am 22. März 2026 in St. Magnus in Huglfing
Den Stein der Mission ins Rollen bringen
Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, liebe Gläubige aus Huglfing, Oberhausen, Eglfing und Umgebung, liebe Missionare, liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Wir sind heute zum Abschluss der Missionarischen Woche in dem Ort versammelt, der vor wenigen Monaten als „schönstes Dorf Europas“ ausgezeichnet wurde. Goldmedaille plus!
Sie steht für Umwelt- und Naturschutz, für Bürgerbeteiligung, für Zusammenhalt über die Generationen hinweg, für viel Gutes, was nicht selbstverständlich ist, was erarbeitet und getan werden muss und was Sie in Huglfing offenbar gekonnt umsetzen. Als Bischof und Christ möchte ich die Reihe um ein Merkmal ergänzen, was meiner Ansicht nach in einem schönsten Dorf niemals fehlen sollte: der lebendige Glaube an Gott! Ereignisreiche Tage liegen hinter Ihnen, in denen - wie ich hoffe - dem ein oder anderen die Schönheit unseres christlichen Glaubens neu aufgegangen ist. Für viele war es sicher ungewohnt, dass junge Menschen frei und offen für den Glauben einstehen und in eigenen Worten und Erfahrungen erzählen, was die eben gehörten Texte verkünden: „Ich öffne eure Gräber und hole euch (…) herauf!“ (Ez 37,12b) – das lässt Gott sein Volk schon im Alten Bund durch den Propheten Ezechiel wissen. Oder Paulus im Brief an die Römer, der sinngemäß sagt: „Wenn der Geist Gottes in euch wohnt, dann gehört ihr nicht dem Tod; Gott wird eure sterblichen Leiber lebendig machen“ (vgl. Röm 8,11). Und zuletzt das Wunder, das Jesus bei seinen Freunden in Betanien wirkt: Er ruft: „‘Lázarus, komm heraus!‘ Da kam der Verstorbene heraus“ (Joh 11,43.44).
Gott will, dass wir leben! Diese Zusage springt uns aus allen drei Texten des 5. Fastensonntags entgegen. Wir nähern uns Ostern, dem wichtigsten Fest im Jahreskreis, das die Auferstehung Jesu Christi feiert, seinen Sieg über den Tod. Es ist eine Botschaft, die ausnahmslos alle Menschen betrifft. Sie dürfen ihren eigenen Namen an die Stelle des Lazarus setzen: Gott, will dass du lebst!
Dieses Leben, das uns die Heilige Schrift in Aussicht stellt, ist Leben über den Tod hinaus. Dieses Leben haben heißt: aus einer Fülle, einer Kraft, aus einer Beziehung leben, die uns schon im Hier und Jetzt auf ungeahnte Weise bereichert, ja, die das Leben im tiefen und umfassenden Sinn schöner macht. Es ist die Beziehung zwischen Gott und Mensch, zu der wir als Gemeinschaft und auch jede und jeder persönlich gerufen sind; es ist die Beziehung zu einem Gott, der uns nicht niederdrückt, sondern der uns emporhebt!
Aber spüren wir manchmal nicht recht wenig davon in unseren Kirchen? Wirkt es nicht so, als ob der Zugang zu Gott „verstopft“ ist und wir die Freude und das Glück der biblischen Protagonisten nicht wirklich nachempfinden können? Und das, obwohl vielleicht sogar alle der hier Anwesenden getauft sind und damit dieses neue Leben schon empfangen haben. Ja, wir tragen es in uns, aber es ist kein Automatismus! Die gute Nachricht ist: wir können etwas tun! Schauen wir dazu noch einmal ins Evangelium hinein. Jesus möchte Lazarus neues Leben schenken und betraut seine Freunde im Vergleich dazu mit einer relativ kleinen Aufgabe: Sie sollen den Stein wegschaffen, der den Zugang zum Grab verschließt. Der Geist Gottes braucht freie Bahn, damit er seine Wirkung entfalten kann. Den größeren Teil erledigt Gott, aber der Mensch leistet seinen Beitrag. Wir sind heute diejenigen, die als Freunde Jesu damit beauftragt sind, Steine wegzuschaffen.
Um welche Steine handelt es sich und was bedeutet es, sie aus dem Weg zu räumen?
