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Predigt im Pontifikalamt in der Gebetsstätte Marienfried zum Patrozinium Maria, Mutter der Kirche am Pfingstmontag

„Wir alle haben in Maria eine Mutter.“

20.05.2024 16:00

Lieber Pfarrer Oblinger, lieber Alois, liebe Schwestern und Brüder, soeben haben wir ein extrem kurzes, aber sehr gehaltvolles Evangelium gehört: eine Einladung an uns alle, das Vermächtnis des Herrn ernst zu nehmen und wie „der Jünger, den er liebte“, eine ganz innige Beziehung zur Mutter Jesu zu pflegen, sie gewissermaßen in die Kammer unseres Herzens aufzunehmen.

Wir wollen von ihr lernen, wie wir mutig und treu uns zum Herrn bekennen – auch dann, wenn es besonders schwer wird. Dass Maria uns zu Jesus führt, ist ein vertrauter Gedanke. Doch manchmal besteht die Gefahr, darüber zu vergessen, dass sie uns auch zum Menschen führt, das heißt: Sie ist Mutter ALLER Menschen und als solche, wie es der hl. Franz von Assisi ausgedrückt hat, „zur Mutter Kirche geworden.“[1] Eine echte Schülerin der Muttergottes, einen wahren Verehrer ihrer besonderen Erwählung durch den dreifaltigen Gott erkennt man untrüglich daran, dass sie und er voller Empathie ihren und seinen Mitmenschen zugewandt ist. Eine Freundin und ein Freund Mariens stellt sich nicht heraus, ist aufmerksam für die Bedürfnisse des Nächsten und hilft, ohne zu beschämen – mit einem Wort: Wer in Marias Schule geht, lebt nach ihrem Rat: Was Er euch sagt, das tut! Jesus hat sich mit den Geringsten der Menschen nicht nur solidarisiert, sondern identifiziert.

Der russische Schriftsteller F. M. Dostojewski (1821-1881) hat dies nur zu gut verstanden. Vier Jahre seines jungen Lebens musste er in einem Zwangslager in Sibirien verbringen. Sieben Jahre nach seiner Entlassung schrieb er seine dortigen Erlebnisse in seinen „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ nieder. Darin erfahren wir von einem jungen Sterbenden, der etwa 25 Jahre alt war, einst hochgewachsen und von edlem Aussehen. Auffallend waren vor allem seine leuchtenden Augen. Jetzt, da er im Sterben lag, war sein Körper bis auf Haut und Knochen abgemagert. Bewusstlos und schwer atmend lag er auf seinem Bett. Die Decke und seine Bekleidung hatte er von sich geworfen. Alles war ihm zu schwer geworden. Nur noch ein kleines Holzkreuz lag auf ihm. Eine halbe Stunde vor seinem Tod verstummten alle Mithäftlinge, oder sie sprachen nur flüsternd. Wer gehen musste, trat leise, kaum hörbar auf. Er starb gegen drei Uhr nachmittags. In einem breiten Strom fiel das Sonnenlicht auf sein Gesicht.

Schließlich erschien der Unteroffizier der Wache mit Helm und Seitengewehr. Als er bis auf einen Schritt vor dem Toten angelangt war, blieb er plötzlich stehen, wie von Furcht befangen. Der Tote schien ihn zu erschüttern. Unerwartet nahm er seinen Helm ab und machte eine tiefe Verneigung. Neben ihm stand ein Häftling. Auf den Toten weisend, sagte er aus einem unbekannten Grund mit zitternder Stimme: „Hat doch auch eine Mutter gehabt!“ und ging fort. Dostojewski, der als Augenzeuge dabei war, war tief betroffen: „Diese Worte durchbohrten mich förmlich ... Warum nur hatte er sie gesagt, und wie war er überhaupt darauf gekommen?“[2]

„Hat doch auch eine Mutter gehabt!“ Diese Worte kommen aus den tiefsten Schichten menschlichen Empfindens. Deshalb berührten sie auch die Hörer spontan und nachhaltig.

Wer aber versteht von solchen Tiefen mehr als eine gute Mutter? Alle Berufe, die dem Menschen zugewandt sind, vereinen sich in ihr: Die Mutter ist Ärztin, Lehrerin und Psychologin in einer Person. Sie kennt ihr Kind. Sie weiß, was es braucht, und gibt es ihm. Selbst wenn sie schläft, nimmt sie nahezu jedes Geräusch wahr, das von ihm kommt. In jeder guten Mutter ist etwas gegenwärtig, das sich nicht definieren lässt. Von unserer Mutter kommen wir niemals ganz los. Unsere Mutter lebt in uns. Und immer ist der Grund, aus dem wir leben, ein mütterlicher Grund. So wundert es nicht, dass es nicht wenige Menschen gibt, die in ihrer Sterbestunde nach ihrer Mutter rufen.

