Woran erkennt man uns Christen?
Liebe Schwestern und Brüder, „Wir heißen Kinder Gottes und sind es. Darum beten wir voll Vertrauen: Vater unser im Himmel…“ So wird in unseren Gottes- diensten oft das gemeinsame Sprechen des Gebetes eingeleitet, das Jesus seine Jünger gelehrt hat. Vor Gott stehen wir alle als seine Geschöpfe, Schwestern und Brüder mit gleichem Ursprung und gleicher Würde.
So ist das Vater Unser nicht so sehr als Gebet eines einzelnen Menschen konzipiert, sondern es verbindet uns unter- einander, indem wir uns als Menschen in der Nachfolge Jesu an den himmlischen Vater wenden. Daran erkennt man uns als Christinnen und Christen: Wir machen uns die Worte des Gottessohnes zu eigen und treten in die Spuren Jesu. Vestigia Christi sequi (den Spuren Christi folgen) – dies benennt der heilige Franz von Assisi als Lebensaufgabe für sich und alle, die seine Spiritualität beherzigen. Daher wurde er, dessen Tod (4. Oktober 1226) sich dieses Jahr zum 800. Mal jährt, auch von seinen Zeitgenossen als alter Christus – zweiter Christus wahrgenommen. Bis heute fasziniert der Poverello Millionen von Menschen, auch solche, die gar nicht der katholischen Kirche angehören. Nehmen wir ihn als Impuls für die Frage: Was sind Erkennungszeichen der Menschen, die sich Jesus von Nazareth angeschlossen haben?
1. Orientierung am Vorbild Jesu
Jedes Jahr zu Beginn der Fastenzeit hören wir die Geschichte von der Versuchung Jesu, heuer in der Fassung des Evangelisten Matthäus (Mt 4,1-11).[1] Jesus hatte sich am Anfang seines öffentlichen Auftretens in eine Reihe mit vielen gläubigen Juden gestellt und die Bußtaufe des Johannes empfangen. Von Anfang an wollte er, der ohne Sünde war, sein wie wir.
Auch die 40 Tage des Rückzugs in die Wüste zu Fasten und Gebet sind nicht als exklusive Übung zu verstehen, sondern waren bewährte Praxis, wenn sich ein Mensch klar darüber werden wollte, wie er sein Leben mit Gott verbinden kann. In vielen Kulturen war und ist es üblich, sich auf Zeit einer physischen und psychischen Belastungsprobe zu unterziehen, um zu erkennen, wozu gerade ich auf der Welt bin. Es geht dabei um die ganz persönliche Beziehung zu meinem Schöpfer und zu allem, was mit mir auf dieser Erde lebt. Das ist nicht nur etwas für „Profis“. Es gilt, dem Plan Gottes auf die Spur zu kommen.[2]
Heute noch ist es gute Gewohnheit für Ordensleute und solche, die die Kostbarkeit von z. B. ignatianischen Exerzitien entdeckt haben, einmal im Jahr in die Stille zu gehen, um ihr Leben zu überprüfen und den Kompass ihres Herzens neu am Evangelium auszurichten. Sie erfahren ganz konkret die Wahrheit des Schriftwortes, das Jesus seinem Hungergefühl und der Versuchung, das Fasten zu unterbrechen, entgegensetzte: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Mt 4,4).
Wie steht es um meine Beschäftigung mit dem Wort Gottes? Lebe ich im Alltag unter und mit dem „Wort des lebendigen Gottes“, wie es die Lektorin/der Lektor nach der Lesung im Gottesdienst ausdrücklich nennt? Was hindert mich heute, am Anfang der österlichen Bußzeit 2026, damit zu beginnen, einmal am Tag die Bibel zur Hand zu nehmen und mich ansprechen zu lassen von „Gottes Wort im Menschenwort“, wie es die Konzilskonstitution Dei Verbum (DV 11) auf den Punkt gebracht hat?
Vor bald 300 Jahren begann in der protestantischen Herrnhuter Brüdergemeine die Geschichte der sog. „Losungen“. Längst lassen sich nicht nur evangelische Christen von der Tageslosung inspirieren, sondern Christinnen und Christen vieler Konfessionen in rund 60 Sprachen. Seit Jahren übe auch ich diese Praxis und erfahre täglich, wie sehr sie den Alltag prägt und die Beziehung zu Gott vertiefen hilft.
2. „Gebt Gott, was Gott gehört!“ (Mt 22,21)
Wir leben in einer Zeit, in der gläubige Menschen sich zunehmend isoliert fühlen, in der Schule und am Arbeitsplatz in den Verteidigungsmodus schalten, wenn in Auseinandersetzungen die Existenz Gottes oder die Daseinsberechtigung der Kirche in Frage gestellt wird. Viele wählen den Weg des geringsten Widerstandes und vermeiden Gespräche über den Sinn des Lebens bzw. ihre persönliche Ausrichtung an der Botschaft Jesu und der Lehre der Kirche. Die „Gretchenfrage“ nach der Religion wird ausgeblendet.
