Der Maßstab ist der Herr: Gut denken, reden und handeln
Lasst mich beginnen mit dem geflügelten Wort des Chilon von Sparta, eines Weisen der Antike: De mortuis nil nisi bene. Leider wird der Satz oft ungenau übersetzt – im Sinne, dass man von den Toten nur Gutes berichten dürfe. Dabei wird übersehen, dass bei diesem Wort nicht „bonum“ – das Gute steht, sondern „bene“, das Adverb.
Beim Gedenken an Verstorbene und Lebende dürfen also auch Probleme und Schwachstellen zur Sprache kommen, aber immer „bene“, d. h. mit Wohlwollen und Güte. Es geht um den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen dem Guten als Substantiv und der Art und Weise unseres Verhaltens. Nicht nur das Bonum zählt, sondern auch das Bene.
Das führt mich zu Kamillus von Lellis, den Gründer des Kamillianerordens, den Schutzpatron der Kranken, der Pflegerinnen und Pfleger sowie der Sanitäter. Von ihm ist die einfache Grundregel überliefert: „Denke gut, sprich gut, handle gut: Diese drei öffnen - mit der Gnade Gottes – dem Menschen den Himmel.“
Den Menschen den Himmel offenhalten: Ist das nicht eine schöne Umschreibung dessen, was gerade den priesterlichen Dienst ausmacht! Die Chrisammesse mit der Weihe der heiligen Öle und mit dem Versprechen, das wir Priester heute erneuern, ist ein passender Moment, um über den einfachen Rat nachzudenken: „Denke gut, sprich gut, handle gut.“ Doch ich will den Kreis noch weiterziehen: Gemeint sind nicht nur die Priester und mit ihnen die Bischöfe und Diakone, sondern auch Ordensleute und Seminaristen, die hauptberuflichen und ehrenamtlichen Frauen und Männer in unserem Bistum, die sich engagieren, um die Kirche von Augsburg geistlich zu erneuern. Auch wenn ich heute meine Worte in erster Linie an Euch, liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, adressiere, sind alle mitgemeint, die gekommen sind, um mit diesem Gottesdienst die heiligen drei österlichen Tage zu eröffnen.
Denke gut!
Priesterliche Existenz und christliches Denken orientieren sich am Denken Jesu, wie es uns das Neue Testament überliefert. Wir haben es eben im Evangelium gehört: „Der Geist Gottes ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“[1] Und der Philipperhymnus greift diesen Gedanken auf: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht.“[2]
Jesus interessiert nicht so sehr das Äußere, die Fassade, die Performance. Jesus schaut ins Innere des Menschen, er schaut in unser Herz. Gehen wir dem Blick Jesu nicht aus dem Weg! Machen wir uns ehrlich vor ihm! Im Psalmenbuch lesen wir ernste Worte: „Sie essen Gottes Brot, doch seinen Namen rufen sie nicht an.“[3] Und der Prophet Jesaja klagt: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber in ihrem Herzen sind sie weit weg von mir.“[4] Davor bewahre uns der Herr.
Vor Jesus dürfen wir ehrlich sein. Er denkt gut von uns, damit wir gut übereinander denken. Jesus begegnet auf Augenhöhe. Wir dürfen ihn anschauen und betrachten. „Im Anschauen seines Bildes, da werden wir verwandelt in sein Bild.“ Da erkennen und denken wir uns neu als Gottes Ebenbilder.
Wie denke ich Gott, und wie denke ich die Menschen? Oft finden wir uns wieder in einem Konglomerat von Vorurteilen; gefangen im Netz negativen Denkens, das Gott, unsere Mitmenschen und auch uns selbst einschnürt. Polarisierung, Populismus, Verschwörungstheorien, Nörgeln und Jammern machen uns zu schaffen – sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirche. Heute bitte ich Euch: Denkt gut über Gott und die Menschen! Damit steht die Seelsorge auf einem guten Grund.
Rede gut!
Das Reden eines Priesters, eines Diakons – ja das Reden von uns allen – sollte sich am Reden Jesu orientieren. Bevor Jesus das Wort ergreift, vor seinen Predigten und Wundern, zieht er sich oft in die Einsamkeit zurück, um in Stille mit seinem Vater im Himmel zu kommunizieren. Jesus schweigt, er hört zu, er unterscheidet, um die Menschen, denen er begegnet, in den Blick zu bekommen. Jesus betet. Sein Reden ist immer gut, wohlwollend, heilend, versöhnend, barmherzig. Jesu Wort verletzt nicht und entwürdigt nicht. Rede gut!
