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Predigt im Hohen Dom zu Augsburg am Gründonnerstag

„Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“

02.04.2026 20:00

Liebe Schwestern und Brüder, diese Frage stellt Jesus seinen Jüngern, nachdem er ihnen die Füße gewaschen hat: Dem Petrus, dem butterweichen Felsenmann. Dem Andreas, der seinen jüngeren Bruder Simon Petrus zu Jesus geführt hat. Dem Philippus, der aus der strengen Schule der Johannesjünger zu Jesus gefunden hat.

Dem Matthäus, der ursprünglich sein gutes Geld als Zöllner verdient hat.

Dem Bartolomäus, der aus der Schule der Schriftgelehrten kam.

Dem Jakobus, den wir als ersten Bischof von Jerusalem verehren.

Dem Johannes, den Jesus liebte und der beim Abschiedsmahl an seiner Brust ruhen durfte.

Seinem Bruder Jakobus, der - wie Johannes - als „Donnersohn“ galt, als Polterer wegen seines ungestümen Temperamentes. Er durfte mit Petrus und Johannes auf den Verklärungsberg und zum Ölberg - der erste Märtyrer unter den Aposteln.

Dem Thomas, der besonnen, fragend, zweifelnd immer gut war für eine Zwischenfrage.

Dem Eiferer Simon, der wohl als kämpferisch nationalistischer Zelot gelten darf.

Dem Judas Thaddäus, der aus ähnlichen Kreisen ein politisches Messiasbild mitgebracht hat.

Dem Judas Iskariot, der ihn verraten hat.

Ihnen allen wäscht Jesus die Füße - einem nach dem anderen. Der Kreis der Apostel ist unser Kreis, Modell einer christlichen Gemeinde, die sich hier versammelt: viele Gesichter, viele Lebensgeschichten, viele Schicksale, viele Erwartungen, viele Talente und Möglichkeiten, ebenso viele Ecken und Kanten. Und wie ER die Zwölf im Abendmahlsaal angenommen und zusammenge­bunden hat, so schweißt er uns heute Abend zusammen mit unseren Runzeln und Falten, mit unseren Sprachen und Mentalitäten, mit unseren Sympathien und Blockaden.

Begreift ihr, was ich an euch getan habe? So fragt Jesus uns.

Liebe Schwestern und Brüder,

wer die Fußwaschung nach der alten Lebensweisheit deutet, der Mensch sei edel, hilfreich und gut, der greift zu kurz. Die Fußwaschung ist eine Zeichenhandlung. Ihre Menschlichkeit ist gleichsam der Angelhaken, mit dem Jesus uns in die göttliche Sphäre hineinzieht. Hier geht es nicht nur um eine Geste, hier spüren wir Gottes Herzschlag für uns. Fußwaschung und Abendmahl sind untrennbar: „Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“ – „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes.“ Jesus „dient“ sich gleichsam „auf“ mit Leib und Leben, mit Fleisch und Blut. Er gibt alles von sich, was er hat - nicht nur im Wort, sondern im Leben. Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Was ist es uns wert - dieses Vermächtnis des Herrn?

Pater Rupert Mayer SJ verfasste während seiner Internierung im Kloster Ettal eine Denkschrift für seine Ordensoberen, in der er über wichtige Ereignisse in seinem Leben erzählt. An einer Stelle wird deutlich, was ihm die Kommunion bedeutet hat. Es war im Jahre 1937. Er saß im Wittelsbacher Palais in Gestapo-Haft. Sein Ordensoberer Pater Rösch durfte ihn besuchen. Darüber berichtet Rupert Mayer: „Im Wittelsbacher Palais kam ich zum zweiten Mal mit Pater Provinzial zusammen. Er übergab mir ein Buch mit der Bemerkung, die Gestapo habe die Übergabe des Buches genehmigt. Während er mir das Buch in die Hand drückte, flüsterte er mir ins Ohr: ‚Hostien sind drinnen.‘ Ich ließ das Buch in der Brusttasche verschwinden und ging ganz selig in meine Gefängniszelle zurück.“

„Ganz selig“, voller Freude ging Pater Rupert Mayer in seine Zelle zurück. Warum? Weil Jesus bei ihm war. Das war ihm mehr wert als die ganze Welt. Wer Jesus hat, hat alles.

