Petrus und Paulus: ein unzertrennliches Paar
Lieber Herr Pfarrer Hänsler, lieber Christoph, liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern und Brüder im Glauben an Jesus Christus, den uns die Apostel Petrus und Paulus verkündet haben, Sie haben es schon gemerkt, heute am Hochfest Hll. Petrus und Paulus setzen wir einen Akzent, der ganz im Zeichen unseres Ulrichsjubiläums steht. Es erklingt die neue Messe von Jens Klimek zum ersten Mal zur Ehre Gottes und seiner Heiligen und zur Freude und Erbauung von uns allen. Lassen wir uns anrühren von den Stimmen und Klängen und hören wir sie „mit dem Ohr des Herzens.“
In den Lesungen wurden sie uns wieder lebhaft vor Augen gestellt: die beiden so unterschiedlichen Apostel Petrus und Paulus. Mögen ihre Charaktere, ihre Herkunft, beruflicher Einsatz, ja der ganze Lebensweg noch so unähnlich sein, eines oder besser EINER verbindet die beiden Männer so sehr, dass sie ihr früheres Leben verlassen und nach der Begegnung mit Jesus Christus nur noch für ihn leben – ja sogar für ihn in den Tod gehen! Wir sind es gewohnt, sie als Heilige zu verehren, obwohl die Heilige Schrift sehr deutlich von ihrem menschlichen Versagen spricht. Paulus, wir haben es gerade in der 2. Lesung gehört, bekennt freimütig, dass er ein Christenhasser gewesen ist (Gal 1,13). Das Damaskuserlebnis hat ihn vollkommen „umgekrempelt“ und er hat seine zweite Chance, die er von Gott und den Menschen bekam, wirklich genutzt.
Die Szene zwischen dem Auferstandenen und Petrus, die das Johannesevangelium uns schildert, lässt durchblicken, wie sehr Petrus unter seiner Verleugnung in der Nacht vor Jesu Hinrichtung leidet, auch wenn er mit Worten nicht mehr auf diese dunkelste Stunde seines Lebens anspielt, sondern sich ganz Christus anvertraut: „Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe.“ (Joh 21,17) Denn für Petrus ist klar, dass die hohe Auszeichnung, der dreimalige Auftrag: „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe“ und die tiefe Demütigung in einem geheimen Zusammenhang stehen. Ebenso weiß er, dass die Demütigung nicht um ihrer selbst willen geschieht. In ihr schwingt die Liebe des Herrn mit. Jesus kennt seinen Petrus durch und durch. „Er wusste, was im Menschen ist“, berichtet Johannes an anderer Stelle. Und gerade deshalb vertraut er diesem Petrus, dem Felsenmann, der weich ist wie Butter.
Gewiss bleibt da die Versuchbarkeit, und Wachsamkeit ist außerdem angezeigt. An beides erinnert der Hahn auf unseren Kirchtürmen bis heute. Die Legende hält diese Versuchbarkeit des Petrus fest. Nach dieser Überlieferung flieht Petrus bei einer Christenverfolgung in Rom über die Via Appia aus der Stadt. Dort kommt ihm in einer Vision Jesus entgegen. „Quo vadis, Domine?“ – „Wohin gehst du, Herr?“, soll Petrus ihn gefragt haben. „Ich gehe nach Rom, um mich ein zweites Mal kreuzigen zu lassen“, soll der Herr ihm geantwortet und Petrus dadurch den Impuls zur Rückkehr in die Höhle des Löwen, hin zu seiner eigenen Hinrichtung, gegeben haben.
Petrus und Paulus sind keine Stars, es gibt bei ihnen manchen Schatten, Versagen, auch Sünde. Ganz ohne Frage! Es gibt Selbstbewusstsein und Sendungsbewusstsein, aber keine Selbstgerechtigkeit. Beide Apostel wissen um ihre Schwächen. So weint Petrus bittere Tränen und in tiefer Zerknirschung bricht es nach dem reichen Fischfang, als er den Meister erkennt, aus ihm hervor: „Herr, geh weg von mir. Ich bin ein Sünder“ (Lk 5,8). Auch Paulus geht mit sich hart ins Gericht, nennt sich selbst eine „Missgeburt“ und den „Geringsten von den Aposteln“, nur um im nächsten Moment in aller Offenheit zu bekennen: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht – nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir“ (1 Kor 15,10).
Heilige? Ja, aber solche denen man beim Heiligwerden, beim Hinfallen und Aufstehen buchstäblich zuschauen kann!
Auch Petrus ist ein grundehrlicher Mensch. Und er hat das Herz auf dem rechten Fleck, so dass er bei aller Schwäche fähig ist, das Rechte zu erkennen und Treue zu halten. Erinnert sei nur an die Brotrede Jesu in Kafarnaum. Sie führt dazu, dass ihn viele Menschen, die mit ihm gezogen waren, verlassen. Da stellt Jesus die Frage in den Raum: „Wollt auch ihr weggehen?“. Da ist es Petrus, der sich zum Sprecher macht und im Namen der Zwölf die herrlichen Worte findet: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6,68). Hell und Dunkel, Licht und Schatten, Gnade und Schuld mischen sich bei Petrus. Er ist durchaus kein Übermensch. Eigentlich eher ein Durchschnittsmensch – einer aus unseren Reihen. Ob es nicht gerade das ist, was den Herrn veranlasst, ihn zum Amtsträger zu machen?
In der Tradition der Kirche sind Petrus und Paulus trotz aller Unterschiede und Gegensätze ein unzertrennliches Paar. Obwohl die beiden Apostel Schwierigkeiten miteinander hatten, haben sie konsequent an der Einheit festgehalten. Im Martyrium wurde diese Einheit besiegelt. Noch im zweiten Jahrhundert hat sich die römische Kirche immer auf Petrus und Paulus berufen. Nach Irenäus von Lyon haben Petrus und Paulus die Gemeinde in Rom gegründet. Später erfolgte eine einseitige Verlagerung auf Petrus. Es ist an der Zeit, die vor allem durch die reformatorischen Kirchen aufgegriffenen Anliegen des Paulus im ökumenischen Sinn aufzugreifen und verstärkt zur Bereicherung der einen Kirche beizutragen.
Petrus und Paulus – nicht nur eins bei der Gründung der Gemeinde und im Martyrium in Rom. In der Urkirche war man überzeugt: Ubi Petrus et Paulus, ibi ecclesia. Wo Petrus und Paulus sind, da ist die Kirche.