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Predigt anlässlich des St. Rasso-Festes in Grafrath

Die irdische Gemeinschaft bekommt himmlische Verstärkung

21.06.2026 13:00

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, sehr geehrte Frau Bürgermeisterin und sehr geehrte Herren Bürgermeister, liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Es ist eine einmalige Konstellation, in der wir uns hier zusammenfinden: Ich stehe Ihrem Sonntagsgottesdienst vor in einem Pfarrverband meiner Nachbar­diözese, und begrüße Sie zu diesem Patrozinium in einer Kirche, die meiner Diözese angehört.

Die Augsburger Wallfahrtskirche St. Rasso im Pfarrverband der Erzdiözese München-Freising: hier finden sich zwei Einzugsbereiche eng miteinander verwoben. Was das ein oder andere Mal für Verwirrung sorgen mag, verweist uns doch unmittelbar auf das Zentrum unseres katholischen Glaubens: auch wenn Bistümer je eigene Prägungen aufweisen, gemeinsam sind wir katholisch! Im Zentrum stehen nicht die Bistumsgrenzen - so sinnvoll Sie für die Organisation des kirchlichen Lebens sind - im Zentrum steht Christus! Das ist das kirchliche Lebensmotto.

Die Lesungen des heutigen Sonntags konfrontieren uns damit, zu überprüfen, wie sehr wir uns mit diesem Motto persönlich identifizieren. Ist der Glaube an Jesus Christus für mein Leben ausschlaggebend? Zweierlei Herrschaften -– das ist nicht nur in Grafrath der Fall, sondern so etwas ähnlichem begegnen wir auch im eben verlesenen Abschnitt des Römerbriefs. Der Herrschaftsbereich, von dem Paulus spricht, betrifft aber nicht irgendwelche Ländereien, sondern uns selbst. Es geht um unser Innenleben. Paulus macht uns darauf auf­merksam, dass wir zwei konträren Mächten in uns Raum gebe können: der Sünde, die ihre Wurzel im Hochmut Adams hat, oder der Gnade, die von Christus herkommt. Ersteres bringt letztlich Unfriede, Verletzung und Tod hervor, während die Gnade in uns das Gute stark werden lässt und Leben bedeutet. So gegenübergestellt erscheint die Wahl einfach und ja, im Grunde hat unser Glaube etwas sehr Einfaches: Gott ist der verlässlichste Partner des menschlichen Lebens; in Jesus Christus hat er uns eine Liebe gezeigt, die grenzenlos ist. Wieso sollten wir nicht darauf bauen?

Ein Festtag wie heute unterstreicht das: die feierliche Liturgie, die Musik, die gemeinschaftliche Zeit im Klostergarten, Getränke und Speisen fürs leibliche Wohl – ein Verweis auf die Fülle, die der Herrgott uns schenken möchte. Und doch wissen wir, dass es im Alltag nicht immer gelingt, der Spur Christi zu folgen. Der Mensch bleibt auch als Getaufter hin- und hergerissen. Eine Lüge hier und da, die vor unbequemen Konsequenzen schützt, die Suche nach dem eigenen Vorteil, die doch selbstverständlich ist, die breite Palette an Konsum­mitteln, die uns schnell zufrieden stellen – all das übt in unterschiedlicher Intensität einen Reiz auf uns aus. Aber Jesus ruft uns da heraus. Der christliche Lebensentwurf vertraut auf andere Maßstäbe.

Jeder von uns kennt wohl die kleineren oder größeren Kämpfe, die wir in uns ausfechten. Zugleich macht Jesus im heutigen Evangelium vor seinen Jüngern keinen Hehl daraus, dass der christliche Lebensentwurf auch noch auf einer anderen Ebene herausfordernd werden kann: als Christ inmitten einer pluralen Gesellschaft – da erntet man nicht nur Applaus! Das war bei den ersten Jüngern so und das bekommen wir heute – vielleicht sogar wieder vermehrt – zu spüren. Für die Sache Gottes einzustehen kann von außen betrachtet Nachteile bringen. Der Prophet Jeremia kann davon ein Lied singen und das in einer äußerst klagenden Tonart. Die erste Lesung gibt uns Einblick in die innerste Gedanken- und Gefühlswelt dieses Menschen. Am liebsten würde er einpacken; wie gern würde er aufhören damit, seine Stimme gegen Gewalt und Unterdrückung zu erheben. Er findet ja doch kein Gehör! Er fühlt sich sogar bedroht. Kein Wunder, denn er hat sich mit dem König angelegt. Der kleine Mann gegen den Mächtigsten im Land – was soll er da ausrichten? Aber Jeremia wirft nicht hin, die Klage verwandelt sich in Zuversicht und Lobpreis. Was motiviert ihn, was lässt ihn weitermachen? Es ist der feste Glaube daran, es ist die Erfahrung dieses Menschen, dass Gott treu ist und dass Gottes Liebe stärker ist als jedes Hindernis. Auf Gottes Wort ist Verlass! Interessant ist die Rede vom Feuer, das in Jeremia brennt und welches er nicht verleugnen kann. Wir kennen das Feuer aus der Pfingsterzählung als Bild für den Heiligen Geist. Dieses Feuer haben wir in der Taufe. Es ist unverlierbar, aber es liegt schon auch an uns, dass wir diese Flamme nicht klein halten, dass wir von uns aus versuchen, die Beziehung zu Gott und zueinander aufrecht zu erhalten – mitten im Alltag. Der Heilige Geist ist Lebensatem für unsere Seele. Als Christ leben zu dürfen ist Gabe Gottes, aber auch Aufgabe an uns. „Lügen haben kurze Beine“ sagt der Volksmund. Jesus hingegen will uns den langen Atem geben. Es lohnt sich, wenn ihr euer Leben auf den Vater im Himmel ausrichtet. Dreimal ruft er uns im heutigen Evangelium zu: „Fürchte dich nicht!“ – wie auch immer die äußeren Umstände gerade sein mögen. Jede und jeder von euch ist für Gott unendlich wertvoll.