Da mag es zum Beispiel den Stein der Gleichgültigkeit oder gar Enttäuschung gegenüber Gott in uns geben. Diesem Stein dürfen wir ein entschiedenes Ja entgegensetzen: Ich will neu versuchen, Gott einen festen Platz in meinem Alltag einzuräumen. Denn ich will dieses Leben spüren, das von ihm ausgeht. Mit dem Ja zu Gott kommt früher oder später die Frage nach der Kirche auf. Bin ich bereit, das Gute und Schöne zu sehen und zu fördern, das Gott mir durch seine Kirche schenken möchte? Skandale und Verletzungen sind wie ein Steinhaufen, der die Schätze des Glaubens unter sich begräbt. Den gilt es freilich abzutragen! Zugleich müssen wir eingestehen, dass Kirche nie eine Versammlung schuldloser Menschen war. Jesus Christus ist es, der uns alle zusammenhält. Er allein ist der vollkommen Gute. Machen wir uns auf, ihm zu begegnen, und bauen wir daran mit, dass er für viele andere erfahrbar wird!
Nicht wenige Steine, über die wir stolpern, liegen im zwischenmenschlichen Bereich. An manche haben wir uns gut gewöhnt: Da ist vor langer Zeit ein böses Wort gefallen; ein anderer hat sich genommen, was eigentlich mir zusteht, und dort drüben sind Leute eingezogen, die überhaupt nicht hierher passen. Wir müssen nicht mit jedem auf einer Wellenlänge sein, aber wer Beziehung an allen Enden und Ecken verweigert, pflastert seinen Lebensweg mit Steinen, die keine Straße, sondern eine Mauer bilden. Eine solche Mauer hält einen Menschen lebendig begraben und selbst der Herrgott kommt nur schwer hindurch. Liebe Schwestern und Brüder, zwei Wochen bis Ostern haben wir noch. Nutzen wir die Fastenzeit, um den ein oder anderen Stolperstein aus unserem Leben bewusst aufs Abstellgleis zu verbannen!
Gott traut uns zu, Steine zu versetzen, manche liegen in unserer Hand, andere müssen wir gemeinsam wegschaffen. Ich möchte aber nicht verschweigen, dass wir bei dieser Aufräumarbeit auch auf Gestein treffen, das unverrückbar scheint: etwa dort, wo wir machtlos vor der Weltkarte stehen, auf der einige Mächtige immer neue Kriege entfachen. Oder denken wir an traumatisierte Menschen: das Leben kann Wunden schlagen, die schwer auf der Brust liegen – undenkbar, dass diese Steine einmal fallen können… Vielleicht leidet der ein oder die andere unter uns auch an Mechanismen in der eigenen Familie, die festgefahren sind wie ineinander verkeilte Steine und die immer wieder neue Verletzungen zuführen. Oder wir merken bei einem ehrlichen Blick in uns selbst, dass wir hart geworden sind, wie gelähmt und außer Stande, dem Ruf Jesu Christi zu folgen. Was tun wir mit solch hartnäckigen Formationen?
Vor zwei Wochen wurde aus dem Johannesevangelium die Begegnung Jesu mit einer Frau am Jakobsbrunnen verkündet. Jesus verwendet das Bild des Wassers, um davon zu sprechen, wie der Heilige Geist in uns wirkt. Wasser bringt Steine zum Erodieren! Das Wasser, das wir von Gott empfangen, wenn wir an seiner Seite gehen - es schleift auch die härtesten Steine nach und nach ab, bis sie brüchig werden. Es braucht Geduld und Vertrauen darauf, dass Gott sich der Steine annimmt, die für uns zu schwer sind.
Steine wegschaffen – dafür darf die Missionarische Woche ein neuer Aufschlag sein. Lieber Pater John, Sie hatten den Mut, diese Woche für den Glauben anzufragen. Und ich danke an dieser Stelle Euch jungen Missionaren und dem Team der Evangelisierung, dass ihr Euch mit so viel Freude, Einsatz und Hoffnung auf den Weg hierhergemacht habt. Mission ist ein Stein, den man nur gemeinsam bewegen kann: Daher gilt ein ganz großes „Vergelt‘s Gott“ allen Frauen und Männern aus der Pfarreiengemeinschaft, die sich auf dieses Projekt eingelassen haben; die tatkräftig mitorganisiert, gekocht, Räume vorbereitet und Werbung gemacht haben. Danke an alle, die die Tage kirchenmusikalisch bereichert und durch Gebet begleitet haben und an alle, die ihre Türen geöffnet haben: die Türen zu ihren Häusern und zu ihren Herzen. Sie alle haben einen Stein ins Rollen gebracht!
Ich bitte Sie: Rollen Sie diesen Stein gemeinsam weiter! Das heißt Sendung: Gott das Herz öffnen, mit ihm an einem Strang ziehen und auf seine Gegenwart vertrauen. Bitten wir in dieser Heiligen Messe um seinen reichen Segen, dass diese Woche fruchtbar wird, damit dort, wo etwas ins Rollen gekommen ist, neue Kräfte freigesetzt werden, die den Alltag der ganzen Pfarreiengemeinschaft beleben!