in Inchenhofen am 05.11.2023
Auf der Suche nach der wahren Freiheit
Ich freue mich sehr, nach meinem letzten Besuch im Jahr 2021, heute erneut mit Ihnen das Fest des hl. Leonhard zu feiern. Viele Kirchen und Kapellen im Bistum sind ihm geweiht; hier in Inchenhofen wird er bereits seit über 700 Jahren verehrt. Viele Gläubige, besonders aus der ländlichen Region in Bayern, rufen den berühmten „Kettenheiligen“ um seine Fürsprache an, u. a. als Schutzpatron für das Vieh und die Pferde.
Im Volksmund nennen manche ihn gar den „bayerischen Herrgott“, doch das wäre dem bescheidenen Mönch und Einsiedler sicher nicht recht gewesen. Mehr als fünfzig „Leonhardi-Wallfahrten“, meist mit Pferderitt, sind jedoch ein starkes Zeichen für die große Beliebtheit des Heiligen hier bei uns in Bayern, wobei Inchenhofen eine der historisch bedeutsamsten ist. Anlässlich der langjährigen Tradition dieses Fests habe ich mich gefragt, was jener Heilige aus Frankreich, der vor ca. 1500 Jahren gelebt hat, uns heute noch sagen kann. Dabei kam mir ein Gedanke, den ich gerne mit Ihnen teilen möchte: Für mich spiegelt sich im hl. Leonhard in vielerlei Hinsicht die Suche des Menschen nach wahrer Freiheit.
1. Vom Adelsspross zum Einsiedler
Das zeigt sich an mehreren Stellen seiner Biographie. Da ist der junge Mönch, der aus fränkischem Adel abstammend zu hohen Ehrenämtern berufen ist und dem die Übernahme eines ganzen Bistums angeboten wird. Er jedoch lehnt die Bischofswürde ab und entscheidet sich für ein Leben in der Einsamkeit und Abgeschiedenheit des Waldes. Seine Stellung in der Gesellschaft bedeutete ihm offensichtlich nichts im Vergleich zu seinem innigsten Wunsch, frei zu sein für die Suche nach Gott. In der Lesung aus dem ersten Petrusbrief, die wir hörten, wird uns vor Augen geführt, welche Würde darin liegt, Christ zu sein. Welchen Rang oder Stand man hat, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Wer einmal durch Jesus zum Glauben an Gott gekommen ist, kann die Liebe des himmlischen Vaters zu allen Geschöpfen, auch den kleinsten und schwächsten, erkennen und in den Herausforderungen des Lebens mit Hoffnung in die Zukunft blicken (vgl. 1 Petr 1,21). Das haben auch die beiden Jünger erfahren, von denen das Evangelium erzählt. Vielleicht haben Sie sich etwas gewundert, warum heute ausgerechnet dieser Text gelesen wird; ich sehe hier durchaus Verbindungen. Als Jesus den zwei Männern auf ihrem Weg nach Emmaus den Sinn der Heiligen Schrift erschloss (vgl. Lk 24,32), konnten sie etwas von dieser Nähe Gottes spüren, der allen Menschen entgegenkommt, die nach ihm suchen. Vielleicht war das auch der Grund, warum der hl. Leonhard damals aufbrach und sein Zuhause verließ, um in der Stille des Waldes besser hören zu können, was die Stimme Gottes ihm sagen wollte. So wurde aus dem Adelsspross mit Aussicht auf große Karriere ein einfacher Einsiedler, welcher der Legende nach alles Gold und Silber ablehnte, das der König ihm nach einer wundersamen Rettung seiner Frau und seines Kindes anbot, und stattdessen nur um ein paar Bäume bat, damit er zurückgezogen von der Welt Gott allein dienen konnte.
2. Vom Freiheitssuchenden zum Befreier
Im Wald von Limoges (in Frankreich) geschah es dann auch, dass er von seiner Zelle aus predigte und Kranke heilte, die zu ihm kamen. Große Bekanntheit erlangte er vor allem durch seinen Einsatz und das Gebet für die Gefangenen. Er besuchte nicht nur Menschen, die in Ketten lagen, sondern erwirkte für viele die Freilassung beim König, er nahm sie auf und half ihnen, einen Weg zurück ins Leben zu finden. Mit diesem Werk der Barmherzigkeit, das gleichsam einen Akt der Resozialisierung beinhaltete, wie wir heute sagen würden, war er seiner Zeit weit voraus. Fragen wir uns an: Welche Abwege und Gefangenschaften drohen uns heute? Mit Sorge nehme ich wahr, dass bei einer stetig wachsenden Digitalisierung unserer Gesellschaft gleichzeitig immer mehr Menschen vereinsamen. Während der Medienkonsum vor allem bei Jugendlichen stark zunimmt, droht nicht selten ein Verlust hinsichtlich der Beziehungsfähigkeit. Andere haben das Gefühl, den Ansprüchen nicht gewachsen zu sein; sie leiden unter dem inneren Zwang, sich ständig selbst optimieren zu müssen. Das alles sind Formen von Unfreiheit, die Menschen niederdrücken und klein machen. Der hl. Leonhard hingegen zeigt uns einen Weg, wie wir zur wahren Freiheit gelangen können, indem wir innerlich frei werden für das, was Gott für uns vorgesehen hat – einen Heilsplan fernab von gesellschaftlichen Erwartungen und Zwängen. Leonhard hat Menschen nicht nur aus der äußeren Gefangenschaft befreit, sondern auch versucht, sie zu einem Leben in Fülle zu führen, das Jesus allen versprochen hat, die ihm folgen (vgl. Joh 10,10).