„Hat doch auch eine Mutter gehabt!“ So überkam es jenen Mitgefangenen, als er den Sterbenden sah, dessen Leben - einst von der Mutter umhüllt, umsorgt, geschützt und gepflegt – zugrunde gerichtet wurde. Wo der Mensch das Leben eines anderen in irgendeiner Weise verletzt, da trifft er immer dessen Mutter.

„Jesus hat doch auch eine Mutter gehabt!“ Deshalb leidet die Mutter mit, wenn sie den Leidensweg des Sohnes begleitet und sich nicht scheut, ihm unter dem Kreuz beizustehen. Doch Jesus ist nicht nur eines Menschen Kind, er ist der Sohn Gottes. In seiner Todesstunde ruft er nicht nach seiner Mutter, er gibt sich in die Hände seines himmlischen Vaters. Mehr noch: Am Kreuz besiegelt er gleichsam sein Testament, indem er seine Mutter dem Jünger anvertraut, den er liebte. „Frau, dies ist dein Sohn. Dies ist deine Mutter“. Damit bindet er die Kirche an Maria, und Maria bekommt eine neue Aufgabe: Die Mutter Gottes wird zur Mutter der Kirche. Die Mutter, die Jesu Kreuz im Herzen mitgetragen und sein Leiden in der Seele mitgelitten hat, trägt auch unsere Kreuze mit und leidet mit, wenn es uns als Gliedern des Leibes Christi, der Kirche, schlecht geht.

Wie tröstlich ist es, dass wir an Sterbebetten und vor offenen Gräbern bei aller Trauer die Hoffnung hegen können: Dieser krebskranke Mann, diese todgeweihte Frau, dieses beim Verkehrsunfall getötete Kind, dieser drogensüchtige Jugendliche - sie alle haben doch auch eine Mutter gehabt: nicht nur eine menschliche Mutter, sondern die Mutter Maria, die sie in ihrem Leiden und Sterben nicht allein gelassen hat.

Doch wir wollen nicht stehen bleiben beim Leiden am Ende des Lebens, wo Maria sich in besonderer Weise als Mutter erweist, in deren gute Hände wir uns fallen lassen können. Schon jetzt ist sie unsere Schwester, wenn uns die täglichen Kreuze belasten: „Wer nicht täglich sein Kreuz auf sich nimmt und es mir nachträgt, der kann nicht mein Jünger sein.“ Wie gut ist es zu wissen, dass Maria unser tägliches Kreuz mitträgt! Wie tut sie es?

Da ist zunächst ihr Ohr. Der Schöpfer hat uns Menschen zwei Ohren gegeben, aber nur einen Mund, damit wir doppelt so viel hören wie reden. Erst das hingehaltene Ohr gibt einem seelisch kranken Menschen die Möglichkeit, sich zu öffnen. Eine Wunde kann erst dann heilen, wenn sie sich ausblutet, sich gleichsam „sauber blutet“. So kann die Seele eines verwundeten Menschen erst dann heilen, wenn sie ein lauschendes Ohr findet, das ihr die Möglichkeit schenkt, sich auszusprechen.

Maria war von Anfang an eine Hörende. Sie war immer ganz Ohr: sowohl für die Botschaften Gottes als auch für die Nöte der Menschen. Nicht von ungefähr singt der Volksmund gern das Lied: „Maria, Jungfrau schön, zu dir wir bitten geh’n. Du stehst für uns bereit, Mutter der Christenheit“.

Zu den größten Kreuzen unserer Zeit gehört die Schwerhörigkeit. Unsere Gespräche ähneln oft Monologen, wobei der Hörende nur darauf wartet, dass der Sprechende einmal Luft holen muss, um den anderen dann gleich mit seiner eigenen Geschichte zu überfallen und mit seinen persönlichen Problemen zuzuschütten.

Danke, liebe Mutter Gottes, dass du stets ein Ohr hast: auf der Hochzeit zu Kana für die Not der Brautleute, am Kreuz für die letzten Worte deines Sohnes, hier und heute für uns.