Andere wiederum tragen ihren Glauben offensiv zur Schau und treten kämpferisch-selbstbewusst auf. Nicht selten kompromisslos, solidarisieren sie sich mit Menschen, die öffentlich eine Rückkehr zur scheinbar „guten alten Zeit“ fordern, in der die Vielfalt von Konfessionen, Religionen und Kulturen hierzulande nicht so groß war wie heute. Dabei geraten sie schnell in Gefahr, nur in Schwarz-Weiß-Kategorien zu denken. Sie sehen nicht mehr das einzelne Schicksal, sondern klassifizieren ganze Gruppen ab. Die Konsequenzen kennen wir: Polarisierung und Ausgrenzung.
Als Menschen in der Nachfolge Jesu sind wir aufgefordert, „nüchtern und wachsam“ (1 Petr 5,8) zu sein. Pauschalaussagen und Vorurteile oder gar gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit stehen im krassen Gegensatz zum Evangelium. „Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen“ (Mt 4,10b). So antwortet Jesus dem Versucher, als er ihn mit Macht und Reichtum ködern will. Täuschen wir uns nicht: Der Gottesdienst geht nicht zusammen mit Menschenhass, Neid, Karrieresucht und Machtgier! Wer wahrhaft in der Nachfolge Jesu steht, orientiert sich an den zehn Geboten und weiß um das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe. Denn „an diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 22,40).
Nutzen wir die bevorstehende Fastenzeit aber auch dazu, die Kultur des Sonntags zu pflegen. Die frühen Christen nahmen Entbehrungen und gesellschaftliche Ächtung auf sich, weil sie den „Tag des Herrn“ in Erinnerung an die Auferstehung Jesu heilig hielten und damit in ihrer nichtchristlichen Umgebung auf Unverständnis stießen. Mit Sanktionen, ja sogar mit der Androhung der Todesstrafe gingen die römischen Behörden über Generationen hinweg gegen die Beharrlichkeit der Jesusanhänger vor, den Sonntag von allem freizuhalten, was der Bedeutung dieses Tages widersprach. Meine Bitte lautet: Entdecken wir den Sonntag als Geschenk neu! Heiligen wir den Sonntag, indem wir Gott die Ehre geben und uns den Menschen widmen, die uns anvertraut sind. Die Feier der Eucharistie soll uns dabei Quelle und Höhepunkt sein.
3. Gelebter Glaube hat den Mitmenschen im Blick
„Wer glaubt, ist nie allein“, so lautet ein bekanntes Wort von Papst Benedikt XVI.[3] Es gilt allerdings auch umgekehrt: Ich kann nicht allein glauben. Und Glaube sucht nach Ausdruck. Jesus erklärt diesen Zusammenhang seinen Jüngern ganz anschaulich: „Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor und der böse Mensch bringt aus dem bösen das Böse hervor. Denn wovon das Herz überfließt, davon spricht sein Mund. Was sagt ihr zu mir: Herr! Herr! und tut nicht, was ich sage?“ (Lk 6,45).
Anbetung, Lobpreis, ja selbstauferlegte Opfer und Verzicht werden erst dann fruchtbar, wenn ich mich von der Not und Bedürftigkeit meines Mitmenschen betreffen lasse. Dabei ist es zweitrangig, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Religion, welchen Bildungsstand oder gesellschaftlichen Status er hat. Er ist ein Mitgeschöpf und vor Gott mir gleichgestellt. Christinnen und Christen erkennt man daran, dass sie keinen Unterschied machen zwischen Hohen und Niedrigen, Armen und Reichen, Gesunden und Kranken, Freunden und Feinden. Sie wissen sich von der Botschaft Jesu aufgefordert, allen Respekt zu erweisen, weil sie alle als Kinder des gleichen Vaters sehen.
Dietrich Bonhoeffer bringt es treffend auf den Punkt: „Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen (…), dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Umkehr und so wird man ein Mensch, ein Christ.“[4]
In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine gesegnete österliche Bußzeit, in der Sie die Nähe Gottes spüren dürfen im Namen + des Vaters und + des Sohnes und + des Heiligen Geistes. Amen.
Augsburg, am Aschermittwoch 2026
Ihr
+ Bertram
Dr. Bertram Meier, Bischof von Augsburg
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Eine Aufzeichnung des Hirtenwortes mit Gebärdendolmetscher findet sich auf Youtube.
[1] Diesem Thema habe ich mein Hirtenwort zum Advent 2021 gewidmet.
[2] Vgl. Papst Franziskus, Evangelii gaudium, Nr. 273: „Jeder und jede ist Mission. Sie ist nicht ein Teil meines Lebens oder ein Schmuck, den ich auch wegnehmen kann. Sie ist etwas, das ich nicht aus meinem Sein ausreißen kann. Eine Mission zu sein bedeutet, Licht zu bringen, zu segnen, zu beleben, aufzurichten, zu heilen, zu befreien.“
[3] Es war das Motto seines Pastoralbesuches in seiner bayerischen Heimat im September 2006.
[4] Widerstand und Ergebung, DBW, Bd. 8, 542f.