Wir glauben und hoffen nicht allein
Liebe Schwestern und Brüder! Es ist in meinen Augen eine Fügung Gottes, dass wir in einer Zeit, die von Unsicherheit und Gewaltakten geprägt ist, ein Heiliges Jahr feiern dürfen, das unter dem Leitwort steht: „Pilger der Hoffnung“. Damit erinnert uns Papst Franziskus an die Frohe Botschaft, die mit Jesus Christus in die Welt kam und der wir durch unseren Glauben und den Empfang der Sakramente zutiefst verbunden sind.
In Jesu Heilshandeln erfüllt sich die Prophezeiung Jesaias, wie es der Evangelist Matthäus bekennt: „Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem ich Gefallen gefunden habe. Ich werde meinen Geist auf ihn legen und er wird den Völkern das Recht verkünden. (…) Und auf seinen Namen werden die Völker ihre Hoffnung setzen“ (Mt 12,18.21).
Am Beginn der Fastenzeit gehen wir zusammen mit der erwachenden Schöpfung auf das Fest zu, das den Höhepunkt unseres Glaubens markiert: die drei heiligen Tage von Leiden, Tod und Auferstehung unseres Herrn. Damit wird deutlich: Hass und Krieg, Tod und Zerstörung haben nicht das letzte Wort. Wir Christinnen und Christen sind, wie es Papst Benedikt XVI. einmal sagte, Menschen der Hoffnung, „auch und vor allem angesichts der Dunkelheit, die es oft in der Welt gibt und die nicht vom Plan Gottes abhängt, sondern von den falschen Entscheidungen des Menschen.“[1]
Schon der Apostel Paulus wird nicht müde, den neugetauften Christen, die sich dem Unverständnis und der Verfolgung ihrer Mitmenschen ausgesetzt sahen, Mut zuzusprechen: „Auf Hoffnung hin sind wir gerettet. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Denn wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht? Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld. So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an“ (Röm 8,24-26). Geduld und Hoffnung gehören also ganz eng zusammen. Zugleich sind es Haltungen, die uns heute oft schwerfallen. Da lohnt es sich, die österliche Bußzeit zu nutzen, um sich zu fragen: Was macht mich hoffnungsvoll? Was oder wen brauche ich, damit das ‚kleine Pflänzchen Hoffnung‘ in mir gedeihen kann? Wo kann ich an meiner Geduld arbeiten? Wem könnte ich in diesen Tagen des Frühlings Zeit und Aufmerksamkeit schenken?
Wir wissen doch: Mein Glaube ist kein Mantel, den ich anziehe, um ihn in die Kirche zu tragen und nach dem Gottesdienst wieder an den Garderobenhaken zu hängen. Der Glaube an Jesus Christus ist vielmehr, um im Bild zu bleiben, meine zweite Haut, durch die ich das Leben, das Gott mir geschenkt hat, spüren und gestalten kann. Sie gibt mir Schutz und zugleich macht sie mich verletzlich. Weil ich glaube, übe ich mich darin, die Welt mit den Augen Gottes zu sehen und mit ihr zu leiden, so wie Jesus mit und an der Welt gelitten hat. Manch schwerer Verlust und vieles, woran ich mich wundreibe, hinterlassen Spuren, die mein Leben prägen. Dabei aber nicht stehen zu bleiben, sondern weiterzugehen, das vermag ich im Vertrauen auf meinen Herrn und Schöpfer, in dessen Hand ich geborgen bin.
Im Römerbrief fordert Paulus die Gemeinde zum gemeinsamen Lobpreis auf und schließt mit einem Wunsch, der uns aus der hl. Messe vertraut ist: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes“ (Röm 15,13).