Zum lauschenden Ohr gehört das aufmerksame Auge. Der gute Blick zwischen zwei Menschen ist oft intensiver als das tiefste Gespräch. Doch wir kennen auch alle den kalten Blick, unter dessen Bann man friert. Wenn uns ein solcher Mensch begegnet, sagen wir: „Wenn Blicke töten können, würde ich jetzt sterben“. Es gibt aber auch den guten Blick, der Nähe und Vertrauen schenkt, unter dessen Strahl man nicht friert, sondern sich angenommen und verstanden weiß. Von einem KZ-Aufseher, der ein Glasauge trug, wird berichtet, dass er einen Häftling erraten ließ, welches das gesunde und welches das Auge aus Glas wäre. Wenn er das herausfinde, würde er als Belohnung eine doppelte Essensration erhalten. Der Häftling tippte richtig. Die Antwort, woran er das Glasauge erkannt habe, ist erschütternd: „Es schaut um so viel gütiger als das andere.“

Der Dialog Jesu mit seiner Mutter unter dem Kreuz war wohl auch eine Begegnung der Augen. Der letzte Augenblick schlägt noch einmal Brücken zwischen Jesus und seiner Mutter, zwischen Gott und Mensch, zwischen Maria und Johannes, zwischen der Mutter und der Kirche. Wie schön, dass diese Blicke weitersprechen durch die Geschichte!

Indem Jesus uns am Kreuz Maria zur Mutter gegeben hat, gewährt er uns Ansehen in ihr. Maria hat ein gutes Auge für unsere Lasten und Leiden. Von diesem guten Blick haben wir einen unerschöpflichen Vorrat. Marias gütige Augen sind uns bis heute gewogen, wenn uns manches Kreuz die Sicht verstellt und verdunkelt. Danke, Mutter der Kirche, für deine aufmerksamen Augen und deinen gütigen Blick. „Wende, o heilige Mittlerin du, deine barmherzigen Augen uns zu“.

Schließlich möchte ich noch an den Mund erinnern. Ohne Mund gibt es kein Wort. Worte sollen verbinden und trösten. „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“, beten wir vor jeder heiligen Kommunion. Gute Worte sind so nötig wie das tägliche Brot. Nicht nur unser tägliches Brot, sondern auch unser tägliches Wort gib uns heute!

Doch Worte können auch sehr verletzen. In unserer Welt gibt es noch mehr Wortverletzte als Kriegsversehrte. Verletzende Worte können ihre negative Macht entfalten wie eine Pandemie und stehen dann der „Pandemie der Gleichgültigkeit“, die unser Heiliger Vater oft beklagt, im Blick auf die schädliche Wirkung in nichts nach. Ein spitzes Wort oder eine unüberlegte Bemerkung kann die Atmosphäre unter Menschen hoffnungslos vergiften. Verunglimpfungen und Beschimpfungen, Gerüchte und Rufmord gehören zu den Kreuzen unserer modernen Gesellschaft. Schuld tragen nicht allein die Medien. Es fängt bei uns allen an, die wir manchmal „Tagblätter“ der neuesten Nachrichten sind.

Die Worte, die aus Marias Mund kamen, waren überlegt und aufbauend. Sie stellte durchaus kritische Fragen, selbst an einen Erzengel. Doch vor allem lobte und pries sie Gott für ihre außerordentliche Berufung. Sie macht sich nicht wichtig, sie „mandelt“ sich nicht auf, sie macht aus sich nichts, weil der Sohn ihr Ein und Alles ist. Ihn, durch den sie selbst ins Spiel der Heilsgeschichte gekommen ist, möchte sie ins Spiel bringen.

Danke, Mutter vom guten Rat, für deinen Mund, der unser Sprachrohr ist bei Gott, wenn es uns schwerfällt, unser Kreuz zu tragen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Nicht nur der Gefangene in Sibirien, wir alle haben eine Mutter in Maria: eine unübertreffliche Mutter mit offenen Ohren, aufmerksamen Augen und einem Mund, der ein gutes Wort einlegt für uns. Weil Gott sie aus uns Menschen genommen hat, ist sie zugleich unsere Schwester. Zu ihr dürfen wir kommen und uns anvertrauen mit dem ältesten Gebet, das die Christen an Maria gerichtet haben: Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, heilige Gottesmutter. Amen.

[1] Vgl. die Marianische Antiphon des Heiligen in den Quellenschriften!

[2] F. M. Dostojewski, Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, München-Zürich 1977/1980, S. 263-266.