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Predigt im Festgottesdienst zum 450jährigen Jubiläum der Klosterkirche Maria Stern zu Augsburg

Ein Kraftort für die Seele

26.07.2026 11:48

Liebe Generaloberin Sr. Solange, liebe Provinzoberin Sr. Concordia, liebe ehrwürdige Schwestern von Maria Stern, liebe Wohltäterinnen und Freunde der ganzen Kongregation, die Szene, die uns das Johannesevangelium hier schildert, können wir uns wohl alle sehr gut vorstellen. Sie ist so anschaulich wie ein Film.

Hier ein mittags­müder Wanderer am Brunnen, dem köstlichen Wasser so nah und doch ohne Schöpfgefäß, um seinen Durst zu stillen, und da eine Frau aus der nahen Stadt Sychar, die zu dieser ungewöhnlichen Zeit, in der die Sonne am höchsten steht, ihren Wasserkrug füllen will. Auf die Bitte des Unbekannten, ihm zu trinken zu geben, antwortet sie furchtlos und hellwach mit einer provokanten Frage: „Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um etwas zu trinken bitten?“

Und sie tut dies nicht, weil sie herzlos ist, sondern weil sie weiß, dass es die jüdischen Gläubigen sind, die auf die Samariter wegen ihrer eigenen religiösen Tradition herabschauen und den Kontakt mit ihnen sonst peinlich vermeiden. Sie weiß nur zu gut, dass die meisten Juden einen großen Umweg machen, um nicht das Gebiet der Samariter durchqueren zu müssen, ja noch mehr: dass sich ein Jude beschmutzt fühlt, wenn er die Hilfe einer Angehörigen des samaritanischen Volkes in Anspruch nehmen muss. Ihre Frage beinhaltet also auch das Erstaunen über diesen jüdischen Rabbi, der sich einfach so über die jahrhundertealte „gepflegte Feindschaft“ hinwegsetzt. Nicht zuletzt ist vielleicht auch ein Quäntchen Misstrauen dabei: Was führt dieser Mann im Schilde, dass er in der größten Mittagshitze an dem Brunnen sitzt, den der Stammvater Jakob uns hinterlassen hat, und Kontakt mit sonst verachteten Menschen sucht?

Jesus aber geht es nicht darum, überkommene Abgrenzungen zu bestätigen oder Rechtgläubigkeit einzufordern. Indirekt honoriert er die Schlagfertigkeit dieser Frau, indem er das Gespräch auf die theologische Ebene hebt: „Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben“ (Joh 4,10).

Finden Sie es nicht auch interessant, dass er seine Antwort bereits in die Vergangenheitsform setzt? Das wirkt so, als hätte die Samariterin ihre Chance bereits gehabt, aber: leider verpasst, weil sie eben „die Gabe Gottes“ nicht kennt. Doch die namenlose Samariterin lässt sich nicht so leicht einschüchtern, sie ist eine gute Beobachterin und mehr noch: Sie hat sich religiöses Selbst­bewusstsein erarbeitet.

Ihre jetzt noch zahlreicheren Rückfragen zeigen aber auch: Nun hat sie, wenn man so will, fast „Feuer gefangen“. Dieser Mann und seine geheimnisvollen Aussagen zu Gottes Wirken in ihrem ganz persönlichen Leben interessieren sie wirklich! Zu ihrer eigenen Überraschung sieht sie sich von dem Fremden, der doch zu denen gehört, die sich selbst immer als die einzig Rechtgläubigen bezeichnen, ernst genommen. Wir dürfen vermuten: Sie hat bisher nicht wenig darunter zu leiden gehabt, einer Volksgruppe anzugehören, die beim domi­nanten Nachbarvolk kein Ansehen genießt.

Dieser Rabbi jedoch wendet sich nicht einfach ab oder wird grob, sondern er begegnet ihr auf Augenhöhe. Er bleibt konsequent beim Thema Wasser, scheint aber seinen eigenen Durst ganz vergessen zu haben, weil er einen an seiner Botschaft interessierten Menschen vor sich hat. Tatsächlich: Jesus geht es, damals wie heute, um jeden einzelnen Menschen. Er wendet sich allen zu, ganz gleich, was „die anderen“ denken, selbst wenn es seine Jünger oder heute von sich überzeugte Christen sind. Für ihn zählt immer der Augenblick, in dem sich ein Mensch vorbehaltlos öffnet und seine Sehnsucht nach Heil und Heilung artikuliert!

Das ist die Chance für die Samariterin: Wie selbstverständlich lenkt sie das Gespräch auf den Ort, an dem ihre Vorfahren der Tradition folgend zu Gott beten, anders als die Juden, die sich auf den Jerusalemer Tempel berufen. Die Antwort Jesu ist so überraschend wie geheimnisvoll. Denn bis heute gehen auch wir Christen davon aus, dass es Gnadenorte - oder mit einem modernen Wort: Kraftorte - gibt, an denen es gut und sinnvoll ist, Herz und Sinn zu Gott zu erheben. Für Sie, liebe Schwestern, ist das seit 450 Jahre diese Stern-Kirche hier – die Mitte Ihres Mutterhauses.

