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Predigt von Bischof Bertram beim Großen Gebetstag um die Seligsprechung der Dienerin Gottes Therese Neumann in Konnersreuth am 18.09.2023

„Ich habe vom Heiland gelebt“

18.09.2023 20:00

„Wer ist Therese Neumann?“ – diese Frage stellte sich Luciano Berra, als er vor knapp hundert Jahren in Italien von dem bayerischen Bauernmädchen hörte, das angeblich den Heiland selbst vor sich gesehen habe.

Als einer der ersten überquerte er die Alpen, um herauszufinden, was es auf sich hatte mit dieser geheimnisvollen jungen Frau, über die alle redeten. Wie viele andere machte er dann eine Erfahrung, die ihn innerlich tief bewegte. Denn die Begegnung und die Gespräche mit der „Resl von Konnersreuth“ waren – wie später bei dem von den Nationalsozialisten ermordeten Journalisten Fritz Gerlich – wichtige Wendepunkte in seinem Leben. Überzeugt davon, dass Gott sich im Leiden und in der Demut dieser einfachen Schneiderstochter zeigte, schrieb er ein Buch mit dem Titel „Augen, die den Heiland sahen“[1].

Heute, 92 Jahre später, bin ich als Bischof von Augsburg gerne der Einladung von Pfarrer Benedikt Leitmayr gefolgt. Zwar nicht über die Alpen, aber zumindest über die Bistumsgrenzen hinweg bin ich zu Ihnen ins Stiftland gekommen, um beim Großen Gebetstag für die Seligsprechung der Dienerin Gottes neu über diese Frage nachzudenken: „Wer ist Therese Neumann?“ Oder vielleicht besser: Was hat sie uns heute zu sagen? Um eine Antwort zu finden, ist für mich ein Aspekt entscheidend: Christliche Existenz bzw. christlicher Glaube ist nicht so sehr ein Fürwahr-Halten von Botschaften, sondern eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus, dem „lieben Heiland“, wie ihn Therese Neumann gern nannte. IHM begegnen wir in der heiligen Eucharistie (1), von und aus dem Glauben an IHN hat Therese Neumann gelebt (2), und ER ist es auch, der unserem Leben heute Orientierung geben kann (3).

 

1. Jesus – das Heil der Welt in der Eucharistie

Schauen wir auf die Anfänge der Kirche wie sie uns die Apostelgeschichte (vgl. Lesung Apg 2,42-47) beschreibt. Fünf Dinge sind es, die nach Lukas die Urgemeinde in Jerusalem auszeichneten: Das Festhalten an der Lehre, ein Leben in Gemeinschaft, das gemeinsame Gebet, die Gabe der Heilkraft und ganz zentral: das Brechen des Brotes, das gleich zweimal erwähnt wird (Apg 2,42.46). Die ersten Christen hatten demnach nicht vergessen, was Jesus ihnen kurz vor seinem Tod aufgetragen hatte: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19) Sie erinnerten sich daran, wie Jesus beim letzten Abendmahl das Brot nahm, es brach und als „seinen Leib“ deutete. Im Rückblick konnten sie im Heiligen Geist die alles übersteigende Botschaft des Herrn erkennen: Er selbst – Gottes Sohn – gibt sich hin für uns und zu unserem Heil. Am Kreuz ließ er sich als Mensch brechen, damit alles, was bei uns gebrochen ist, wieder geheilt wird. Stellvertretend für uns nahm er alle Schuld der Menschheit auf sich, damit wir mit Gott versöhnt werden. Dadurch wurden wir erlöst und können wahre Freude empfinden (vgl. Joh 15,11), denn Jesu Hingabe am Kreuz zeigt, wie sehr Gott uns Menschen bis zum heutigen Tag liebt. Damit wir daran glauben und uns immer wieder erinnern können, hat er uns das Zeichen des gebrochenen Brotes hinterlassen.

