Die Beichte bringt Licht
„Spieglein, Spieglein an der Wand…“, fragt die schöne Prinzessin im Märchen. Heute hält uns die Lesung einen Spiegel vors Gesicht. Lassen wir unser Leben ein wenig in diesem Text spiegeln! Vielleicht machen wir dabei eine Neuentdeckung.
Vom Licht war die Rede. Sechsmal kam das Wort in der Lesung vor: „Durch den Herrn seid ihr Licht geworden. Lebt als Kinder des Lichts! Das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor. Alles, was aufgedeckt ist, wird vom Licht erleuchtet. Alles Erleuchtete aber ist Licht. Deshalb heißt es: Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein“ (vgl. Eph 5,8-14).
In den Spiegel dieses Textes schauen wir. Licht kommt in unser Leben. Wir blicken in unsere eigenen Augen. Mag sein, dass wir es gerade gut getroffen haben: Die Falten, Zeugen von Kummer und Wunden, die uns zusetzten, sind geschickt überdeckt. Misstrauen und Scheu, Depression und Farblosigkeit sind hinter der Kulisse unserer Kosmetik verborgen. Gespieltes Selbstbewusstsein und forsches Auftreten lassen die Schuld vergessen, die wir tragen und doch nicht ganz loswerden. Treten wir ungeschminkt und damit ungeschützt vor den Spiegel, wird es uns vielleicht mulmig dabei: „Alles, was aufgedeckt ist, wird vom Licht erleuchtet. Alles Erleuchtete aber ist Licht.“
Wer das begreifen will, muss in die Krippe schauen und aufs Kreuz: In der Heiligen Nacht geht ein Licht auf, und in die Nacht des Karfreitags schimmert schon das Licht des neuen Lebens. Krippe und Kreuz bringen auch Licht in unsere menschliche Existenz. Sie sagen: Das ist unsere Schuld! Umgekehrt gilt: So viel hat Gott sich unsere Vergebung kosten lassen! Am Anfang ließ er sich in eine Krippe legen, am Ende ließ er sich festnageln ans Kreuz. Das sprengt alle Grenzen. Gott hat seinen eigenen Sohn in die Welt „investiert“.
Leben wir aus dieser Dankbarkeit heraus? Warum haben wir Angst vor unserem ungeschminkten Gesicht, warum versuchen wir alle kosmetischen Tricks, um dem Spiegel der Wahrheit zu entgehen oder ihn wenigstens zu unseren Gunsten zu manipulieren?
Sie kennen das Gleichnis vom Verwalter, dem selbst eine hohe Schuld erlassen wird, der aber seinerseits einen Kollegen wegen „Peanuts“ ins Gefängnis bringt. Das heißt: Kaum haben wir uns wieder etwas erholt und hochgerappelt, da legen wir das Kreuz beiseite. Uns, denen ein Balken vom Auge genommen wurde, interessiert wieder mehr der Splitter im Auge des anderen: „Zahle, was du schuldig bist, auf Heller und Pfennig! Den muss man mal zappeln lassen.“ - Sicher, wir vergeben schon einmal, wenn's hoch kommt auch ein zweites, drittes, sogar siebtes Mal. Aber dann ist Schluss. Da hört es auf mit der Gemütlichkeit! Das geht zu weit!
Vielleicht geht es rein menschlich gesehen wirklich zu weit. Doch Jesus ist weitergegangen; siebzigmal siebenmal ist er weitergegangen über alle Grenzen hinaus, über die Grenzen der Stadt Jerusalem hinaus nach Golgota. Mit dem Einzug in die Stadt beginnt der Auszug dorthin, wo Verbrecher hängen! Als Gemeinde finden wir uns wieder an diesem Ort, unter dem Kreuz. Genau dort hören wir das befreiende Wort: Alles ist gut!
- Wenn wir uns unter das Kreuz stellen, dann betreiben wir keine neue Kosmetik vor dem Spiegel unseres Lebens. Wir brauchen unsere Falten und Runzeln weder überschminken noch unsere Fehler unter den Teppich kehren.
- Wenn ein Kind seine Mutter belügt oder ein Mann seine Frau hintergeht, dann zerbricht etwas. Da kann man nicht einfach sagen: Wir drücken ein Auge zu. Schwamm drüber!
Wohl aber kann die Liebe größer sein als das, was sich zwischen die beiden gestellt hat. Das ist Vergeben und Vergessen. Dazu sind wir aufgefordert: immer neu, nicht nur siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Wir sollten es nochmal versuchen, auch wenn vieles dagegensteht. Konkreter brauchen wir nicht werden. Jeder von uns hat wohl irgendetwas wiedergutzumachen.
So ist diese Lesung heute viel mehr als das „Spieglein an der Wand“. Im Märchen diente es nur zur Selbstbespiegelung: „Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Der Spiegel des Paulus möchte unser kritisches Gegenüber werden, indem es das Unausgegorene und Unverdaute in unserem Leben bespiegelt. Unangenehm, wenn wir an Magenspiegelungen denken, und trotzdem so notwendig und fast erlösend, wenn dadurch gefährliche Krankheiten noch rechtzeitig gebannt werden können. Die Kirche gibt uns noch einen Spiegel in die Hand, der uns vor der einschläfernden und selbstzufriedenen Selbstbespiegelung bewahren kann: den Beichtspiegel.
