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Predigt von Bischof Bertram beim ökumenischen Gottesdienst zur Jahrestagung der GKP in Augsburg

Jede Krise ist auch Chance - Im Boot der Kirche glauben lernen

15.03.2024 17:00

Liebe Schwestern und Brüder! Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen eine Frage stelle: Können Sie schwimmen? Die Wasserratten unter Ihnen werden antworten: „Nichts ist leichter als das. Nichts ist schöner und gesünder.“ Andere werden wohl etwas verlegen: „In tiefes Wasser möchte ich nicht gehen. Ich brauche einen festen Grund unter meinen Füßen. Wenn ich nicht stehen kann, bekomme ich Angst.“

Können Sie über das Wasser gehen? Wie Jesus in der Geschichte, die uns Matthäus aufgeschrieben hat, oder wie Petrus, der es ihm nachmachen will? Sie alle werden zugeben: „Das kann ich nicht. Wasser hat doch keine Balken.“

Eine letzte Frage: Können Sie glauben? Können Sie Ihr Leben aufs Spiel setzen – um eines Menschen willen, um Gottes willen – im Vertrauen darauf, dass das Lebenswasser trägt? Auch wenn Ihnen die Wellen bis zum Hals stehen?

Im heutigen Evangelium werden wir Zeugen, wie Jesus seine Schüler in die Glaubensschule nimmt. Er gibt gleichsam einen Schwimmkurs auf dem Lebenswasser. Aus einer Angstgeschichte wird eine Glaubensgeschichte.

Soeben hat Jesus fünftausend Männer mit ihren Familien gespeist: ein großer „Glaubens-Event“, mindestens so eindrucksvoll wie der Weltjugendtag. Für alle hat es Brot und Fisch gegeben - gratis! Ganz zu schweigen von den Worten, die Jesus dazu sprach aus dem Leben für das Leben. Das zündete und begeisterte! Nach dieser Großveranstaltung für die breite Öffentlichkeit schickt Jesus seine Jünger weg. Sie sollen mit dem Boot vorausfahren. Jesus nötigt sie sogar, ins Boot zu steigen. Sie tun, wozu Jesus sie auffordert, und stechen in See. Da kommt ein Sturm auf. Das Boot wird von den Wellen hin- und hergeworfen. Eine ungemütliche Lage, doch damit nicht genug: In der vierten Nachwache, am frühen Morgen zwischen drei und sechs Uhr, sehen sie auf dem Wasser eine Gestalt daherkommen. Ihre Angst steigert sich. Sie schreien auf vor Angst – und das bei gestandenen Männern, Fischern und Zöllnern, normalerweise keine Angsthasen. Sie meinen, ein Gespenst zu sehen. Doch dann eine vertraute Stimme: „Habt Mut, ich bin es, fürchtet euch nicht“. Es ist Jesus, ihr Freund und Meister. Es ist Jesus, der Herr.

Liebe Schwestern und Brüder, es ist Jesus, unser Herr, der Herr der Kirche. Denn das Boot ist bei Matthäus oft ein Bild für die Kirche. Die Männer am Ruder haben Angst, damals wie heute, im Großen wie im Kleinen. An Jesus glauben, an Ihm das persönliche Leben festmachen bedeutet keine Existenz auf sanften Ruhekissen. Im Gegenteil: Der Kurs der Kirche führt über die stürmische See. Diese Erfahrung ist nicht erst heute ein Thema. Mit Krise und Verunsicherung sind zwei Schlagworte genannt, die als abgegriffene Münzen seit Jahren weitergegeben werden. Vermutlich ist es nicht falsch zu behaupten, der Glaube vieler Menschen stecke in einer Krise. Aber ist das ein Grund, um im Boot der Kirche Untergangsstimmung zu schüren? Ich frage mich umgekehrt: Hat es in der Kirche jemals eine Zeit gegeben ohne Glaubenskrise? Streuen wir uns nicht Sand in die Augen, wenn wir von der guten alten Zeit träumen, und nicht daran denken, dass auch diese Tage einmal schlechte neue Zeiten waren? Kann ich die Menschen von heute, kritische Kinder unserer Zeit, zum Glauben und zur Nachfolge bewegen, wenn ich fortwährend nur den Bärenstarken und den Felsenfesten spiele? Wäre es nicht glaubwürdiger, wenn ich einen fragenden und suchenden Menschen auch an meinen eigenen Zweifeln teilnehmen ließe? Solange in der Kirche und in unseren Gemeinschaften äußere Ruhe und Stillschweigen als erste Bürgerpflicht gelten, sind unsichere Leute verdächtig.

Doch wenn wir in die Glaubensschule Jesu gehen, werden wir eines Besseren belehrt: Jesus fordert seine Jünger auf, mit dem Boot hinauszufahren - ohne ihn! Hat Jesus den Jüngern, die allein auf das Wasser hinausgefahren sind, dafür einen Vorwurf gemacht? Oder hat er sie nicht bewusst hinausgeschickt in die Krise des Unwetters - und sie eben nicht am sicheren Ufer zurückbehalten mit harmlosen Leuten auf der Tourismusterrasse? Unser Weg in der Nachfolge Christi ist keine bequeme „Sightseeing-Tour“, sondern eine durchaus abenteuerliche Safari, keine romantische Kreuzfahrt, sondern mitunter ein anstrengender Kreuzweg. Dass es bei solchen Expeditionen auch zu Krisen kommen kann, liegt auf der Hand. Deshalb macht Jesus keinem einen Vorwurf. Wenn er jemandem etwas vorzuwerfen hätte, dann höchstens uns: dass es uns an Mut und Gottvertrauen fehlt; dass wir „kleingläubig“ sind. Unser Kleinglaube belastet die Kirche und unsere Gemeinschaften.