3. Vom einfachen Mönch zum Nothelfer
Schnell zogen das weite Herz des hl. Leonhard und sein unermüdlicher Einsatz für Arme und Notleidende viele Leute an. Das machte ihn schon zu Lebzeiten überregional bekannt. In Süddeutschland wird er bis heute als Nothelfer verehrt. Unzählige Votivbilder erzählen davon, wie hilfreich der Heilige sich in vielen Krisen erwiesen hat. Vergessen wir dabei aber nie, dass der einfache Mönch nichts allein aus sich heraus tun konnte, sondern nur aus der innigen Beziehung zu Gott. Nicht wir Menschen - auch keine Ausnahmeerscheinungen wie der hl. Leonhard - können diese Wunder wirken, sondern nur der Vater im Himmel, der in und durch uns in dieser Welt handeln möchte. Schauen wir dazu nochmal in die Erzählung der Emmausjünger: Eine Frage, die Schülerinnen und Schüler gerne stellen, lautet: Wohin ist Jesus eigentlich gegangen, nachdem er die beiden Jünger nach dem Brechen des Brotes verlassen hatte? Im Evangelium heißt es lapidar: „Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn; und er entschwand ihren Blicken.“ (Lk 24,31) Mich beeindruckt die Antwort eines Bauern aus Brasilien, die ich einmal gelesen habe. Dieser meinte, Jesus sei „in die beiden Jünger hinein verschwunden“. Dahinter steht die Vorstellung, der Auferstandene sei nun unsichtbar in den beiden Jüngern gegenwärtig und sein Geist entflammte ihre Herzen. Das trifft den Punkt! Denn wir lesen, dass die anfangs traurigen Männer plötzlich voller Euphorie nach Jerusalem zurückeilen und den elf Aposteln davon berichten, was sie unterwegs erlebten und wie sie Jesus erkannten, als er das Brot mit ihnen brach. Befreit von ihren Sorgen und Ängsten können sie nun wieder Freude empfinden, denn der auferstandene Herr lebt und wirkt in ihnen.
Wir alle sind Pilgerinnen und Pilger auf der Straße des Lebens, und es ist gut, dass Gott uns immer wieder Menschen wie den hl. Leonhard schickt, an denen wir uns orientieren können und die uns zeigen, worauf es wirklich ankommt. Der gütige Mann lehrt uns, dass wahre Freiheit weder im Reichtum noch im Ansehen liegt. Nur die Wahrheit macht frei (vgl. Joh 8,32) und diese Wahrheit wurde vor 2000 Jahren in Jesus Christus als Mensch geboren; er hat unter uns gelebt und ist für uns gestorben. Die Heiligkeit Leonhards sehe ich vor allem darin, dass er in der Welt, aber nicht von der Welt war (vgl. Joh 17,15f.). Er zog sich zurück und suchte Gott, er ignorierte dabei aber nicht das Leid anderer, sondern half und heilte, wo er konnte. Dadurch ist er auch für mich zu einem großen Vorbild im Glauben geworden. Auf eindrucksvolle Weise zeigt er mir, was der Prophet Micha uns Menschen als Auftrag Gottes verkündet hat, wovon wir in der ersten Lesung gehört haben: „Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“ (Mi 6,8)
So schließe ich mit einem Gebet aus dem „Leonhardsmissale“ des Klosters Fürstenfeld, das ja eng mit der Geschichte der Inchenhofener Wallfahrt verbunden ist. Das Gebet wurde vor rund 700 Jahren (1317) verfasst:
„Allmächtiger und barmherziger Gott, durch die Verdienste und das Gebet deines seligen Bekenners Leonhard gewährst du die Arznei der Errettung allen, die seine Hilfe anrufen, ob sie in Gefangenschaft leben oder in mancherlei andere Bande verstrickt sind; gewähre uns, deinen Dienern, dass wir durch die verehrungswürdige fromme Fürsprache dieses Heiligen in allen Bedrängnissen des Leibes Hilfe erlangen und auch von den Fesseln der Sünde durch deine unvorstellbare Güte befreit werden.“[1]
[1] Tagesgebet aus dem „Leonhardsmissale“ des Klosters Fürstenfeld. München, Bayerische Staatsbibliothek Clm 6915, aus: Peter Pfister (Hrsg.): Ihr Freunde Gottes allzugleich - Heilige und Selige im Erzbistum München und Freising. München 2003, S. 172-175.