Wie vielen Mitgliedern Ihrer Gemeinschaft, die aus den Filialen zu Gesprächen, Exerzitien oder auch zum Urlaub ins Mutterhaus kamen, schlug das Herz höher, sobald sie das zierliche Elias-Holl-Türmchen sahen. Hier nämlich ist die Heimat Ihrer Seele, hier verbrachten Sie Ihre ersten Ordensjahre vielleicht schon als Postulantin, aber sicher das Noviziat. Wenn die Mauern sprechen könnten, wüssten sie viel zu erzählen, von schüchternen oder stürmischen Gebeten, der Hingabebereitschaft junger Herzen, aber auch von manchem Schmerz, weil auch viel Ungewohntes, ja Befremdliches im Klosteralltag auf sie wartete…

Ja, wir Menschen brauchen solche Orte. Daher ist es gut und richtig, dass Sie sich als Gemeinschaft entschlossen haben, Geld und Mühe zu investieren, um dieses Schmuckkästchen für die nächsten Jahrzehnte zu ertüchtigen. Schließlich freuen sich auch viele Menschen unserer Stadt daran, die zur Eucharistiefeier oder zur Anbetung hierherkommen. Und dennoch: Die Worte Jesu sollen uns eine ständige Aufforderung sein, nicht an der äußeren Schönheit der Kirche hängen zu bleiben, sondern unser Herz auch immer wieder bewusst davon zu lösen, um eine Ahnung zu bekommen, was es für jede und jeden von uns heißen könnte, dass „die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit“ (Joh 4,23).

Die Tradition des christlichen Ostens überliefert uns, dass die namenlose Frau am Jakobsbrunnen, die nicht nur ihre Stadt zum Glauben an den Messias geführt hat, sondern bis zu ihrem Märtyrertod im Jahre 66 als Verkünderin der Frohen Botschaft tätig war, bei ihrer Taufe den Namen Photina – die Erleuchtete – erhielt. Sie wird in der Orthodoxen, der Armenisch Apostolischen und tatsächlich auch in der Römisch-Katholischen Kirche als Heilige, bei unseren orthodoxen Glaubensgeschwistern zudem als „Apostelgleiche“ verehrt. Ihr katholischer Gedenktag ist nach dem Martyrologium Romanum der 20. März und ihr Haupt, so heißt es, befindet sich im Reliquienschatz der Kirche St. Paul vor den Mauern in Rom.

Dieser ökumenische Blick über den Tellerrand ist vielleicht gerade heute besonders notwendig und hilfreich, wo Vereinfachung und Verengung, Schwarz-Weiß-Denken und eine gewisse Lernunwilligkeit in weiten Kreisen der Gesellschaft vorherrschen. Lassen wir uns nicht davon beeindrucken, dass mit Hinweis auf die zahlreichen Menschen, die bei uns Zuflucht und Schutz suchen, die Angst vor Überfremdung geschürt wird. Gerade in unseren Reihen sollten wir solchen Versuchungen bewusst die Stirn bieten und nicht müde werden darauf hinzuweisen, dass aus der Sicht Jesu äußere Merkmale wie Hautfarbe, Herkunft, Biografie, Alter und Geschlecht einer Person eine geringe Rolle gegenüber dem spielen, was sie wirklich ausmacht: ihre Sehnsucht nach einer sinnvollen Tätigkeit, nach Glück und Geborgenheit, nach einem Familien- und Freundeskreis, der frei von Intrigen und Gewalt ist.

Gerade Sie, liebe Schwestern, die Sie alt und gebrechlich geworden sind, können durch eine klare Haltung der Nächstenliebe, die alle Menschen umschließt, in Wort und Gebet viel bewirken. Unsere oft orientierungslos gewordene Gesellschaft braucht Menschen, die wissen, was sich gehört, was „geht“ und was nicht. Sich gegen menschenverachtende Äußerungen deutlich zu positionieren, ist wichtig und ein Ausweis von Mut und Gottvertrauen. So können Sie, wenn äußere Wirksamkeit kaum mehr möglich ist, in einem tiefen Sinne der Bitte des heiligen Petrus entsprechen, die wir in der Lesung gehört haben: „Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen“ (1 Petr 2,5a). Denn darum geht es: Dass wir uns nicht mit der Sanierung dieser wunderbaren Kirche zufriedengeben, sondern in uns selbst Wohnung und Raum geben dem, dem wir alle als Christinnen und Christen unser Leben geweiht haben, ganz gleich in welcher Lebensform.