Darauf gründet unsere christliche Hoffnung, diese Zusage Jesu schweißt uns als Schwestern und Brüder im Glauben zusammen und sammelt uns um seinen Tisch. Wir sind auf diesem Weg nicht allein. An Tagen wie heute darf das auf mehrfache Weise spürbar werden. Wenn Sie die Feier nach dem Gottesdienst fortsetzen, dann soll das Ihre Gemeinschaft untereinander im Pfarrverband wirklich stärken – im Miteinander derer, die dieses Fest stemmen, aber auch in den vielen Begegnungen und Gesprächen, die heute auf Sie warten.

Wir feiern das St. Rasso-Fest: zur Gemeinschaft untereinander tritt himmlische Verstärkung hinzu. Die Heiligen zeigen uns durch die Geschichte hindurch, dass es möglich ist, nach den Maßstäben des Evangeliums zu leben und dass so ein Leben froh und frei macht. Auch wenn heute der hl. Rasso im Vorder­grund steht, so möchte ich doch angesichts des Jubiläumsjahrs und des Klosters hier den Blick kurz auf den hl. Franziskus lenken. Ich habe zu Beginn die Besonderheiten Ihres Pfarrverbands und dieser Wallfahrtskirche erwähnt, die uns alle gewissermaßen zu Grenzgängern macht. Franziskus war Grenz­gänger mit Leib und Seele, nicht um zu provozieren, sondern auf Grund der Prinzipien, denen er folgte. Sein Auftreten war in vielen Punkten auch in den Augen der damaligen Welt unkonventionell. Eines war ihm wohl schon früh anzumerken: sein Wesen war geprägt von tiefem Respekt, Mitleid und Ver­bundenheit für seine Nächsten, ja sogar für alles Lebende. Hinzu kam die Erfahrung der Liebe Gottes, die Christus ganz ins Zentrum seines Lebens rückte. Franziskus verkörpert Gottes- und Nächstenliebe par excellence, zwei Prinzipien, die bei ihm alles andere in den Schatten stellten – nicht zuletzt auch jede Sehnsucht nach Komfort und irdischer Sicherheit. Und ohne dass er von anderen die gleiche Lebensweise erwartet hatte, hat sein Vorbild eine solche Anziehungskraft entwickelt, das daraus einer der größten Orden weltweit hervorging.

Auch wenn über den Grafen Rasso weniger bekannt ist als über Franziskus, der nur wenige Jahrzehnte nach ihm gelebt hat - wir wissen, dass der hl. Rasso für die Menschen, die hier lebten, immer von Bedeutung war. Seine Bedeutung ist vor allem regionaler Natur. In unseren Breitengraden gibt es mehrere Kapellen, die sein Patrozinium tragen. Das zeigt uns: das Heilige ist nicht fern, es ist mitten unter uns! Die Wallfahrtskirche ist seit langem ein Ort, an dem Menschen ihre Anliegen sicher aufgehoben wussten. Die Mirakelbücher aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit berichten von über 10.000 Menschen, deren Bitten auf die Fürsprache des hl. Rasso Gehör fanden.

So darf ich Sie ermutigen, dass auch Sie Ihre Anliegen vertrauensvoll vor­bringen. Und vielleicht möchten Sie an diesem Tag – angespornt durch die biblischen Texte und das Vorbild der Heiligen – ergänzen: „Ja, ich will zu Christus gehören!“ Möge die Flamme der Taufe mit Gottes Hilfe und auf die Fürsprache der Heiligen noch stärker in uns zum Leuchten kommen. Als Bischof von Augsburg möchte ich Ihnen dafür den reichen Segen Gottes wünschen und für das Fest heute: viele bereichernde Gespräche und Begegnungen. Ich darf meine Predigt mit dem franziskanischen Gruß enden: Pax et bonum! Friede und Wohlergehen Ihnen allen!