In diesem Jahr feiert fast die gesamte Christenheit auch das Gedenken an das Konzil von Nicäa (325). Vor 1.700 Jahren wurde dort zum ersten Mal das Credo formuliert, das wir seit dem Konzil von Konstantinopel (381) als das sog. große Glaubensbekenntnis kennen. In ihm wird der dreieine Gott angebetet. Er hat sich uns Menschen in drei göttlichen Personen, die in ewiger Beziehung zueinander leben, geoffenbart. Bezeichnenderweise heißt es im griechischen Original aber nicht „Ich glaube“, sondern „Wir glauben“. Denn der Glaube des Einzelnen lebt von der Gemeinschaft. Das Ich wird eingebettet in das Wir. Wir glauben und hoffen nicht allein. Die wenigsten Menschen finden ja zum Glauben, weil sie sich allein auf die Suche machen, sondern mehrheitlich wird der Glaube weitergegeben: von Eltern und Großeltern an die Kinder und Enkel oder von Freundinnen und Vorbildern, denen junge Menschen nacheifern.
Bei der jährlichen Zulassungsfeier für Taufbewerber im Dom bin ich jedes Mal sehr bewegt, wenn ich von den verschlungenen Glaubenswegen der erwachsenen Kandidatinnen und Kandidaten höre. „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt“, wird als geflügeltes Wort von Papst Benedikt XVI. überliefert. Deshalb ist mir um die Kirche nicht bange, solange sie sich am Evangelium orientiert und ihr Glaube auf Hoffnung und Liebe gründet. Halten wir uns also an Christus, halten wir die Mitte zwischen den Extremen und verlieren wir nicht das Ziel aus den Augen (Phil 3,20). Menschen, die sich in die Mitte stellen und ausgleichen, sind gerade in unserer Zeit Gold wert. Sie setzen nicht aufs Polarisieren, sondern aufs Integrieren. Lassen wir uns nicht auseinanderdividieren – weder in der Kirche noch in der Gesellschaft! Unsere Mitte hat einen Namen und ein Gesicht: Jesus Christus. Wer der Mitte nachspürt, wird nicht mittelmäßig, sondern stark – so stark, dass er sagen kann: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).
Mit der Erinnerung an einen ebenfalls im 4. Jahrhundert entstandenen Gebetstext möchte ich schließen: Wir singen das „Te Deum laudamus“ im Gottesdienst bevorzugt in der Fassung von Ignaz Franz (GL 380). Besonders zu Hochfesten und Jubiläen wird der Chor der Gläubigen oft durch ein Blasorchester kräftig unterstützt. In diesem Lobpreis eines unbekannten Verfassers vermuten Fachleute ein Hochgebet der Osternachtliturgie[2], das sich von der Anbetung der Trinität über das Bekenntnis zu Jesus Christus zum Fürbittgebet hin gestaltet. Am Ende erfolgt ein plötzlicher Umschlag des Wir zum Ich. Hier gibt wohl ein gerade getaufter Mensch seiner Hoffnung und Freude Ausdruck: „Erbarme dich unser, o Herr, erbarme dich unser. Lass über uns dein Erbarmen geschehn, wie wir gehofft auf dich. – Auf dich, o Herr, habe ich meine Hoffnung gesetzt. In Ewigkeit werde ich nicht zuschanden.“[3]
Von Herzen wünsche ich Ihnen, dass Sie in den kommenden Wochen der Vorbereitung auf das Fest der Auferstehung dieses Gebet innerlich mitsprechen können und Ihren Glauben neu als tragenden Lebensgrund und Nährboden der Freude entdecken! Ich freue mich schon heute, dass Ost- und Westkirche in diesem Jahr einen gemeinsamen Ostertermin haben und wir in ökumenischer Verbundenheit das Halleluja anstimmen können.
Dazu segne Sie der allmächtige Gott + der Vater + der Sohn und + der Heilige Geist. Amen.
Augsburg, am 14. Februar 2025,
dem Fest der heiligen Cyrill und Methodius, Patrone Europas
Ihr
+ Bertram
Dr. Bertram Meier
Bischof von Augsburg
[1] Vgl. Predigt von Papst Benedikt XVI. zum Jahresschluss 31. Dezember 2012.
[2] Vgl. Ernst Kähler, Studien zum Te Deum und zur Geschichte des 24. Psalmes in der Alten Kirche, Göttingen 1958.
[3] Nach der Übersetzung von Romano Guardini (1950).
Eine Aufzeichnung des Hirtenwortes mit Gebärdendolmetscher findet sich auf Youtube.