In diesem Spiegel soll ich mich sehen, wie ich bin. Auch wenn ich es nicht einmal fertigbringe, dem anderen bis zu siebenmal zu verzeihen, hier stehen wir vor einem Spiegel, in den wir siebzigmal siebenmal schauen können, ohne uns schämen zu müssen. Ich bin mir bewusst, dass manche von uns eine Schwellenangst daran hindert, in diesen Spiegel zu schauen. Wie viele Gesichter hat diese Angst: Scheu, sich seiner Schuld zu stellen; schlechte Erfahrungen bei früheren Beichten; Hemmungen vor der Armut der eigenen Worte; Furcht davor, man könne beim Beichten etwas falsch machen, weil einem die Praxis schon jahrelang fehlt.
Ich bitte Sie: Überspringen Sie den Schatten - nicht bis zu siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal! Vergessen Sie bitte schlechte Erfahrungen, die Sie möglicherweise mit der Beichte gemacht haben! Vielleicht haben Sie einmal bedrückter und verkrampfter den Beichtstuhl verlassen, als Sie vorher hineingegangen sind. Ich weiß: Solche Erfahrungen kann man nicht auf Befehl ungeschehen machen, aber man sollte sie auch nicht zur Entschuldigung dafür nehmen, sich auf dem Status quo auszuruhen. Wie belastend können auf Dauer gestörte menschliche Beziehungen sein, obwohl wir es bis zu siebenmal versucht haben, einzulenken. Gerade in der Zeit vor Ostern bietet uns Jesus durch die Kirche an, unsere belasteten Beziehungen wenigstens zu ihm zu tragen und von ihm heilen zu lassen; dazu gehört auch das eigene Ich, mit dem wir selbst nicht fertig werden!
Der Dichter Max Frisch schreibt einmal: „Ein Katholik hat die Beichte, um sich von seinem Geheimnis zu erholen. Eine großartige Einrichtung. Er kniet und bricht sein Schweigen, ohne sich den Menschen auszuliefern.“ Das heißt: Der Mensch kann sich in der Beichte selbst mitteilen im Wissen darum, dass sein Versagen nicht zu Markte getragen wird. Er spricht sich aus, wobei er für sich persönlich die Zusage zurückerhält: „Deine Sünden sind dir vergeben. Du kannst erleichtert nach Hause gehen.“ Ein anderer, von dem wir es wahrscheinlich gar nicht erwartet hätten, schreibt: „Die heimliche Beichte will ich mir von niemandem nehmen lassen und wollte sie nicht um der ganzen Welt Schätze geben, denn ich weiß, was Stärke und Trost sie mir gegeben hat.“ Worte von Martin Luther.
Hier haben auch wir Priester zu lernen. Im Beichtstuhl kann und darf es nicht darum gehen, einer Schwester oder einem Bruder im Glauben auf den Zahn zu fühlen oder gar Peinlichkeiten zu schaffen. Wir haben nicht zu schimpfen oder anzuklagen. Unsere Rolle ist die des barmherzigen Vaters, der Gottes Vergebung weiterschenkt.
Was uns allen helfen könnte, wäre Solidarität in der Schuld; Sünder sind wir alle, jeder hat seine Fehler. Deshalb erheben wir uns nicht und spielen kein Theater vor. Auch der Priester braucht einen Mitbruder, um sich von seiner eigenen Schuld freisprechen zu lassen. Nicht einmal der Papst kann sich selbst die Absolution geben. Auch er muss niederknien vor einem Geistlichen, dem Christus die Stimme leiht, um seinem Stellvertreter auf Erden zu vergeben.
Halten wir uns das einmal bewusst vor Augen! Vielleicht wird es uns dann leichter, das auszusprechen, was uns bedrückt: es ans Licht zu bringen nicht auf der Psychologencouch, sondern vor Gott. Er hält uns einen Spiegel hin, in den wir ehrlich hineinschauen können. Die Beichte ist Aufklärung: nicht über Dinge, über die man nicht gern spricht, sondern über unser Leben. Sie hilft uns, Licht ins Dunkel zu bringen, Klarheit ins Unentschiedene und Reinheit ins Schmutzige. Allerdings stellt uns dieser Spiegel nicht vor die Frage: „Wer ist die oder der Schönste im ganzen Land?“ Beim Blick in den Spiegel schlägt uns die Stunde ungeschminkter Wahrheit: „Prüft, was dem Herrn gefällt, und habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis, die keine Frucht bringen, sondern deckt sie auf!“ (Eph 5,10f.) Der Spiegel deckt auf und klärt, denn er blendet nichts aus. Aber zugleich verbindet er und heilt: In die Selbstbespiegelung unseres Ichs kommt plötzlich Licht: Das Kreuz wird eingeblendet - der Ort, an dem die Millionenschuld des Menschen ein für alle Mal eingelöst wurde. Deshalb dürfen wir immer wieder zu Kreuze kriechen - nicht nur bis zu siebenmal, sondern sooft wir es nötig haben: siebzigmal siebenmal. Das Kriechen zu Kreuz wird uns aufrichten.