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Grußwort zum Abschluss der Festwoche im Jahr der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit 2024 im Augsburger Rathaus

„Lass Dir nicht die Schneid abkaufen!“

11.03.2024 08:05

Sehr geehrte, liebe Frau Oberbürgermeisterin Weber, liebe Anwesende, heute Nachmittag haben wir über die Bitte des jungen Königs Salomo an Gott: „Gib mir ein hörendes Herz“ nachgedacht und noch bis Juli wollen wir uns in der Diözese Augsburg nach dem Vorbild des Stadt- und Bistumspatrons, des Bischofs hl. Ulrich, einüben, „Mit dem Ohr des Herzens“ auf die Stimme des Gewissens, die Bedürfnisse unserer Mitmenschen und die Erfordernisse unserer Zeit hören. Das ist aber nicht nur ein Tages- oder Jahresprogramm, nein, sondern wirklich ein lebensfüllendes und lebenserfüllendes Programm!

The Sound of Dialogue – gemeinsam Zukunft bauen, das Thema dieses Jahres der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit 2024 – 5784/5785, führt uns vom respektvollen – ja, im Blick auf die Musik auch genießenden - Hören und Sprechen zur Stärkung unseres Vertrauens und unserer Zusammenge­hörigkeit. Es ist so leicht, den anderen ‚in den Senkel zu stellen‘, in Misskredit zu bringen und ein Vakuum um ihn herum aufzubauen. Öffentlichkeit ist nicht nur gleißendes Licht, sie kann auch stockdunkel sein – es liegt in unser aller Verantwortung, dass wir unser soziales Miteinander in dieser Stadt und ihn unserer Gesellschaft, in unserem Staat pflegen, dass jede und jeder sich gehört weiß und den Platz findet, an dem er und sie mithelfen kann, an der „Zukunft zu bauen.“

Ich möchte am Ende dieser Festwoche, in der mit Igor Levit ein Pianist und Aktivist für Frieden und gegenseitige Achtung mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet wurde, an den bekannten Text eines streitbar-standhaften Protagonisten an der Schnittstelle von Musik und Literatur, Wolf Biermann, erinnern. Sein Gedicht „Ermutigung“, 1968 für Peter Huchel geschrieben, ist eine freundschaftlich-ernste Mahnung an uns alle, uns nicht ‚die Schneid abkaufen‘ zu lassen, geduldig zu sein und die Hoffnung nicht aufzugeben. Für gläubige Menschen liegt die Zukunft in Gottes Hand, der dem Volk in großer Not durch den Propheten Jeremia verheißen hat: „Ich will Euch Zukunft und Hoffnung geben“ (29,11). Doch wir alle haben gegenseitige Ermutigung bitter nötig:

 

Ermutigung

Peter Huchel gewidmet

 

Du, laß dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit
Die allzu hart sind, brechen
Die allzu spitz sind, stechen
und brechen ab sogleich
Du, laß dich nicht verbittern
In dieser bittren Zeit
Die Herrschenden erzittern
- sitzt du erst hinter Gittern -
Doch nicht vor deinem Leid
Du, laß dich nicht erschrecken
In dieser Schreckenszeit
Das wolln sie doch bezwecken
Daß wir die Waffen strecken
Schon vor dem großen Streit
Du, laß dich nicht verbrauchen
Gebrauche deine Zeit
Du kannst nicht untertauchen
Du brauchst uns, und wir brauchen
Grad deine Heiterkeit
Wir wolln es nicht verschweigen
In dieser Schweigezeit
Das Grün bricht aus den Zweigen
Wir wolln das allen zeigen
Dann wissen sie Bescheid

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Vielen Dank Ihnen allen für diesen Abend!