Deshalb ist jede Krise auch eine Chance. Jesus kommt denen zu Hilfe, die es gewagt haben, die Anker zu lichten und in See zu stechen. Er hält es nicht mit denen, die aus der Ferne genüsslich zusehen, wie das Boot in Seenot gerät und eifrig damit beschäftigt sind, Sündenböcke zu suchen. Er steht zu denen, die den Aufbruch wagen zum anderen Ufer. „Habt Mut, ich bin es, fürchtet euch nicht!“

Sie, liebe Schwestern und Brüder, haben sich ins Boot gesetzt, um auf den See hinauszufahren – auf das Meer der Zeit. Es ist ein buntes Boot mit vielen Charakteren, Generationen und Kulturen. Keine leichte Aufgabe für die, die am Ruder sind und den Kurs bestimmen sollen, zumal die Mehrheit der Mannschaft in die Jahre gekommen ist und es zudem an jungen Kräften fehlt. Und dann sind auch bei uns Leute an Bord wie Petrus, den es nicht mehr im Boot hält und der die verwegene Bitte formuliert: „Wenn du es bist, lass mich auf dem Wasser zu dir kommen!“

Was Petrus zu diesem kühnen Einfall bewogen hat, wissen wir nicht: Jedenfalls zeigt er sich wieder einmal als spontaner Heißsporn und Hitzkopf, der auf dem See eine „Extra-Wurst“ gebraten haben will. Er verlässt das Boot, obwohl es weht und windet. Er steigt aus der Gemeinschaft aus, um seinen eigenen Weg zu gehen. Er sagt, er wolle zu Jesus, doch eigentlich will er sich selbst profilieren: „Ich brauche das Boot nicht. Das Boot bin ich selbst. Den altbackenen Freunden werde ich’s schon zeigen: Ich komme selbst über das Wasser.“

Stattdessen kommt Petrus in Seenot. Er überfordert sich. Die Großspurigkeit seiner Worte verbirgt nur die Kleingläubigkeit seines Herzens. Doch Jesus lässt Petrus nicht fallen – trotz allem. Er streckt dem, der den Mund so voll genommen hat, seine rettende Hand entgegen. Jesus hört den Schrei der Not: Herr, rette mich! Darin liegt die Lektion, die Jesus dem Petrus in seiner Glaubensschule auf hoher See erteilt: Nicht durch dein eigenes Rudern, nicht durch deine eigenen verwegenen Pläne, nicht durch den Eigenentwurf deines Lebens wirst du zu mir kommen, sondern indem du dich mir anvertraust und die Kraft deiner Arme in meine guten Hände legst.

Es spricht für sich, wie das Evangelium endet: Erst als Jesus und Petrus ins Boot gestiegen sind, legt sich der Wind (vgl. Mt 14,32). Petrus macht kein Experiment mehr ohne die Gemeinschaft. Er spürt, dass er in stürmischen Zeiten nicht allein seines Weges gehen kann, sondern nur sicher ist im Boot der Kirche. Deshalb kehrt der Aussteiger gern wieder in das Boot zurück, das Schutz und Sicherheit schenkt, vor allem, wenn Jesus selbst mit von der Partie ist. Danken wir dem Herrn, dessen Worte bis heute Wegweiser für den Kurs der Kirche sind. Und denken wir immer wieder daran, dass wir in einem Boot sitzen mit anderen, die uns gernhaben und gerade in stürmischen Zeiten unsere Berufung als treue Begleiter und Freunde mittragen.

So möchte ich unsere Betrachtung mit einer Episode schließen, die als Legende über die Freundschaft zwischen Franziskus und Klara überliefert ist: „Es war in den Tagen, als der Fluss Hochwasser hatte. Franziskus und Klara wanderten am Ufer entlang, er auf der einen, sie auf der anderen Seite. Der Heilige hätte gerne auf das andere Ufer hinübergewechselt. Doch er konnte nicht, weil das Wasser tief war und sehr bewegt. Es verdross und schmerzte ihn sehr, dass das stürmische und heimtückische Wasser ein Hindernis war, um sich mit der Schwester seiner Seele zu treffen. Plötzlich warf Klara unvermittelt ihren Mantel auf die Wellen und sprang darauf. Ein einziger Augenblick, und sie war bei ihm. Da bekannte der selige Franziskus voll Ehrfurcht und Bewunderung: ‚Sieh, Schwester, du bist bei Gott in viel größerer Gnade als ich!’.“[1]

Petrus wäre fast ertrunken, weil er sich zu stark mit sich selbst beschäftigt und zu wenig auf Jesus Christus geschaut hat. Für Franziskus und Klara ist das reißende Hochwasser eine Nichtigkeit, weil der Mantel des gemeinsamen Glaubens eine feste Brücke zwischen den beiden schlägt, eine Brücke, die sie trägt in ihrer persönlichen Berufung, in die Fußstapfen des Herrn zu treten. Ich wünsche Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, einen treuen Begleiter im Glauben, wo Sie sich fallen lassen dürfen im Wissen darum, nicht fallen gelassen zu sein. Genau das ist Kirche: gemeinsam in einem Boot sitzen und dabei spüren, dass das Lebenswasser trägt. Amen.

[1] A. Fortini nach einer Erzählung der Bauern von Rocca Sant-Angelo, in: Anton Rotzetter, Klara und Franziskus. Bilder einer Freundschaft, Freiburg / Schweiz 1999, 29.