Literarisches Kolloquium im Akademischen Forum mit Prof. Dr. Otto Betz am 21. Juni 2013
DER VERWEGENE GOTT
Mit den Dichtern in die existenziellen Fragen des Lebens eintauchen konnten die Teilnehmer eines Literarischen Kolloquiums, zu dem das Akademische Forum ins Haus St. Ulrich eingeladen hatte. Welche Sprache für Gott, für den Glauben und den Lebenssinn haben Rainer Maria Rilke, Werner Bergengruen und Ulla Hahn? Diese deutete der Theologe und Religionspädagoge Prof. Otto Betz.
Den größten Raum gab der Referent Rainer Maria Rilke (1875–1926). „Sein Leben lang war er ein Wartender, ein Lauschender“, beschrieb ihn Betz. Rilke sei es nicht darum gegangen, „schöne Worte“ zu formulieren, sondern einen Weg zu finden, um aufmerksam zu machen auf die „innere Sprache“ des Menschen, um das „Ergriffensein von Gott“ fruchtbar zu machen.
Auf der Schaukel am Ast des festen Halts
Im Bewusstsein, dass, wer von Gott spricht, einen Horizont eröffnet, „der mehr aus Fragen besteht, als aus Antworten“, greift Rilke auf Bilder zurück. Etwa auf das alte Bild vom Spiel. Im Gedicht spricht Rilke „von der ewigen Mitspielerin“, die dem „Fänger“ (dem Menschen) in einem Bogen einen Ball zuwirft. Gott wird hier zum Brückenbauer. Im Bild des Hin und Her einer Schaukel, wird die Polarität des menschlichen Daseins gezeichnet. Aufgehängt an einem Ast, der ihr Halt verleiht, steht die Schaukel für das Urvertrauen, das in jeden Menschen eingesenkt ist. Auch greift Rilke das Strömen eines Flusses auf. „Ein Bild für die Zeit oder die Ewigkeit?“, fragte Otto Betz und führte den Gedanken weiter: „In der Zeit ist ein Hauch von Ewigkeit.“
Werner Bergengruen (1892– 1964) ist als Dichter fast in Vergessenheit geraten. Betz nannte ihn einen „begnadeten Erzähler“, der in seinen Novellen und Romanen menschliche Schicksale beschrieben hat. Bergengruen, der selbst „Risse und Abgründe“ in seinem Leben gesehen, ja die Schatten der Depression kennengelernt hat, habe in seiner Dichtung die Welt nicht beschönigt. Gleichwohl sei bei ihm „eine verborgene Zustimmung da, die Vertrauen möglich macht“, erläuterte Betz. Der Dichter sei davon überzeugt gewesen, dass es ein „tief gelegenes Zentrum im Menschen gibt, zu dem wir keinen Zugang haben“.
Immer wieder neu muss sich der Mensch erfinden
Wesentlich bei Bergengruen ist laut Otto Betz der Gedanke, dass Gott dem Menschen Freiheit und Raum gibt. Für diese „Verwegenheit“ gilt es, Gott zu rühmen. „Im Kleinsten sah das Höchste ich verpfändet“, sagt Werner Bergengruen in seinem Gedicht „Vergilbte Jahre“ als Schlüsselsatz, der die Freude über die Schöpfung ausdrückt. Mit Symbolen, den „elementarsten wie Wasser, Brot und Wein“, gibt Bergengruen in seinem Gedicht „Unersättlich“ der existenziellen Suche des Menschen, dem Hunger nach dem, was über sein Dasein hinausgeht, einen Ausdruck. „Das hat wirkliche Tiefen!“, so Betz über diesen theologischen Gedanken.
Auch die Erfahrung des Ringens, des Immer-wieder-sich-neu-Erfindens wird zur Sprache gebracht. So lässt Ulla Hahn (geb. 1946) in ihrem Buch „Das verborgene Wort“ teilnehmen an der Entwicklung eines jungen Menschen. In dem Roman mit autobiografischen Zügen wird klar, was es heißt, einen Menschen (den Großvater) an der Seite zu haben, der beim Hineintasten in die Welt hilft. Ulla Hahns Schreiben sei, so Betz, von der Gewissheit getragen, dass Dichtung es vermag, in ihre Zeit hinein zu sprechen.
© Gerlinde Knoller
Augsburger Allgemeine Zeitung vom 25. Juni 2013, Seite 30