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Predigt von Bischof Bertram zum Fest Kreuzerhöhung im Caritas-Seniorenzentrum St. Ulrich in Peißenberg

Stehen zum Kreuz

14.09.2024 13:08

Lieber Herr Dekan Fetsch, lieber Georg, liebe Mitglieder des Seelsorgeteams, liebe Bewohnerinnen und Bewohner, liebe Pflegende, liebe Schwestern und Brüder im Glauben an den Herrn, der Leiden und Tod durch die Auferstehung überwunden hat, im Juli ging in unserem Bistum das Doppeljubiläum zu unserem Bistumspatron zu Ende, der zugleich auch der Patron Ihres Seniorenzentrums hier ist. Der heilige Ulrich, mit dem viele von uns sich durch ein ganzes Jahr intensiv beschäftigt haben, er ist uns sehr nahegekommen. Deshalb laden wir ihn heute als mächtigen Fürsprecher für alle, die in der Not ihres Lebens zu ihm rufen, ausdrücklich zu diesem Festgottesdienst ein.

Bereits zu seiner Zeit, im 10. Jahrhundert, hat auch die weströmische Kirche das Fest der Auffindung des Hl. Kreuzes durch die Kaiserin Helena gefeiert. Bischof Ulrich gehörte zu den großen Verehrern des Kreuzes unseres Herrn Jesu Christi. Der Überlieferung nach empfing er am Morgen der Lechfeldschlacht im August 955 von einem Engel das Kreuz, die crux victorialis, als ermutigendes Zeichen für deren siegreichen Ausgang. Tatsächlich entschied sich in jenen denkwürdigen Tagen das Schicksal nicht nur des Bistums Augsburg, sondern ganz Europas: Die Ungarn ließen infolge ihrer Niederlage von weiteren Raubzügen gen Westen ab und öffneten sich sowohl für eine friedliche Koexistenz mit ihren Nachbarn als auch für das Evangelium, die Frohe Botschaft von Jesus, dem Sohn Gottes. Daraus entwickelte sich schon bald Wunderbares: Eine unserer größten Heiligen des Mittelalters, die hl. Elisabeth von Thüringen, einst als vierjährige Prinzessin auf die Wartburg gekommen und mit dem dortigen Landgraf verheiratet, verdanken wir dem ungarischen Volk.

„Ave crux – spes unica: Sei gegrüßt, Du heiliges Kreuz, einzige Hoffnung“ so beten wir im lateinischen Karfreitagshymnus des Venantius Fortunatus aus dem 6. Jahrhundert (Vexilla regis). Der vollständige Text der vorletzten Strophe lautet:

„Sei gegrüßt, o Kreuz, einzige Hoffnung, in dieser Zeit des Leidens vermehre den Frommen die Gnade und Sündern tilge die Vergehen.“

Das Kreuz ist kein Talisman oder Amulett – und es ist aufgrund seiner blutigen Geschichte kein nur friedliches Zeichen. Immer wieder nehmen Menschen Anstoß am Kreuz, verhöhnen es, wie bereits der Graffitti-Zeichner im alten Rom, der es mit einem Eselskopf ausstattete und darunterschrieb: „Anaxamenos betet seinen Gott an“ (210 n. Chr.), oder sie lehnen es ab als Erinnerungszeichen an der Wand von Schulräumen, wie die Beschwerdeführer beim Bundesverfassungsgericht im Jahre 1995.

Paulus hatte schon recht, wenn er an die christliche Gemeinde von Korinth schrieb: „Das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft“ (1 Kor 1,18). Auch die kupferne Schlange, die Mose in der Wüste an einer Stange aufhängte (Num 21,8), war nicht einfach ein Symbol, sondern sollte jenen, die an ihre Rettung durch den ewigen Gott glaubten, Zuversicht schenken: Wer „aufblickte, blieb am Leben“, hieß es vorhin in der Lesung. Damit wird genau das umschrieben, was das - Gott sei Dank seit der Pandemie wieder mehr in Gebrauch gekommene - Wort „Zuversicht“ von seinem Ursprung her ausdrückt: „Zu-versicht“ meint das ehrfurchtsvolle Nach-oben-Schauen! Haben dann nicht gerade wir Christen genug Grund, Zuversicht auszustrahlen, weil wir aufschauen können zum Sohn Gottes, dem Menschensohn, der erhöht wurde, damit jeder, der glaubt, in ihm das ewige Leben hat“ (Joh 3,14-15)?

„Das Kreuz verkündet, dass der letzte Sieg nicht dem gehört, der über andere triumphiert, sondern dem, der über sich selbst triumphiert; nicht dem, der anderen Leid zufügt, sondern der selber leidet" (P. Raniero Cantalamessa). Tatsächlich: Das Kreuz stellt alle unsere menschlichen Maßstäbe auf den Kopf und das macht es oft so schwer, sich gerade im eigenen Leid dem Kreuz zuzuwenden.

