Glaube braucht Bekenntnis
Königliche Hoheit, sehr geehrter Herzog Franz, liebe Schwestern und Brüder in Christus, als ehemaligem Pfadfinder der DPSG ist mir Ihr Ordenspatron, der hl. Georg, von Kind an vertraut. Vermutlich gibt es bis heute keinen katholisch sozialisierten Jungen, der sich nicht von dem Heiligen mit der Ritterrüstung und dem Drachen begeistern ließe.
Überraschenderweise reißen aber die beiden Schrifttexte, die unsere Kirche diesem in der gesamten Christenheit verehrten Märtyrer zugedacht hat, einen völlig anderen Horizont auf: Es sind Texte, deren Metaphorik mit Wein und Wasser unmittelbar zum Geheimnis der Eucharistie hinführen. Überraschend ist das deshalb, weil diese Verbindung zwischen dem Allerheiligsten Altarsakrament und einem Miles Christianus, wie der hl. Georg einer war, sich nicht sofort erschließt. Doch auf den zweiten Blick eröffnen sich Zusammenhänge, die es zu bedenken lohnt.
Ein Christ, eine Christin versteht sich selbst nie als nur weltimmanent. Wir sind im Gegenteil davon überzeugt, dass wir - wie das Mensch gewordene Gotteswort - „nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Joh 1,12). Die meisten von uns sind sicher als Säuglinge getauft, doch entbindet uns das nicht, als erwachsene, mündig gewordene Menschen die Zugehörigkeit zu Christus aktiv einzuholen. Was unsere Eltern und die Paten versprochen haben, das müssen wir aus ganzem Herzen selbst sagen, es muss unser Fleisch und Blut werden: Christianus sum. Dreimal wurden während der Verfolgungszeit in den ersten Jahrhunderten die Christen nach ihrem Glauben gefragt und nach dreimaligem Bekenntnis hatten sie sich in den Augen der römischen Behörden selbst das Todesurteil gesprochen.
Wir dürfen dankbar sein, von einer solch existentiellen Hingabe an Christus bisher verschont zu sein. Doch es ist gerade einmal 80 Jahre her, dass Christen beider Konfessionen im Widerstand gegen eine Übermacht ideologisch verblendeter und erbarmungsloser ‚Herrenmenschen‘ ihr Leben riskierten und nicht selten verloren, weil sie es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnten, Mitläufer und Mittäter zu sein.
Entscheiden wir uns für Christus, werden wir, wie es die Offenbarung verheißt, eine „neue“ Schöpfung. Unser Leben erhält Maß und Ziel; die Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe wird gestillt. Sicher: nicht so offensichtlich, wie dies in der Liebe zwischen zwei Menschen erkennbar wird, aber doch so, dass der einzelne, wenn er ‚dranbleibt‘, mit Paulus „dazu fähig (wird), die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt“ (Eph 3,18).
In diesem Sinne sprach Karl Rahner schon Mitte der 60er Jahre die Prophezeiung aus, die inzwischen zum geflügelten Wort geworden ist: „Der Fromme von morgen wird ein ‚Mystiker‘ sein, einer, der etwas ‚erfahren‘ hat, oder er wird nicht mehr sein.“[1] Diese ernste These unmittelbar nach Beendigung des II. Vatikanischen Konzils ließ aufhorchen. Sie wirkte wie ein Dämpfer inmitten der Aufbruchsstimmung, in der sich damals die Kirche befand. Heute, fast 60 Jahre danach, gibt es wohl niemanden mehr, der Rahner nicht zustimmen und gleich die Frage hinterherschieben würde: Gibt es sie wirklich, solche Frommen, solche Zeugen und Jüngerinnen Jesu Christi?
