m Hohen Dom zu Augsburg
Ein Stein kommt ins Rollen
Sein oder Nicht-Sein. Manchmal geht es im Leben um alles. Schauen wir in die Welt des Sports: Am Ende der Saison geht es oft um alles: Aufstieg oder Abstieg? Meister oder nicht? Championsleague oder Eurocup? Im Theaterstück „Hamlet“ von Shakespeare wird dies auf den Punkt gebracht: „Sein oder Nicht-Sein. Das ist hier die Frage.“
Manchmal geht es tatsächlich um alles oder nichts:
Wir kennen das aus unseren menschlichen Beziehungen. Ein Ehepaar steht am Scheideweg. Und dann muss man sich entscheiden. Bleiben oder gehen?
So etwas gibt es auch im Krankenhaus. Manchmal steht es Spitz auf Knopf. Es geht um Leben und Tod.
Ähnliches erleben wir in unseren Behauptungen und Feststellungen, die wir machen: Auf einmal steht Aussage gegen Aussage. Da geht es um Wahrheit oder Lüge. Sein oder Nicht-Sein der Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel.
Ostern vor 2000 Jahren war auch so ein Moment. Ein Stein kam ins Rollen. Wir kennen das doch auch – werden Sie denken: Die Regierung bringt Steine ins Rollen. Vieles ist im Umbau begriffen, alles kommt auf den Prüfstand: vom Gesundheitssystem bis zur Rente. Krisen und Kriege belasten uns. Die Zeitenwende wird gebetsmühlenartig beschworen. Niemand bezweifelt die Notwendigkeit, die Steine so ins Rollen zu bringen, dass längst fällige und aufgestaute Reformen endlich auf den Weg kommen – auch in der Kirche. Aber wenn das alles ist! Dann unterscheiden wir uns nicht von Business-Leuten und Politikern.
Heute ist Ostern. Auch da kam ein Stein ins Rollen. Aber nicht irgendwelche starken Männer haben den Stein weggewälzt, sondern Gott selbst war es, der die Initiative ergriff. Auch damals gab es nur zwei Möglichkeiten: Sein oder Nicht-Sein.
Die erste Möglichkeit: Jesus war tot, und er blieb tot, für immer. Dann wäre er ein begnadeter Prediger gewesen, eine charismatische Persönlichkeit wie einst Barak Obama oder Johannes Paul II. Aber eben nicht mehr. Der Stein wäre vor dem Grab liegen geblieben, für immer. Dann hätten die Mächtigen Erfolg gehabt. Judas und Hannas, Kaiphas und Pilatus wären am längeren Hebel gesessen. Da hätten sie in ihrer konzertierten Aktion, die dreißig Silbermünzen kostete, diesen unbequemen Propheten zum Schweigen gebracht, für immer.
Doch es kam anders. Die zweite Möglichkeit: Ein Stein kommt ins Rollen. Der Stein, um den sich alles dreht: Leben und Tod. Der Stein, der den Tod Jesu besiegelt hat, ist auf einmal weggewälzt. Nicht nur, dass solche Grabsteine ein Gewicht von mindestens 1.000 Kilo hatten, wiegt schwer: Das Grab war leer. Das haut selbst stärkste Männer um; die Soldaten, die Wache hielten, schlug es k. o. Und die Frauen, von denen wir hörten, dass sie mit Balsam und Öl den Toten konservieren wollten? Ein Chaos der Gefühle: Gefühle, die geradezu Achterbahn fahren. Eben erst mussten sie noch zuschauen, wie Jesus ans Kreuz genagelt wurde; dann mussten sie den Verlust verarbeiten; und heute nun der Schock, als sie plötzlich vor dem leeren Grab standen. Wie ist das zu erklären?
„Fürchtet euch nicht!“, sagt der Engel zu ihnen. Und dann vor dem offenen Grab keine Trauerrede, sondern die erste Osterpredigt: „Ihr sucht Jesus am falschen Platz. Er ist nicht da. Er ist auferstanden.“
Fürchtet euch nicht! Das haben wir doch schon einmal gehört: auf dem Hirtenfeld bei Bethlehem. Jetzt wieder: Fürchtet euch nicht! Am Gartengrab bei Jerusalem. In Bethlehem waren es Hirten, bei Jerusalem sind es Frauen: Hirten und Frauen – damals Menschen „zweiter Klasse“, wenig glaubwürdige Zeugen, die mit den Knackpunkten der Erlösung vertraut gemacht werden. Da kommt wirklich ein Stein ins Rollen: Frauen und Hirten verkünden das Evangelium. Was könnte das bedeuten über Weihnachten und Ostern hinaus, für unsere pastoralen Dienste in der Kirche, auch für die amtliche Verkündigung?
Ein Stein kam ins Rollen. Der Stein, der das Grab verschlossen hatte, ist nicht Schlussstein eines erfüllten Lebensweges, sondern Wegmarke für den Beginn des neuen Lebens. Ostern ist ein tragfähiger Grundstein, groß und sichtbar für alle, die ihn sehen wollen: ein Meilenstein in der Geschichte.
Seit Ostern geraten Steine ins Rollen, verschlossene Eingänge öffnen sich, Wege werden frei, zugedeckte Tatsachen öffentlich, neue Möglichkeiten tun sich auf. Der Schweizer Theologe Karl Barth ist sich sicher: „Wer die Osterbotschaft gehört hat, der kann nicht mehr mit einem tragischen Gesicht herumlaufen und die humorlose Existenz eines Menschen führen, der keine Hoffnung hat.“
Auf dem Weg zu einem Toten finden die Frauen den Weg zum Leben. Das ist die Botschaft von Ostern. Auch wir fragen mit den Frauen: „Wer wälzt uns bloß den Stein vom Grab?“ Wer wälzt uns den schweren Stein vom Grab,
- den Stein unserer eigenen Lebensgeschichte, den wir mittragen, wohin wir auch kommen?
- den Stein des schlechten Gewissens, der beschwert ist durch den Ballast von Wunden und Verletzungen?
- den Stein der Depression, der uns den Lebensatem abschnürt?
- den Stein der Sorge um Gottes Schöpfung, der immer drückender wird, je mehr der Globus zu einer Müllhalde verkommt?
- den Stein der Verantwortung, unter dem wir manchmal zusammenzubrechen drohen?
- den Stein der Trauer, der uns erdrücken kann, wenn wir am Sterbebett stehen und endgültig Abschied nehmen müssen?
Vielleicht drückt Sie noch ein ganz anderer Stein. Seit Ostern sind wir überzeugt: Nicht alle Steine müssen wir selbst ins Rollen bringen. Den „großen Stein“ hat Gott selber weggewälzt. Auch für Dich!
Weil Gott den Stein ins Rollen bringt bis heute, macht er uns frei, um uns den Herausforderungen dieser schwierigen Zeit zu stellen: mit Augenmaß und Treue, mit Phantasie und aller Energie. Frei auch, über den einen oder anderen Stein zu springen, der uns im Weg liegt oder uns die Sicht versperrt auf das leere Grab: An Ostern kam der Stein ins Rollen. Uns fällt ein Stein vom Herzen.