So kamen die Mitglieder der Jerusalemer Gemeinde im Gedenken an Jesu Tod und Auferstehung regelmäßig am ersten Tag der Woche zusammen, um miteinander Mahl zu halten und Gott zu loben. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus unsere heutige Eucharistiefeier: Wir sagen Dank für Jesu Heilstat am Kreuz. Dabei handelt es sich aber nicht nur um eine reine Erinnerungsfeier. Was viele Menschen heute nicht mehr glauben können, ist fundamental für unseren katholischen Glauben: In diesem kleinen Stück Brot begegnet uns Jesus Christus LEIBHAFTIG! Er selbst IST das „Brot des Lebens“ (Joh 6,35), das uns innerlich erfüllen und Frieden in der Seele schenken kann. Auch die ersten Christen haben das nicht gleich verstanden, weswegen der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth kritisiert, dass einige das heilige Brot, anfangs noch im Rahmen von Sättigungsmählern – heute würden wir sagen beim Abendessen - ohne entsprechende Einstellung und „unwürdig“ (1 Kor 11,27) zu sich nahmen. Wir könnten uns an der Stelle fragen, wie wir nachher dem Herrn entgegentreten, wenn wir die heilige Kommunion empfangen. Haben wir uns ausreichend innerlich vorbereitet? Schon früh jedenfalls wuchs eine hohe Ehrfurcht vor dem Leib des Herrn, in dem - verborgen für die Augen, aber im Glauben erfassbar - das Heil der Welt liegt. Eine, der das zeit ihres Lebens bewusst war, ist Therese Neumann. 

 

2. Therese Neumann – „Ich habe vom Heiland gelebt“

Christlich erzogen wollte sie schon mit vierzehn Jahren Missionsschwester werden, um das Evangelium in die Welt zu tragen. Sie nahm Kontakt auf zu den Missionsbenediktinerinnen in Tutzing im Bistum Augsburg. Dann kam der erste Weltkrieg. Der Vater wurde eingezogen; Therese musste auf dem elterlichen Hof mitarbeiten - täglich harte Arbeit, weswegen einige die vielen Stürze und Gebrechen, die sich in den folgenden Jahren ereigneten, auch auf die körperliche Überanstrengung zurückführten. Dramatisch wurde es im Jahre 1926, als Therese nach mehreren Krankheiten nicht mehr in der Lage war, Nahrung aufzunehmen. In dieser Zeit größter Not betete sie zu Gott und wurde erhört. Sie überlebte nach eigenen Angaben 35 Jahre lang nur durch die Hilfe des Herrn, der sie nährte: „Nach meiner Überzeugung und meinem Wissen lebe ich vom sakramentalen Heiland, der in mir …bis kurz vor der nächsten Kommunion verbleibt.“[2]. Ich will nicht auf die amtlichen Untersuchungen zu der wundersamen Nahrungslosigkeit eingehen, die damals von kirchlicher Seite eingeleitet wurden. Kardinal Michael Faulhaber, der Erzbischof von München, sagte in einer Predigt vom 6. November 1927: „Wenn sie (Therese) wirklich keine Nahrung zu sich nimmt und von der heiligen Kommunion lebt, dann wäre das göttliche Wort vom Brote des Lebens neu bewiesen.“[3]

Unabhängig von der Frage nach derlei „Gottesbeweisen“ scheint mir ein Punkt wesentlich wichtiger zu sein: Resl von Konnersreuth lebte in einer besonders innigen Beziehung zu Jesus Christus und erfuhr dadurch Lebenskraft aus dem Glauben. In bestimmten Phasen ihrer Visionen hatte sie das Gefühl, gänzlich mit Christus vereint zu sein und Anteil zu haben an dessen himmlischer Glückseligkeit. Manch einer könnte nun neidisch werden, warum ein Mensch Gott so nahe sein darf, während andere sich so fern fühlen. Vergessen wir nicht, dass Jesus nachzufolgen in erster Linie heißt, das Kreuz auf sich zu nehmen (Mt 16,24). Für Therese Neumann: jahrzehntelang enorme körperliche Leiden bis hin zum Phänomen der Stigmata ertragen zu müssen. Trotz aller Schmerzen aber verlor die ans Bett gefesselte Frau nie den Mut und behielt sogar ihren Humor bei. Dafür können wir sie nur bewundern und Gott danken, dass er der schwerkranken Frau so viel Kraft spendete. Ihre oft recht heitere Art lässt uns überdies erahnen, was Jesus mit seinen Worten aus dem heutigen Evangelium meinte: „Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird.“ (Joh 15,11) Es ist eine Verheißung und zugleich ein Auftrag, den Jesus an uns hat: Vergesst meine Worte nicht, vertraut darauf, dass ich alle Tage bei euch bin (vgl. Mt 28,20) und „bleibt [verbunden mit mir] in meiner Liebe“ (Joh 15,9)! Was das für uns heute bedeutet, das will ich in meinem letzten Gedanken ausführen.