Millionen Menschen haben in den letzten Jahren der Kirche den Rücken gekehrt und erstmals rechnet sich auch in Deutschland nicht mehr eine Mehrheit einer der beiden großen Konfessionen zu. Wenn Ausgetretene ihren Glauben weiterhin leben wollen, was nicht unmöglich ist, aber sehr viel schwerer als in Gemeinschaft, dann verzichten sie - in den meisten Fällen - auf den Empfang der Sakramente. Dies bedeutet längerfristig oft eine Schwächung der persönlichen Glaubenspraxis.[2]
Denn, wie es die Bildrede im heutigen Evangelium illustriert: Als Glaubende hängen wir an IHM, dem lebendigen Weinstock. Wie die Reben vom Stamm, so bekommen wir nur durch Christus und mit ihm und in ihm unsere Lebenskraft. Im Idealfall wissen wir um diese Abhängigkeit und empfinden sie mit Paulus dankbar als „Gnade“ (vgl. 1 Kor 15,10)! Gleichzeitig hat wohl schon jede und jeder von uns die Erfahrung gemacht: Wenn ich diese Zugehörigkeit in mir nicht wachhalte, wenn ich der Beziehung zu Christus nicht Zeit und Kraft widme – sei es durch regelmäßiges Gebet und den Besuch des Gottesdienstes oder durch persönlichen Einsatz unter Menschen in Not, die mir das Gesicht des leidenden Christus zeigen –, dann lockert sich die Verbindung, die Nährstoffkanäle verstopfen und vielleicht braucht es, um im Bild zu bleiben, gar nicht mehr den göttlichen Winzer: die Rebe verdorrt von selbst am blühenden Weinstock!
Ein Leben für und mit Christus setzt eine lebendige und wachsende Beziehung zu ihm voraus. Paulus umschrieb dies mit dem Satz: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20) und die Mystikerin Teresa von Avila (1515-1582) empfand sich, nach ihrer Ganzhingabe an den Gekreuzigten als „bewohnt“. Sie hatte wie die Apostel, wie der hl. Georg und der hl. Franz von Assisi, um nur einige zu nennen, affektiv und existentiell das „Pro me“ entdeckt. Sie öffnete sich für die Liebe Gottes und spürte, wie Jesus wahrmacht mit seiner Verheißung: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen“ (Joh 14,23).
Vor einigen Wochen haben wir Ostern, das Fest der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus, gefeiert. Was in unserer aufgeklärten Welt nicht selten als Märchen abgetan wird, gehört zum unaufgebbaren Kern unseres Glaubens: Wir haben das wahre Leben noch vor uns! Dies ist der Hintergrund des geheimnisvoll zeitenthobenen Dialogs, den wir eben in der Lesung gehört haben: „Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu. Und er sagte: Schreib es auf, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr! Er sagte zu mir: Sie sind geschehen. Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende.“ (Offb 21,5f). Gott spricht und es geschieht – darauf dürfen wir unsere Hoffnung setzen, wie es der hl. Georg getan hat und bis heute alle Menschen, die um Christi willen diskriminiert, verfolgt und getötet werden.
Wie können wir diesen Glauben, diesen Durst nach Leben und Gerechtigkeit in uns wachhalten? Viele Erfahrungsschichten lagern sich im Laufe eines Lebens in der Seele ab, versperren vielleicht auch den Zugang zur „Quelle, aus der das Wasser des Lebens strömt“ (Offb 21,6). Als Wesen, die vor allem über die Sinneswahrnehmungen Wirklichkeit erleben, neigen wir allzu gern dazu, das Sichtbare über das Unsichtbare, das Laute über die Stille usw. zu stellen. Wer sich jedoch auf Christus einlässt, für den dreht sich mit dem früh verstorbenen Dichter Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, das Ganze um: „Alles Sichtbare haftet am Unsichtbaren, das Hörbare am Unhörbaren, das Fühlbare am Unfühlbaren. Vielleicht das Denkbare am Undenkbaren.“[3] Sicher: Es ist alles andere als leicht, in der Geschäftigkeit, der Reizüberflutung und in den Sorgen unserer krisenhaften Zeit den Blick nach innen zu lenken, dorthin, wo Gott wohnt. Und doch ist genau dies unsere Aufgabe, dies das Vorbild, das der hl. Georg und die tiefgläubigen Menschen aller Jahrhunderte uns gegeben haben. Denn die Treue zu Christus lässt die Welt in einem anderen Licht erscheinen.