Liebe Schwestern und Brüder,

wie ist das bei uns? Kommt das auch bei uns vor, dass wir nach dem Empfang der heiligen Kommunion an unseren Platz zurückkehren – „ganz selig“ vor Freude, weil Jesus bei uns ist? Treten wir zum Tisch des Herrn im tiefen Bewusstsein, dass uns hier das Allerheiligste gereicht wird? Gehört dieses Brot nicht bekanntlich zur schwerverdaulichen Kost auf der „Menükarte“ heutiger Sinnangebote, die viel leichter und billiger zu haben sind? Es stimmt mich traurig, dass das Verlangen nach dem „Brot des Lebens“ nur bei kirchlichen Insidern wach geblieben ist. Man kann sich auch sonst gut ernähren. Es macht mich nachdenklich, dass anscheinend in jeder beliebigen Wochenendfete Gemeinschaft eher erlebt wird als in der Kommunion des Lebensbrotes. Dabei sind wir Kinder unserer Zeit, der wir nicht einfach entschlüpfen können - einer Zeit, die das Gespür für das Heilige zu verlieren droht. In der Liturgie der Ostkirche ruft der Priester vor der Austeilung der Kommunion den Gläubigen zu: das Heilige den Heiligen! Damit ist etwas Entscheidendes ausgedrückt: Eucharistie ist nicht der Tisch der Sünder, an den Jesus sich hinsetzt. Das Letzte Abendmahl war keines derjenigen Mähler, die Jesus mit „Zöllnern und Sündern“ hielt. Jesus hat die Form des Pascha gewählt - eine Mahlzeit, die in der Hausgemeinschaft einer Familie gefeiert wird. Er hat das letzte Abendmahl gefeiert mit seiner neuen Familie, mit den Zwölfen, denen er die Füße gewaschen und sie durch dieses „Bad der Vergebung“ dafür bereitet hat. Die Eucharistie ist nicht das Sakrament der Versöhnung. Deshalb gilt auch heute: „Wer unwürdig isst, der isst und trinkt sich das Gericht.“ (1 Kor 11,27f.)

Liebe Schwestern und Brüdern,

die Feier vom letzten Abendmahl soll uns wieder neu erinnern: In der Hostie wird uns das Allerheiligste geschenkt. Das Aller-Heiligste, was wir überhaupt haben, wird uns in die Hand gelegt: Jesus selbst. Ich bitte Sie: Antworten Sie heute ganz bewusst: Amen. Es ist das Bekenntnis Ihres persönlichen Glaubens:

„Ja, Herr, ich glaube dir, dass du es bist, der sich mir in diesem Brot jetzt schenkt!“ In großer Ehrfurcht sollen wir den Leib des Herrn entgegennehmen. Darüber ist uns ein sehr schönes Zeugnis überliefert. Es stammt von Bischof Cyrill, der im 4. Jahrhundert in der Grabeskirche von Jerusalem den Neuge­tauften erklärte, wie sie zur Kommunion gehen sollten. Sie sollten die Hände übereinanderlegen „wie einen Thron, um den König zu empfangen“. Und er fährt fort: „Sage mir doch - wenn dir jemand Goldkörner gäbe, würdest du dann nicht mit größter Sorgfalt aufmerken und achtgeben, dass dir nichts davon verlorengehe und du keinen Schaden leidest? Wirst du also nicht noch viel achtsamer dafür sorgen, dass dir von dem, was viel wertvoller ist als Gold und Edelgestein, auch nicht ein einziges Krümlein herunterfalle?“

Dieser sprechende Text eines heiligen Kirchenvaters zeigt uns, wie bereits in der Alten Kirche die Handkommunion gepflegt wurde und auch heute gereicht werden darf. Selbst im Abendmahlssaal hat Jesus das Brot den Aposteln nicht in den Mund gesteckt, sondern es ihnen gereicht. Nicht nur die Hand kann sündigen, sondern auch die Zunge - vom Zungenschlag bis zum Zungenkuss. Was bei der Kommunion in Gottes Augen zählt, ist nicht die Form, es ist die Haltung, das Herz. Haben wir keine Angst davor, unser Herz Gott zu schenken. Denn - so sagt Pater Rupert Mayer – „wer Gott alles schenkt, kommt nie zu kurz“. Wer ihm alles schenkt, darf ihn empfangen. Und wer ihn hat, hat alles. Das geschieht in der heiligen Kommunion. Das geschieht heute Abend.

Begreift ihr, was Jesus an uns getan hat?