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Predigt von Bischof Bertram im Pontifikalamt zum Hochfest des Heiligen Ulrich in Augsburg

Ulrich - ein europäischer Heiliger der Einheit in Vielfalt

04.07.2024 11:00

Liebe Brüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern und Brüder im Glauben an den barmherzigen und gerechten Gott, was meinen Sie: Wäre der Heilige Ulrich wohl ein Kandidat gewesen für die „bedeutendste politische Auszeichnung“, die Europa zu vergeben hat: den Internationalen Aachener Karlspreis für die Einheit Europas?

Folgt man der Intention des Stifters, so muss man diese Frage unbedingt bejahen: Der Aachener Tuchhändler Dr. Kurt Pfeiffer wollte einen „Preis für den wertvollsten Beitrag im Dienste – wie es 1950 noch hieß – (west)europäischer Verständigung und Gemeinschaftsarbeit und im Dienste der Humanität und des Weltfriedens“ etablieren. Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs einschließlich der Shoah, dieser ausgeklügelten, grausamen Vernichtung von jüdischen Nachbarn, Familienmitgliedern, Männern, Frauen und Kindern in ganz Europa, waren die Mitglieder der Gruppe um Dr. Pfeiffer Realisten genug, um zu wissen: Von einem weiteren, solch furchtbaren Blutbad würde sich unser Kontinent nicht erholen.

Nach der Vorstellung des englischen Historikers Toynbee, der sich die Aachener inhaltlich anschlossen, standen drei Bereiche im Zentrum: „Auf politischem Gebiet (die) Errichtung einer gesetzmäßigen, auf Zusammenarbeit gegründeten Weltregierung. Auf wirtschaftlichem Gebiet (eine) brauchbare Synthese von Freiwirtschaft und Sozialismus, die sich jeweils den praktischen Erfordernissen örtlicher und zeitlicher Gegebenheiten anzupassen hat. Auf dem Gebiete des geistigen Lebens“, so Dr. Pfeiffer in seiner bewusst vor dem Weihnachtsfest und der Ausrufung des Heiligen Jahres 1950 gehaltenen Rede (19. Dezember 1949), gelte „es, den weltlichen Überbau wieder religiös zu untermauern.“[1]

Heute, am Hochfest unseres Bistumspatrons, des heiligen Ulrich, in dessen 50jähriger bischöflicher Amtszeit die so folgenschwere Schlacht auf dem Lechfeld im August 955 fiel, erscheint es mir geboten, die Geschichte Europas und unsere persönliche Verantwortung für die Stabilisierung des Friedens nicht zuletzt im Lichte der biblischen Texte, die wir soeben gehört haben, zu reflektieren.

Im bald zu Ende gehenden Doppeljubiläum haben wir den Fokus auf jenen Schwerpunkt im Leben des heiligen Ulrich gelegt, der für die Menschen seiner Zeit der wichtigste war: Ulrich nahm seine Verantwortung ernst für ein von Raubüberfällen und Verwüstungen, von Krieg und Hungersnot gebeutelten Bistum. Er war als Reichsfürst und Bischof ein Mann des Wiederaufbaus und der Schaffung von stabilen sozialen Verhältnissen – nicht von ungefähr haben wir gerade das Evangelium gehört von der Einladung der Armen, der Marginalisierten und derer, die gar nichts, aber auch wirklich gar nichts zurückgeben können, außer ihrem Dank (vgl. Lk 14,12-14). Wer die Vita des Heiligen liest, wird erkennen, wie sehr er sich kreativ und empathisch diesen Auftrag zu Herzen genommen hat! Bischof Ulrich wusste um seine privilegierte gesellschaftliche Stellung als Mitglied des Hochadels, als Zögling der St. Galler Klosterschule - doch kein Mensch würde heute mehr von ihm sprechen, ja wir wüssten vermutlich nicht einmal seinen Namen, wenn er diese Privilegien nur zu seinem eigenen Vorteil eingesetzt hätte!

