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GOTTESFINSTERNIS. Wie von Gott sprechen nach „Auschwitz“?

31.01.2024 15:15

Abendvortrag mit Diskussion im Akademischen Forum am Montag, 22. Januar 2024 anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages

Dr. Andreas Matena

Das Geschehen eiskalter Unmenschlichkeit in Auschwitz und all den anderen Konzentrationslagern verpflichtet, die Erinnerung daran wach zu halten.

Auch wenn es fast unmöglich ist, wie es Papst Benedikt in Auschwitz 2006 formulierte,über diese Orte des Grauens, über diese Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte, zu sprechen. Und Benedikt weiter: "Hier versagen Worte, hier kann eigentlich nur erschüttertes Schweigen stehen – Schweigen, das ein inwendiges Schreien zu Gott ist: Warum hast du geschwiegen? Warum konntest du dies alles dulden? Wie konnte der Triumph des Bösen geschehen?"

Überlebende des Holocaust berichten oft: Seit Auschwitz können wir nicht mehr religiös sein. Nicht mehr an einen Gott glauben. Der Shoah Überlebende Elie Wiesel drückt es mit den Worten aus: „Nicht einmal Gott, den Gott Israels, schien es zu rühren. Mehr noch als das Schweigen der anderen war Gottes Schweigen ein Geheimnis, das vielen von uns rätselhaft bleibt und uns bedrückt bis auf den heutigen Tag.“

Wie kann das Schweigen Gottes verstanden, erklärt werden? Wie müssen wir nach Auschwitz von Gott sprechen, wie Gott denken? Können wir das Geheimnis der Logik Gottes verstehen? Uns dieser Logik überhaupt nähern?

Dr. Andreas Matena, der über dieses Thema eine Habilitation an der Universität Augsburg schreibt, berichtet, welche Aspekte in Zusammenhang mit diesen Fragen berücksichtigt werden müssen:

Im Versuch, das Geschehen von „Auschwitz“ verstehen zu wollen, liegt eine unglaubliche „Obszönität“ – eine Übergriffigkeit dem erlittenen Leid der Opfer gegenüber. So beschreibt es der französische Regisseur des preisgekrönten Holocaust-Dokumentarfilms Shoah (1985), Claude Lanzmann, so benennt es aber auch der Schriftsteller und Publizist Elie Wiesel.

Auf der anderen Seite sind Denkverbote zu oft ein Billigtarif für ein gutes Gewissen, wie die österreichisch-amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Klüger meint – selbst eine Überlebende des Holocausts.

Gerade für die Frage nach Gott stellt „Auschwitz“ eine unverzichtbare Herausforderung für das theologische Denken dar – und doch sollte der erste Schritt das Hören sein, das Hören auf die Ansätze jüdischer Denker und Theologen in der Auseinandersetzung mit der Vernichtung. Ihre Gedanken bieten zahlreiche, wenn auch nicht einfache, Anregungen für die Auseinandersetzung mit dem christlichen Gottesbild.

Anhand von drei Beispielen führte Dr. Matena die Teilnehmer an Antwortversuche heran.

Filip Müller (1922-2013), ein aus Tschechien stammender Jude, war Angehöriger des sog. Sonderkommandos in Birkenau, d.h. zuständig für den Betrieb der Gaskammern. Er überlebte fünf der regelmäßigen Liquidation durch die Lager-SS. Filip Müller ist in erster Linie ein sehr genauer und schonungsloser Zeuge der Vorgänge der Vergasung in den ersten beiden Frankfurter Auschwitz-Prozessen (1963-1965; 1965/1966). In Interviews spricht er nur gelegentlich über seinen Glauben: „Es schien mir unsinnig, in Auschwitz zu beten, und absurd, hier noch an Gott zu glauben.“ „Hier“, Auschwitz-Birkenau ist ein Ort, an welchem Menschen, die „an den Ewigen glaubten und den allmächtigen HERRN anbeteten, wie Vieh hingeschlachtet wurden.“ Dieser Gott scheint einer anderen Welt anzugehören, die Müller unbegreiflich scheint. Und dennoch scheint ihm das Beten der Anderen, die vertrauten Worte, auch Kraft zuzusprechen, etwa in der Situation, als er die Leiche seines Vaters im Krematorium findet und sie einzuäschern hat.

Mit dem Religionsphilosophen Hans Jonas (1903–1993) der seine theologischen Überlegungen zum Gottesbegriff nach Auschwitz zu einem Mythos macht, zeigte Dr. Matena einen Standpunkt auf, der um Antworten und dem Verstehen ringt:

Der Mythos von einem Gott, der sich entscheidet, radikal in das „Abenteuer von Raum und Zeit“ einzugehen, Schöpfung und Geschichte werde zu lassen. Und so zieht sich dieser Gott in sich selbst zurück, um gespannt betrachten zu können, welcher Entwicklung er dadurch Raum geben würde. Er sieht den Kosmos werden, er sieht Leben entstehen – und er sieht den Menschen, das erste Wesen, was imstande ist, den Freiraum, welchen Gott durch seinen Rückzug eröffnet hat, als eigene Freiheit zu begreifen! In Sorge begleitet Gott den Weg des Menschen fortan, immer neu erkennend, welche Möglichkeiten sich dem Menschen durch seine Freiheit bieten, immer neu mit dem Menschen leidend, wenn dieser seine Freiheit missbraucht.

Als drittes Beispiel wurde schließlich der jüdische Theologe Ignaz Maybaum (1897-1976) angeführt. Im Zentrum seiner Überlegungen steht die Überzeugung von der Geschichtsmacht Gottes.

Der sich in der Offenbarung aussprechende Gott sucht das Verstehen und die Gemeinschaft des Menschen: der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs und der Gott Jesu…

Wenn Gott nicht verstehbar wäre: Wie könnte man dann noch von der Offenbarung Gottes sprechen? Die gebietende Stimme von „Auschwitz“ als Frage nach dem „Warum“ zielt auf das Herz des biblischen Glaubens – von diesem Gott lässt sich möglicherweise nicht mehr sprechen, wenn die Frage nach dem „Warum“ keine Antwort findet…

Dem Vortrag folgte eine lange und intensive Diskussion mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Dabei wurde auch immer mehr deutlich, welche immense Bandbreite mit der Rede einer „Gottesfinsternis“ verbunden ist. Vieles bleibt Stückwerk - eine letzte Antwort aber kann es nicht geben.