Doch wir haben in so vielen Heiligen geduldige und hilfreiche Vorbilder. Ich weiß nicht, ob es hier im Haus schon eine solche Tradition gibt, aber vielleicht wollen Sie ab heute damit beginnen: Fügen Sie doch bei Ihren Andachten oder dem gemeinsamen Rosenkranz eine Anrufung zum heiligen Ulrich und der heiligen Afra hinzu. Sie starb als Märtyrerin und ist schon von da her eine gute Anlaufstelle für jeden von uns, der seines Lebens nicht mehr froh wird; und der heilige Ulrich stöhnte als bereits alter Mann viele Jahre unter der bischöflichen Bürde, die er aus Gehorsam gegenüber seinen Vorgesetzten weitertrug. Gleichzeitig gehörte er zu den innigsten Verehrern seiner ‚älteren Schwester‘ Afra, die ihm, wie die Lebensbeschreibung des Dompropstes Gerhard bezeugt, zweimal in einer Vision erschien, um ihm in Zeiten der Ratlosigkeit Mut zuzusprechen und Wegweisung zu geben. Für sich selbst, so heißt es, ließ er „an der südlichen Außenwand der Afrakirche ein Grab ausheben, es nach außen mit einer Mauer umschließen, die Kirchenwand durchbrechen und darüber einen gemauerten Bogen wölben. (…) Als er so für sein Begräbnis vorgesorgt hatte, pflegte er fortan jede Woche freitags den Platz zu besuchen und dort das Opfer darzubringen“ (Vita I,14, 25; 32) – gemeint ist, er hat an seinem zukünftigen Grab die Heilige Messe gefeiert.

Dies ist der tiefere Sinn des Festes Kreuzerhöhung: seinen eigenen Tod nicht zu verdrängen, sondern ihn ins Leben hineinzunehmen. Wir sind es heute leider nicht mehr gewohnt, die Kunst des Sterbens, die Ars moriendi, wie sie schon die alten Griechen übten, in den Blick zu nehmen. Und doch täten wir gut daran, ähnlich dem heiligen Ulrich ein kleines Ritual zu pflegen, um uns mit dem Tod vertraut zu machen. Er hat sich ja nicht umsonst den Freitag für den Besuch an seiner Grabstätte herausgesucht, an dem wir Christen uns traditionell an den Tod Jesu erinnern!

Doch noch einen weiteren vorbildlichen Mitchristen möchte ich heute in diesen Gottesdienst einladen. Vielleicht haben Sie seinen Namen schon einmal gehört: Hermann Josef Wehrle, geboren 1899, war ein Cousin des seligen Pater Rupert Mayer und auch selbst Priester in der Erzdiözese München-Freising. Zusammen mit dem Jesuiten Alfred Delp wirkte er während der NS-Zeit als Kaplan in der Pfarrei Heilig Blut Mü-Bogenhausen. Dort zählte zu seinen ‚Beichtkindern‘ der Freund des Hitlerattentäters Claus Graf von Stauffenberg, Ludwig Freiherr von Leonrod. Der war sich unsicher, ob er durch das Wissen um die Attentatspläne, in die ihn Stauffenberg eingeweiht hatte, ohne dass er eine führende Rolle im Widerstand spielen sollte, als Katholik nicht in einer Todsünde lebte. Sein Beichtvater, Kaplan Wehrle, verneinte dies, wies jedoch auch darauf hin, dass Tyrannenmord aus kirchlicher Sicher keiner Privatperson erlaubt sei. Nach dem Scheitern des Attentats am 20. Juli 1944 wurde Leonrod und infolge seiner Aussage auch Wehrle verhaftet. Beide hat der NS-Richter Roland Freisler am 14. September 1944 vor Gericht gedemütigt und erbarmungslos zum Tod verurteilt. Noch am selben Tag wurde das Urteil in Berlin-Plötzensee vollstreckt. Wehrles Schwester Gertrud „fand in der zurückgeschickten Kleidung ihres Bruders zwei kleine Zettel. Auf einem stand ein Zitat des Jesuiten Peter Lippert: ‚Der Weg des Menschen zu Gott heißt an seiner steilsten Strecke Einsamkeit.‘ Auf dem anderen: ‚Ich bin eben zum Tode verurteilt. Welch schöner Tag – heute Kreuzerhöhung.‘“[1]

Hermann Josef Wehrle ist sehr viel unbekannter als sein Mitkaplan Alfred Delp. Doch wir sehen an seinem Leben, das er mit 45 Jahren vollendete, wie ein Mensch, der die Nachfolge Christi ganz ernst nimmt, noch in einem zutiefst ungerechten und gewaltsamen Ende die Führung Gottes erkennen kann: „Welch schöner Tag – heute Kreuzerhöhung.“ Ich wünsche uns, dass auch wir die Schönheit dieses Festes immer tiefer erfassen. Amen.

[1] Gisela Achminow, Hermann Josef Wehrle: Unruhig ist unser Herz. Pfarrei Heilig Blut München 2004, S. 1-4, hier: S. 4.