Immer wieder betont sein Biograph Dompropst Gerhard sein gewinnendes Wesen (hilaritas), seinen Gerechtigkeitssinn und seine Klarheit – er war ein Bischof, ein Hirte, der ganz dem entsprach, was uns der 1. Petrusbrief gerade vor Augen gestellt hat (1 Petr 5,2-3): „Weidet die euch anvertraute Herde Gottes … freiwillig, wie Gott es will; … mit Hingabe; seid nicht Beherrscher der Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde!“ Damals wie heute braucht es dafür Augenmaß, Selbstbeherrschung, Demut und eben: ein tiefes Verantwortungsempfinden. Es schließt die Fähigkeit ein, Rede und Antwort zu stehen – allen gegenüber: denen, die mir anvertraut sind, wenn ich als Eltern Kindern das Leben schenke, als Erzieherin und Lehrer ihr Heranwachsen aufmerksam und umsichtig begleite, als Ausbilder und Universitätsdozentin mich den Fragen und Anliegen der jungen Generation nicht verschließe und bereit bin zu einem Stabwechsel, wenn die Zeit gekommen ist. Als Führungskräfte sind wir sowohl der Wahrhaftigkeit als auch des Einsatzes für die Schwachen verpflichtet. Jede und jeder von uns wirkt an einer lebensförderlichen Atmosphäre mit, sollte immer für den Frieden im eigenen Herzen und in seiner unmittelbaren Umgebung sorgen. Voraussetzungen dafür sind – ich wiederhole bewusst - Demut sowie Zivilcourage, Uneigennützigkeit und Standhaftigkeit.

Über aller zwischenmenschlichen Beziehung muss aber für uns, die wir auf Christi Tod getauft sind (vgl. Röm 6,3) zuerst die Verantwortung vor Gott, unserem Schöpfer, stehen. Er, der jede und jeden von uns ins Leben gerufen hat und niemanden, wirklich niemanden verwirft, macht uns ein beglückendes Beziehungsangebot. Wie eine unsichtbare Nabelschnur sind wir alle mit IHM verbunden oder wie es Paulus gegenüber den skeptischen athenischen Philosophen ausgedrückt hat: „In IHM leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apg 17,28).

Im Gegensatz zu den Zeitgenossen des heiligen Ulrich halten nicht wenige der heute in Europa Lebenden eine solche Rückbindung – und nichts Anderes heißt Religion – für überflüssig, ja sogar schädlich. Sie wollen aufgeklärt sein und nach ihrer eigenen Aussage fehlt ihnen nichts: Dabei nehmen unbestimmte Ängste und Aggressionen in unserer Gesellschaft erschreckend zu! Ja, es hat den Anschein, als seien wir gerade dabei zu verlernen, was die Basis eines guten menschlichen Miteinanders ist: Respekt, Vertrauen und die Einsicht, dass wirklich tragfähige Gedanken nur gemeinsam in die Tat umgesetzt werden und Bestand haben können! So hat Jesus die zwölf Jünger um sich geschart, Petrus und Paulus wurden wie die anderen Apostel in die Städte und auf andere Kontinente gesandt, um die Frohe Botschaft zu verkünden – und der heilige Ulrich wollte auch auf seinen Pastoralreisen immer einige Kleriker um sich haben, mit denen er das seit seiner Jugend liebgewordene Stundengebet einhalten konnte. Bedenken wir, wieviel dieser Mann geleistet hat, unter sehr viel schwierigeren Bedingungen als wir sie heute haben – und wieviel seiner Zeit er auch dem Gebet widmete, wo wir oft versucht sind, das Gebet zugunsten einer (manchmal nur vorgeschobenen) Aktivität abzukürzen!

Ich lade Sie daher ein: Nehmen Sie das heutige Hochfest zum Anlass, Bischof Ulrich als Ihren Fürsprecher in schwierigen Situationen fest „einzuplanen“! Das freie persönliche Gebet und das gemeinsame in Familie oder Gemeinde, sei es nun die Ulrichs-Andacht oder eine Novene zum Schutzpatron unseres Bistums, vertiefen die Beziehung zu ihm und zu allen Heiligen, die, wie die Dichterin Hilde Domin in einem wunderbaren Vers sagt: „wund sind, vom Willen zu helfen.“[2]

Warum vertrauen wir oft unseren kleinen, windigen Kräften mehr als den starken derer, die in der Herrlichkeit Gottes leben? Weil uns das Vertrauen fehlt und der Mut gegen den Strom der Gleichgültigkeit, der Empathielosigkeit zu schwimmen!

