Stille Nacht, heilige Nacht.
„Christ der Retter ist da.“ Das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ ist das gemütvollste Weihnachtslied, das ich kenne. Heute habe ich es mit Gefangenen in der JVA Aichach schon einmal gesungen, in dieser Nacht werden wir es gemeinsam anstimmen:
„Stille Nacht, heilige Nacht“. In seiner letzten Strophe mündet es in den Freuden-Ruf: „Christ der Retter ist da.“
„Christ der Retter ist da.“ Das ist der Kern der Weihnachtsbotschaft. Im göttlichen Kind im Stall von Bethlehem ist der Welt der Retter geboren. In ihm liegt die Rettung der Menschheit. Wie ist das zu verstehen?
Es sind nicht nur die Austrittszahlen, es ist die gesamte Atmosphäre, die bei uns herrscht: Bei immer weniger Menschen spielt Gott eine wirkliche Rolle. Gott ist im Gehen. Weihnachten feiern geht auch ohne Gott. Doch wo wir aufhören, Gott die Ehre zu geben, fangen wir bald an, uns selbst groß aufzuspielen. Der Mensch ist nicht mehr zu retten. Wenn Gott im Gehen ist, dann sind die Götzen im Kommen. Manche, vor allem jene, die viel Geld in Händen halten, denken, sich selbst retten zu können. Der amerikanische Präsident meint: Alles ist ein Deal. Doch die eigene Rettung liegt nicht im schnellen Geld; koste es, was es wolle. Gerade das vergangene Jahr, in dem so viel die Rede war von der Finanz- und Wirtschaftskrise, zuletzt von der Rentenreform, ist eine Offenbarung: Es zeigt, dass wir auf dem Holzweg sind, wenn wir das Glück und den Sinn des Lebens allein durch das Materielle, das große Geld machen wollen. Gott war im Gehen, heute an Weihnachten ist er wieder im Kommen. Gott ist nicht „out“, er ist voll „in“. An Weihnachten feiern wir seine Gegenwart: Immanuel, Gott mit uns. Er ist mitten unter uns. Christ der Retter ist da!
Das Lied, in dem Christus, der Retter, besungen wird, heißt „Stille Nacht, heilige Nacht“. Mitten in der Nacht sind wir heute zusammengekommen, um Weihnachten zu feiern. Es ist kein Zufall, dass der Geburtstag Jesu Weihnachten heißt und nicht etwa „gesegneter Tag“. Bei Nacht, dazu noch in der dunklen Jahreszeit, mitten im Winter, feiern wir Weihnachten. Darin liegt eine Botschaft: Sie verweist auf die dunklen Nächte des Lebens, wenn es einfach nicht hell werden will, obwohl man sich nach nichts anderem mehr sehnt als nach Sonne und Licht. Die Natur ist dabei eine Lehrmeisterin für das Leben. Auch im Leben kommen wir an den dunklen Nächten nicht vorbei; wir müssen oft dunkle Zeiten durchstehen, und es bleibt nichts anderes übrig, als auszuhalten und abzuwarten, bis sich am Horizont des Lebens ein Lichtblick auftut.
Die dunkle Nacht hat viele Gesichter: eine persönliche Krise, die mit einem unvorhergesehenen Ereignis eingebrochen ist, der Tod eines Menschen, eine Krankheit, der Verlust des Arbeitsplatzes, … Manchmal kann man den Auslöser gar nicht festmachen, und trotzdem ist Nacht: Eine Lebensphase geht zu Ende, Neues steht an, aber ich weiß nicht, wohin. Die Jahre zwischen 40 und 50 enthalten so ein Krisenpotential, nicht nur bei Frauen im Wechsel, sondern auch Männer kommen in die Jahre und haben ihre Tage. Auf einmal steht man vor der Frage, „ob das alles gewesen ist“; da hat jemand schon vieles, vielleicht sogar alles erreicht und fühlt sich dennoch in einem schwarzen Tunnel, wie in der dunklen Nacht. Zwischen 70 und 80 sind es andere Fragen, die den Menschen beschäftigen: Fragen nach dem, was endgültig nicht mehr zu ändern ist, maximal noch leicht zu ergänzen, Fragen nach dem, was ich noch übernehmen kann an Verantwortung, schließlich Fragen nach dem Loslassen und danach, was kommt nach dem Tod.
Es ist kein Zufall, dass die Geburt Jesu in eine der längsten Nächte des Jahres fällt. Diese Nacht ist heute. Doch im wirklichen Leben richtet sie sich nicht nach dem Kalender. Jeder Mensch erlebt seine Nächte zu individuellen Daten und Zeiten. Die dunklen Nächte dauern oft lang: Es sind unübersichtliche Zeiten, mit einigem Schwarz und noch viel mehr Grau. Und gerade in solchen Nächten tut es gut, Lichter anzuzünden: Lichter, die zeigen, dass Christus, das Licht der Welt, mehr Recht hat als die große Dunkelheit.
Christ der Retter ist da! Als „Stille Nacht, heilige Nacht“ von Hilfspriester Joseph Mohr und Lehrer Franz Xaver Gruber komponiert wurde, herrschte eine große Hungersnot. Und trotzdem haben die beiden ihrem Dorf ein Lied geschenkt, das Trost und Hoffnung weckte. Wenige, einfache, aber zu Herzen gehende Töne haben sich den Weg gebahnt durch die ganze Welt. Das Lied wird in dieser Nacht auf allen fünf Kontinenten in 350 Sprachen und Dialekten gesungen. Wie damals Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber ein Licht angezündet haben, so wollen auch wir Lichter füreinander sein: Lichter, das sind
- leuchtende Kinderaugen,
- dankbare Blicke für einen kleinen Tipp,
- eine liebevolle Umarmung als Dank für das hingehaltene Ohr,
- eine Aufmunterung für einen Menschen, der heute statt „Stille Nacht, heilige Nacht“ lieber „Stille Nacht, einsame Nacht“ anstimmen würde.
Der hl. Vinzenz von Paul hat es treffend auf den Punkt gebracht: „Gottes Sohn ist Mensch geworden, nicht nur, damit ER uns rette, sondern dass wir selber Retter würden wie ER, indem wir mitarbeiten am Heil der Menschen.“
Genau darum geht es: dass wir mitarbeiten am Heil der Menschen, dass wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden für den Retter der Welt.
Wenn wir auf das Kind von Bethlehem schauen, dann wird unser Blick tiefer: Christ der Retter ist da. An Weihnachten geht es nicht nur darum, dass eine Firma gerettet wird. Es zählt auch nicht nur, dass wir aufatmen: Gott sei Dank, eine Beziehung ist gerettet. Gerade nach dem Klimagipfel in Brasilien wäre es auch zu kurz gegriffen, wenn wir sagen: Die Schöpfung ist gerettet. Im Stall von Bethlehem geht es um eine Rettung ganz anderer Art. Seit Gott selbst sich in die Krippe gelegt hat, gilt: Die Welt wird nicht gerettet durch kühle Rechner und kaltes Kalkül, sondern durch die Liebe. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn, sein bestes Stück, seinen Schatz in sie hineingegeben hat (vgl. Joh 3,16).
An dieser Stelle möchte ich erinnern an den „King of Pop“, Michael Jackson (+ 2009). Er war kein Heiliger, geschweige denn der Heiland. Doch er hat ein Lied gesungen, das zur heutigen Nacht bestens passt. Es ist wie ein Gebet: Heal of the world, heal the world. Heil der Welt, heile die Welt! Dieser Wunsch hat sich an Weihnachten erfüllt: Christ der Retter ist da!