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RAUBKUNST, BEUTEKUNST, STAATLICHE ENTEIGNUNG. Verbrechen gegen Kunst- und Kulturgut in der Geschichte

13.03.2025 18:30

Vortrag mit Dr. Oliver Class im Haus Sankt Ulrich am 13.3.2025

Der Thematisierung insbesondere des Kunstraubs im Dritten Reich wird manchmal entgegengehalten, dass man Geschichte auch irgendwann auf sich beruhen lassen müsse. Frederic-Joachim Kaminski vom Akademischen Forum reflektierte in seiner Einleitung in diesem Zusammenhang über Wiedergutmachung und fortbestehende Schuld auch aus einer theologischen Perspektive, indem er Raub von Kunst am Laster der Ruhmsucht erklärte. Es wurde deutlich, dass dass aus ethisch-religiöser Perspektive kein Weg an der weiteren Beschäftigung mit Raubkunst vorbeiführt.

 

Ausgesprochen kenntnisreich, fast mit kriminologischem Gespür und fesselnd ermöglichte der international renommierte Kunstexperte Dr. Oliver Class einen orientierenden Überblick zu einem Thema, das über die tagespolitische Brisanz hinaus sich über Jahrhunderte erstreckt. Den Schwerpunkt des Abends legte Class auf die komplexe Situation der Nachkriegsjahrzehnte und verstand sein Publikum mit lebendig dargestellten Fällen und Schicksalen in den Bann zu schlagen. Class betonte in seiner vielschichtigen Reflexion, dass letztlich jeder Fall, jedes Kunstwerk, jede Biografie einzeln bewertet werden muss. Am Ende seines Vortrags, den er trotz der vielen Einzelfälle und der Fülle der Thematik weitgehend frei gestaltete, merkte er an, dass er gut noch weitere 4 Stunden hätte referieren können, denn nicht erst seit dem spektakulären „Fall Gurlitt“ beschäftigt das Thema Wissenschaft, Medien und Justiz: der ungeheuerliche Raubzug der Nationalsozialisten durch die Museen und Sammlungen Europas, die oft nur unzureichende Wiedergutmachung von Kunstraub und Enteignung in den Nachkriegsjahrzehnten und die heute noch offenen und auch gegenwärtig konträr diskutierten Restitutionsbegehren von Nachfahren der Opfer. So ist und bleibt der Kunstraub der Nazis ein gleichermaßen historischer wie hochaktueller Tatbestand deutscher und europäischer Geschichte.
Der Vortrag betrachtete diesen vielgestaltigen Themenkomplex aus mehreren Perspektiven:
aus kunst- und universalhistorischer, aus forensischer und ökonomischer, aus ethischer und ideologiehistorischer Sicht und entwickelte ein Überblick über diesen Aspekt der Gewaltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.

 
Der Blick auf Raub- und Beutekunst stellte sich als ein überzeitliches Phänomen dar: nicht nur im zwanzigsten Jahrhundert waren Kunstgegenstände die oft wohlfeile Beute von Eroberern und staatlich sanktionierten Räubern. Und stets wurden die Objekte zwar flott entwendet, in vielen Fällen jedoch nur spät oder überhaupt nie zurückgegeben.
Die Geschichte von Raub- und Beutekunst ist dergestalt auch eine Geschichte des unendlichen Unrechts.