 

3. Das Volk Gottes – Brot füreinander sein

Ihr bleibt in meiner Liebe, „wenn ihr meine Gebote haltet“ (Joh 15,10). Es klingt fast ein wenig juristisch, was Jesus seinen Jüngern zum Abschied mitgibt: Verbundenheit mit dem Herrn zeige sich in der Treue und im Festhalten an seinen Worten und Weisungen. Doch es wäre ein großes Missverständnis, den christlichen Glauben auf das Einhalten von Regeln und Verhaltensweisen zu reduzieren. Der Kirchenlehrer Papst Gregor der Große bringt es auf den Punkt: „Wenn aber alle Heiligen Schriften voll sind von Geboten des Herrn, warum spricht er hier von der Liebe wie von einem einzigen Gebot? Deshalb, weil es in jedem Gebot nur um die Liebe geht, und so alle Gebote eins sind. Was auch immer geboten wird, hat allein in der Liebe seinen Grund.“[4] So lautet die wichtigste Botschaft Jesu an uns: „Liebt einander!“ (Joh 15,12.17) Liebe soll das Kennzeichen der Christen sein. Diese kann auf vielerlei Weise gelebt werden: Durch gegenseitigeZuwendung und Fürsorge in der Familie, in der Gemeinde, im Freundeskreis. Durch Hilfe für Arme und Notleidende. Durch Solidarität mit all jenen, die an den Rand gedrängt oder ausgegrenzt werden. Seien wir Brot füreinander, wie Jesus es für uns ist. Haben wir ein waches Auge und ein offenes Ohr für unsere Mitmenschen wie Therese Neumann, zu der täglich Scharen von Besuchern kamen, um ihren Rat einzuholen.

 

Falls einmal der Tag kommt, an dem Resl von Konnersreuth seliggesprochen wird, werden es nicht nur die über vierzigtausend Anträge aus aller Welt sein, die den Ausschlag geben, sondern – davon bin ich überzeugt – in erster Linie ihre Gotterfülltheit und ihre Freude am Herrn, aus der heraus sie lebte. „Mich freut alles, was vom lieben Gott kommt.“[5], lautet ein bekanntes Zitat. Damit meinte sie aber nicht nur Geschenke der Schöpfung wie die Schönheit der Blumen oder ihre geliebten Vögel, sondern auch die Herausforderungen des Lebens wie Krankheit und Leid. Denn tief in ihrem Inneren wusste sie, dass der Heiland für jede und jeden von uns einen Heilsplan hat. Wie genau sich dieser gestaltet, bleibt oft ein Geheimnis. Wir können aber viel gewinnen, wenn wir dem Beispiel Therese Neumanns folgen, in allem auf Gott vertrauen, seine Gegenwart in der heiligen Eucharistie suchen und als Glieder des Volkes Gottes Frucht bringen (vgl. Joh 15,16): „Ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt.“    

 

[1] Berra, Luciano: Augen, die den Heiland sahen. Therese Neumann von Konnersreuth, Dülmen 1931, 128.

[2] Steiner, Johannes: Visionen der Therese Neumann, Band 1: Jesus und Maria, München 1997, 287.

[3] Berra, Luciano: Augen, die den Heiland sahen. Therese Neumann von Konnersreuth, Dülmen 1931, 153.

[4] Thomas von Aquin: Catena aurea. Kommentar zu den Evangelien im Jahreskreis, St. Ottilien 2012, 419.

[5] Spiegl, Anni: Leben und Sterben der Therese Neumann von Konnersreuth, Konnersreuth 1976, 42.