Der erst vor wenigen Monaten verstorbene Papst Benedikt XVI. hat 2011 einen Begriff geprägt, der seither kontrovers diskutiert wird, aber ein Phänomen benennt, das uns als Christen unmittelbar angeht. Ich meine die „Entweltlichung“. Wenn wir von der Entweltlichung der Kirche sprechen, dann ist damit weder eine weltfremde noch eine weltvergessene Kirche gemeint. Im Gegenteil: Unser Ziel muss sein, als Salz und Sauerteig in die Welt hineinzuwirken. Das bedeutet: Die Bereitschaft, sich zu distanzieren, ist Voraussetzung dafür, sich profiliert zu engagieren.
Das Wort, das Paulus an die Römer schrieb, ist also aktueller denn je: „Gleicht euch nicht dieser Welt an!“ (Röm 12,2) Martin Luther übersetzt plastisch: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich!“ Das Gegenteil von Entweltlichung ist Verweltlichung. Wo Kirche und Welt ineinander aufgehen, macht sie sich verzichtbar. Wenn die Welt von der Kirche dominiert wird, besteht die Gefahr des Gottesstaates, der Theokratie. Und wenn die Kirche von der Welt verschluckt wird, ist sie stromlinienförmig; auf Dauer macht sie sich überflüssig. Sie hat ausgedient. Kirche = Welt; Welt = Kirche: Diese Gleichung geht nicht auf und sie darf nicht aufgehen, wenn wir nicht das Herzstück unseres Glaubens, wie es z.B. in der Vaterunserbitte „Dein Reich komme“ zum Ausdruck kommt, aufgeben wollen.
In einer multireligiösen und multikulturellen Welt wie der heutigen ist es notwendig, dass man sich seiner Herkunft und seines Standpunktes, mit einem Wort: seines Propriums/Profils bewusst ist und es auch je nach Lebenssituation immer wieder gedanklich und sprachlich neu zu fassen sucht. Der Glaube, wie er in Schrift und Tradition grundgelegt ist, lebt vom Vor-Leben, aber natürlich auch vom Weitersagen. Das erfordert Dolmetscherfähigkeiten: nicht nur hinsichtlich der alten, ehemals heiligen Sprachen, sondern auch, was die Lebenswelt der Menschen betrifft. So mag in einer Weinbaugegend das heutige Evangelium noch selbstverständlich durch die Erfahrung gedeckt sein, vermutlich wachsen dort auch die Kinder mit diesem vertrauten Anblick auf. Doch was machen Menschen, die in Dürregebieten leben? Ist es nicht zynisch, ihnen mit diesem Gleichnis vermitteln zu wollen, dass jeder einzelne von ihnen ein von Gott geliebtes Geschöpf ist?
Ganz abgegriffen, so scheint mir, ist in unseren Breiten die Rede vom Hirten und den Schafen. Wie oft erreichen mich Briefe, wo Menschen ihrem Unmut äußern und sich weigern, „ein Schaf“ zu sein, das eines „Oberhirten“ bedarf! Müssen wir deshalb das Evangelium auf den Prüfstand stellen und ein bereinigtes Evangelium, Gospel light, propagieren? Gott bewahre uns davor! Nein, solche Schwierigkeiten wollen offensiv angegangen werden. Ich empfehle, was der 1. Petrusbrief rät: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15).
Nur, wenn der Glaube nicht ein beliebiges Add-on bleibt, sondern unser Leben von innen heraus bestimmt, das Rückgrat unserer Wertvorstellungen und die Quelle unser Lebensfreude ist, dann wird unser Christsein verständlich. Unser Auftrag bleibt, die Freundschaft mit Gott zu pflegen, das Sakrament seiner Ganzhingabe, die Hl. Eucharistie, zu empfangen und das Vertrauen in uns zu nähren, dass SEINE Verheißung wahr wird – wenn wir dazu bereit sind: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in Euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten. Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet“ (Joh 15,7f.). Heiliger Georg, bitte Du für uns, dass wir uns nach dem Bilde Gottes umgestalten lassen. Amen.
[1] Karl Rahner, Frömmigkeit heute und morgen. In: Geist und Leben, Würzburg: Echter1966, S. 326-342, hier: S. 335.
[2] Ausnahmen wie die Glaubensbiografie der ungetauften französischen Philosophin Simone Weil (+ 1943) bestätigen wohl eher die Regel.
[3] Novalis, Fragmente II, Traktat vom Licht: 2120, unter: Fragmente II (projekt-gutenberg.org)