Mit großem Gewinn habe ich das Buch von Tomas Halík gelesen: Geduld mit Gott. Darin schreibt er: „Der Priester darf nicht zu einem Agitator werden, der einfache Schlagwörter benutzt und wie ein Werbefachmann andere manipuliert; seine Aufgabe ist es vielmehr, die anderen eher geduldig und mit Respekt gegenüber jedem von ihnen zu begleiten, sie ‚einzuweihen‘, sie durch die Tore des Geheimnisses zu führen, als sie mit einem Stil zu ‚gewinnen‘, dessen sich Politiker oder Geschäftsleute bedienen, um ihre neueste Ware feilzubieten. (…) Unsere Sprache ist doch auch eine Frucht der Gesinnung unseres Herzens. Wenn unser Reden kein leeres Geschwätz ist, geistlose Produktion von Phrasen, dann kann sie viel Gutes – oder auch Schlimmes bewirken. So gesehen gilt bereits für unser Reden das Wort ‚an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen‘.“[5]
Also: Bitte redet gut über Gott und die Menschen, wohlwollend über den Papst, die Bischöfe, die Mitbrüder im Presbyterium und in der Gemeinschaft der Diakone, redet gütig über die Menschen, die Euch anvertraut sind! Kritik darf sein, aber konstruktiv, aufbauend, sensibel. Und hütet Euch vor Gerüchten!
Handle gut!
Auch unser Handeln sollte sich am Tun Jesu orientieren. Der hl. Ignatius von Loyola lädt uns in seinem Exerzitienbuch ein, die Bühne zu betreten, die uns die Heilige Schrift aufspannt. Wir sollen uns in das Drama hineinbegeben, den inneren Raum für Jesus öffnen. Die Gleichnisse geben uns dafür eine gute Handlungsanleitung: Da ist die Rede vom barmherzigen Vater und vom barmherzigen Samariter. Auch von der Art und Weise, wie Jesus den Menschen begegnete, können wir lernen: Ich denke beispielsweise an die Frau am Jakobsbrunnen, die Ehebrecherin oder auch an den Zöllner Zachäus. Immer wieder klingt die Aufforderung Jesu an uns auf: Geh und handle genauso!
Noch einmal soll Tomas Halík zu Wort kommen: „Es ist wirklich ein trauriger Anblick, wenn man sieht, wie aus jenen, die Propheten werden sollten, peinliche Clowns geworden sind. Ein Prophet soll ein Mann der Wahrheit sein. Die Wahrheit des Evangeliums ist jedoch nicht dieselbe wie die Wahrheit einer Wissenschaftstheorie. (…) Sie lässt sich nicht in Definitionen und widerspruchslose verschlossene Systeme pressen. (…) Die Wahrheit ist ebenso wie der Weg und das Leben in ständiger Bewegung, im ständigen Prozess begriffen, obwohl dieser Prozess nicht nur als Entwicklung und Fortschritt zu verstehen ist. Die Bibel führt uns in die Wahrheit nicht mittels Definitionen und theoretischer Systeme ein, sondern anhand von Geschichten, großer wie kleiner Begebenheiten. (…) Die biblischen Geschichten können wir am besten verstehen, wenn wir in sie hineintreten, uns in diese Szenen hineinziehen lassen.“[6]
Lassen wir uns in den kommenden Tagen hineinziehen in das Leiden, Sterben und die Auferstehung unseres Herrn. Lassen wir uns reinigen im Empfang des Bußsakramentes und verwandeln von den heiligen Tagen, an denen es nicht nur darum geht, ein liturgisches Pflichtprogramm zu absolvieren, sondern im Geheimnis heimisch zu werden. Denke gut, rede gut, handle gut! Das soll unser Vorsatz sein, den wir aus dieser Chrisammesse mit nach Hause nehmen. Von Herzen sage ich allen und jedem von Euch: Vergelt’s Gott für Euren Dienst, betet füreinander und passt aufeinander auf!
[1] Lk 4,18-19 im Rückgriff auf Jes 61,1f.
[2] Phil 2,5.
[3] Ps 14,4; 53,5.
[4] Jes 29,13.
[5] Geduld mit Gott. Die Geschichte von Zachäus heute, Freiburg-Basel-Wien (3. Auflage) 2011, S. 29.
[6] Ebd. S. 30f.