht Gott im Zentrum unseres Lebens? Der herrliche Anblick dieser klösterlichen Schatzkiste soll uns daran erinnern, dass wir gerufen sind, Gott zu loben, einander zu segnen und seine Botschaft in die Welt zu tragen. Mögen wir vertrauensvoll Antwort geben auf den Ruf Gottes, der an uns ergeht - im Wissen, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht (Röm 8,28). Amen.
Schriftlesungen: Eph 1,3-6.11.12; Lk 1,39-47