Lassen wir es nicht zu, dass wir selbst und alle, die in unseren Familien heranwachsen, abstumpfen vor dem Leid derer, die zu uns flüchten. Nehmen wir bewusst und mit Verantwortung die Herausforderungen an, die heute an uns Europäer gestellt sind. Der heilige Ulrich tat alles dafür, dass die feindlichen Angriffe gegen Städte und Dörfer seines Bistums abgewehrt werden konnten. Krieg ist jedoch nie Selbstzweck und einzig als Verteidigung zu rechtfertigen: sich mit aller Kraft für den Frieden einzusetzen dagegen vornehmste Pflicht jedes Menschen guten Willens, erst recht derer, die in der Nachfolge des Friedensfürsten (vgl. Jes 9,5) Jesu Christi stehen. Nur weil der Bischof von Augsburg zusammen mit dem Bischof von Chur 954 einen Vater-Sohn-Konflikt zwischen König Otto und Luitolf im letzten Moment deeskalieren konnte, war das königliche Heer Monate später überhaupt in der Lage, die militärische Entscheidung auf dem Lechfeld herbeizuführen.

Sicher hat der Bischof Ulrich in den folgenden 20 Jahren noch erfahren, dass die Christianisierung Ungarns rasch voranschritt, vor allem unter dem 969 geborenen Arpadenfürsten und späteren König Stephan I. Die größte Heilige aus dieser Region ist aber wohl Elisabeth, Tochter des ungarischen Königs und einer Mutter aus dem Geschlecht der Andechs-Meranier. Als Landesmutter von Thüringen und Franziskanerterziarin gilt sie als Heilige der Caritas schlechthin.

Schon ein solch kurzer Blick in die Geschichte lehrt: Europa war immer pluralistisch und ethnisch vielfältig. Daher sollten wir nüchtern und wachsam sein gegenüber all jenen, die Geschichtsklitterung betreiben und Einheitlichkeit, ja Uniformität fordern, wo nur Einheit in Vielfalt fruchtbar ist, im Kleinen wie im Großen. Bleiben wir wachsam und dem Evangelium treu!

Der diesjährige Karlspreisträger, Präsident der Europäischen Rabbiner-Konferenz Pinchas Goldschmidt, setzt sich seit Jahrzehnten für den Dialog zwischen Juden und Muslimen ein. Als ein Netzwerker des Friedens und der Versöhnung hat der in Zürich Geborene nach 30jähriger seelsorglicher Tätigkeit in Moskau nach Kriegsbeginn Russland verlassen müssen. Dennoch will er nicht aufgeben, für die Werte des Friedens, der Freiheit und der Demokratie zu arbeiten.[3] In seiner Dankesrede, die ich Ihnen sehr ans Herz lege, spricht er auch uns ins Gewissen:

„Heute ist mehr denn je Dialog notwendig, um sicherzugehen, dass dieses Jahrhundert nicht wie das letzte in Blutvergießen und Krieg, in Verzweiflung und Hass gipfelt. Da sich heute, mit der Ankunft neuer Einwanderergesellschaften und Gruppen, der Charakter Europas verändert, denke ich, dass wir, die Juden, die, nachdem sie ihr Land und ihre Heimat verloren hatten, nicht nur überlebten, sondern Jahrhunderte und Jahrtausende als Minderheit lebten und Erfolg hatten, unsere Erfahrung und Expertise mit anderen teilen wollen, um Europa und die Welt zu einem besseren Ort zu machen, zu einem sicheren Ort zu unserem eigenen Wohl und dem zukünftiger Generationen.“[4]

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir heute das Hochfest des heiligen Ulrich begehen und uns damit einen Mann und eine Zeit vor mehr als 1.050 Jahren vergegenwärtigen, dann können wir - vielleicht sogar mehr als noch vor einigen Jahren - erkennen, wie sehr sich die Zeiten ähneln. So sind wir noch mehr herausgefordert, ernst zu machen mit unserem christlichen Glauben – verbünden wir uns mit allen Menschen guten Willens und trauen wir Gott im Gebet viel, sehr viel zu, denn er ist der Herr der Geschichte und unseres eigenen Lebens.

[1] Zitiert nach Entstehungsgeschichte (karlspreis.de)

[2] Hilde Domin, Die Heiligen (Gedicht).

[3] Vgl. Dankesrede des Karlspreisträgers Pinchas Goldschmidt in: Die Rede des Karlspreisträgers Rabbiner Pinchas Goldschmidt im Wortlaut | Jüdische Allgemeine (juedische-allgemeine.de), aufgerufen 15. Mai 2024.

[4] Ebd.